Leserforum
Ein Federstrich – und Luxemburg ist weg?
Ein paar digitale Striche – und schon ist Luxemburg von der Landkarte verschwunden. Am Tag der Deutschen Einheit veröffentlichte ein Vorstandsmitglied der Jugendorganisation der rechtsextremen AfD, „Generation Deutschland“, auf der Plattform X eine Karte mit großdeutschen Gebietsansprüchen. Das Tageblatt berichtete unter dem Titel „Heim ins Reich?“ darüber. Neben Luxemburg werden darauf das Elsass, Teile Lothringens und Ostbelgiens sowie Gebiete zahlreicher weiterer europäischer Länder Deutschland kurzerhand beigefügt. Offenbar ist der Geschichtsunterricht in manchen Kreisen weniger gefragt als die Fantasie von einem neuen Großdeutschland.
„Deutsche Einheit bedeutet ein Deutschland, das das gesamte deutsche Volk in einem Staat vereint. Heute gedenken wir eines Etappensiegs auf dem Weg dahin“, schrieb AfD-Führungsmitglied Luca Maurice Strauf, der sich selbst Helmut nennt und inzwischen „aus persönlichen Gründen“ zurückgetreten ist. Der Beitrag wurde mittlerweile gelöscht.
Ein schlechter Scherz? Eine geschmacklose Provokation? Oder der Ausdruck eines politischen Denkens, das man längst überwunden glaubte?
Die Wahlerfolge der AfD scheinen nationalistische Großmachtfantasien wieder hoffähig zu machen. Was früher vielleicht nur hinter verschlossenen Türen geäußert wurde, wird heute offen zur Schau gestellt. Die Maske fällt. Grenzen werden auf Landkarten verschoben, historische Machtansprüche aus der Mottenkiste geholt und eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit verklärt. Selbstverständlich ist nicht jede nationalistische Karte ein konkreter Eroberungsplan. Doch Grenzen fallen nicht immer zuerst auf dem Schlachtfeld. Manchmal fallen sie zuerst in den Köpfen. Wer fremdes Territorium gedanklich annektiert, stellt das Selbstbestimmungsrecht anderer Völker infrage. Solche Provokationen als harmlose Internetwitze abzutun, wäre deshalb fahrlässig. Was heute noch absurd erscheint, kann morgen politisch salonfähig werden, wenn niemand widerspricht.
Der Blick nach Osten sollte uns zusätzlich warnen. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt uns auf brutale Weise, wohin imperialistische Ansprüche führen können. Wladimir Putin rechtfertigt seine Politik u.a. mit historischen Deutungen und dem Anspruch, vermeintlich verlorene Größe wiederherzustellen. Dabei missachtet er die Souveränität eines Nachbarlandes und greift die Freiheit eines Volkes mit militärischer Gewalt an. Die Fälle sind nicht gleichzusetzen. Doch das Denkmuster weist eine gefährliche Gemeinsamkeit auf: Geschichte wird zur Rechtfertigung territorialer Ansprüche missbraucht, während das Selbstbestimmungsrecht anderer Völker zur Nebensache erklärt wird.
Europa hat für solchen Größenwahn einen furchtbaren Preis bezahlt: zwei Weltkriege, Millionen Tote und verwüstete Länder. Mit der europäischen Einigung, die Robert Schuman maßgeblich vorantrieb, sollte verhindert werden, dass aus Grenzen wieder Frontlinien und aus Nachbarn Feinde werden.
In zahlreichen europäischen Ländern gewinnen jedoch Parteien an Einfluss, die sich als Verteidiger der Demokratie präsentieren, während sie deren Grundlagen untergraben. Sie schüren Ängste, machen Minderheiten zu Sündenböcken und stellen unabhängige Institutionen infrage. Ihr Versprechen ist die Rückkehr zu einer vermeintlich besseren Vergangenheit mit mehr nationaler Abschottung und weniger europäischer Solidarität. Dabei gerät ein Grundprinzip aus dem Blick: In Europa darf nicht die Macht über das Recht triumphieren.
Für Luxemburg ist diese Provokation besonders bitter. Sie erfolgte wenige Tage vor unserem nationalen Gedenktag und erinnert an ein dunkles Kapitel der Geschichte des Landes. Beim Referendum vom 10. Oktober 1941 widersetzten sich die Luxemburger dem Versuch der nationalsozialistischen Besatzer, ihnen eine deutsche Identität aufzuzwingen. Unterdrückung, Verfolgung, Zwangsrekrutierungen zeigen, welche Folgen es hat, wenn der Wille eines Volkes von einer fremden Macht missachtet wird.
Unsere Vorfahren haben Widerstand geleistet, Verfolgung ertragen und persönliche Opfer gebracht, damit Luxemburg als freies Land bestehen konnte. Ihr Mut verpflichtet uns. Nicht, um die Vergangenheit zu verklären, sondern um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Gedenken darf nicht bei Kranzniederlegungen und feierlichen Reden enden. Gedenken muss sich auch darin zeigen, wie wir heute mit jenen umgehen, die Freiheit, Demokratie und die Würde anderer Menschen infrage stellen. Wer aus der Geschichte gelernt hat, darf nicht schweigen, wenn Nationalismus, Menschenverachtung und Geschichtsklitterung wieder salonfähig werden. Luxemburg ist mehr als ein digitaler Federstrich auf einer fremden Landkarte. Unsere Freiheit ist nicht verhandelbar, unsere Souveränität erst recht nicht.