Leserforum
Erwachsenwerden heißt aufrüsten?
Fehlende Bildrechte (Anm. Sam)
Die alte Weltordnung ist aus den Fugen geraten. Russland führt einen neoimperialen Krieg vor Europas Haustür, China rüstet im Eiltempo auf und der Nahe Osten steht in Flammen. In Washington sitzt mit Donald Trump ein Präsident, der die Verlässlichkeit amerikanischer Bündnisse offen infrage stellt. Wer unter diesen Vorzeichen noch an die behagliche Sicherheitsarchitektur der Nachkriegszeit glaubt, klammert sich an ein Modell von gestern. Vor diesem Hintergrund wiegt die Ankündigung von Emmanuel Macron, das französische Atomarsenal erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten auszubauen, besonders schwer. Dies ist keine rhetorische Muskelübung, sondern eine strategische Zäsur. Auf dem Stützpunkt Ile Longue formulierte Macron den entscheidenden Satz: „Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden. Wer gefürchtet sein will, muss stark sein.“ Sicherheit durch Abschreckung – eine harte, aber nüchterne Formel.
In einer Welt wachsender Unsicherheiten wird die Furcht wieder zur Währung der Sicherheitspolitik. Laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri verfügt Frankreich über etwa 290 Atomsprengköpfe. Das ist zwar weniger als bei den Großmächten, aber immer noch genug, um Einfluss zu nehmen. Seit dem Brexit ist Paris die einzige Nuklearmacht der EU. Macrons Pläne, die „Force de frappe“ stärker europäisch zu integrieren, gemeinsame Übungen – etwa mit Deutschland – abzuhalten und eine Stationierung in Partnerstaaten nicht auszuschließen, folgen der Logik einer größeren strategischen Eigenständigkeit. Europa sucht nach mehr Autonomie – als Ergänzung zur NATO, nicht als Ersatz. Doch wie realistisch ist ein europäischer Atomschirm? Schon der Begriff „nuklearer Schutzschirm“ verharmlost die Realität. Ein Schirm schützt vor Regen, während Atomwaffen allein durch die glaubhafte Drohung ihres Einsatzes schützen. Abschreckung bedeutet: Wer angreift, riskiert die eigene Vernichtung. Die entscheidende Frage ist daher: Wer trifft diese schwerwiegende Entscheidung im Ernstfall? Die Antwort ist eindeutig: Paris. Der „rote Knopf“ ist und bleibt französisch. Partner dürfen mitreden, üben und mitfinanzieren, aber nicht mitentscheiden. Es geht also nicht um eine gemeinsame europäische Atommacht, sondern bestenfalls um eine sicherheitspolitische Versicherungspolice. Und Versicherungen sind bekanntlich nicht gratis.
So unerquicklich die Logik der Aufrüstung auch sein mag: Europa muss in Sicherheitsfragen erwachsen werden. Glaubwürdige Abschreckung kann, so paradox es klingen mag, Frieden bewahren. Säbelrasseln wirkt jedoch nur, wenn im Zweifel auch Säbel vorhanden sind. Es wäre jedoch fatal, Atomwaffen als beruhigendes Sicherheitsversprechen misszuverstehen. Notwendig bleiben Diplomatie, Rüstungskontrolle und eine klare Bindung an das Völkerrecht. Wer ernst genommen werden will, braucht glaubwürdige Fähigkeiten. Doch diese Fähigkeiten dürfen stets nur das äußerste Mittel sein, denn ihr Einsatz würde womöglich genau das zerstören, was sie zu schützen vorgeben.