Editorial

Faszination Marathon: Der schmale Grat zwischen Gesundheit und Rekorden

Warum betrachtet man Durchhalten bei einem Marathon als Erfolg und den Abbruch als Versagen?

Von der Ziellinie ins Krankenhaus ging es für Berlin-Siegerin Tigist Assefa

Von der Ziellinie ins Krankenhaus ging es für Berlin-Siegerin Tigist Assefa Foto: dpa/Andreas Gora

„Warum läuft sie das Rennen nicht einfach zu Ende?“ Unter den Berichten über die Aufgabe der deutschen Profisportlerin Esther Pfeiffer konnte so mancher Kritiker das Unverständnis nicht verbergen: Die ambitionierte Athletin hatte im Vorfeld des Berliner Marathons angekündigt, bei ihrem Debüt über die 42-km-Distanz einen neuen nationalen Rekord aufstellen zu wollen.

Doch der Körper streikte. Nach 14 Kilometern im Rekordtempo stieg die 29-jährige Pfeiffer aus. TV-Bilder zeigten, wie sie sich sichtlich enttäuscht und unter Tränen den Weg zum Straßenrand ebnete, um die Konkurrenz vorbeizulassen. Schlechter Schlaf und Magenprobleme gab sie später als Gründe für das Scheitern des großen Plans an.

Hinter der Sportlerin lagen monatelanges Training, bei dem jedes kleinste Detail des Alltags auf dieses Ziel Ende September ausgerichtet war. Doch Weiterlaufen war für sie unter diesen Umständen keine Option.

Anders bei der Äthiopierin Tigist Assefa, die am Sonntag auf Weltrekord-Kurs war. Humpelnd quälte sich die Favoritin hinter dem Brandenburger Tor ins Ziel. Diagnose: gerissene Achillessehne. Schon kurz nach dem Rennen wurde die Elitesportlerin operiert. Ihre Marathonzeit: 2:11:04 Stunden und damit gleichbedeutend mit einem Streckenrekord in Berlin und der drittschnellsten Zeit der Geschichte (bei den Frauen).

Die Frage ist nicht, ob es diese Qualen wert war – sondern ob es ihr selbst wichtig genug war, mit den Konsequenzen einer sechsmonatigen Pause leben zu müssen. Ab Kilometer 40 sei der Schmerz fast unerträglich geworden: Dabei war sie zu diesem Zeitpunkt nicht nur kurz vor dem Ziel, sondern ebenfalls mit deutlichem Vorsprung auf die Konkurrenz unterwegs – angetrieben durch den Adrenalin-Schub. Nach dem Rennen sprach ihr Manager von einer „unmenschlichen Willensleistung“. Für Assefa dürften Prestige, Weltranglistenpunkte und die Sichtbarkeit für Sponsoren wichtige Faktoren gewesen sein.

Während Pfeiffer (zu einem deutlich früheren Zeitpunkt) auf ihren Körper hörte und sich gegen das medizinische Risiko entschied, ließ sich Assefa nicht von Schmerzen bremsen. Beide Entscheidungen haben ihre Gründe.

Bedenklich ist dagegen, dass die Rettungskräfte im hinteren Feld kaum hinterherkamen. Immerhin gab es aufgrund der kühleren Temperaturen in den Morgenstunden weniger Notfälle als 2025, doch bereits nach vier Kilometern mussten erste Teilnehmer aus dem Rennen genommen werden. Die Distanz ist inzwischen nicht mehr ausschließlich ein Leistungstest für Profis. Durch soziale Medien entsteht der Eindruck, die Teilnahme selbst sei schon ein Beweis dafür, dass man die Distanz bewältigen könne. Genau hier liegt die Gefahr.

Wer selbst schon einmal das besagte „Runner’s High“ erlebt hat, weiß, wie es sich anfühlt, eine Ziellinie zu überqueren. Meist geht das Ganze mit hohem zeitlichem und finanziellem Aufwand einher. Der Mythos Marathon ist ein Symbol für Strapazen und ein Kampf gegen sich selbst. Ein Rennen (trotz aller persönlichen Gründe, die dagegen sprechen) vorzeitig abzubrechen, ist deshalb nicht zwangsläufig ein Scheitern – manchmal ist es die vernünftigste Entscheidung, um den eigenen Körper für den nächsten Wettkampf zu bewahren.

1 Kommentare
JJ 30.09.202608:51 Uhr

Man kennt die Geschichte jenes armen Teufels der die Botschaft aus Marathon brachte und anschließend tot umfiel. Oder jener englischen Läuferin die nach der Zielankunft nach drei Monaten aus dem Koma erwachte weil ihr Körper kein Salz mehr zur Verfügung hatte.Also bitte.Nicht nachmachen,es geht nicht um Krieg und Frieden.

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