Editorial
Die unbequeme Wahrheit über Luxemburgs Fußballzukunft
In seinem Editorial schreibt Dan Elvinger über den Reality-Check der luxemburgischen Fußballnationalmannschaft in der Nations League.
Luxemburg hat sich sportlich weiterentwickelt. Die Erwartungen haben sich noch schneller entwickelt. Foto: Editpress/Gerry Schmit
Es ist noch nicht lange her, da fühlte sich die Nations League für Luxemburg wie ein Versprechen an. Der 2:1-Sieg in Bulgarien zum Auftakt, eine mutige Mannschaft, drei Punkte, Tabellenführer und plötzlich die Aussicht, in einer Gruppe mit Island, Estland und Bulgarien tatsächlich um den Aufstieg in die Gruppe B spielen zu dürfen. Es wäre ein Meilenstein gewesen. Heute ist von diesem Traum wenig übrig. Luxemburg ist nach vier Spielen Tabellenletzter.
Das ist enttäuschend. Aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt Entschuldigungen. Und diesmal sogar sehr gute, die Nationaltrainer Jeff Strasser ohne rot zu werden benutzen kann.
Das neue Termin-Format des Wettbewerbs verlangt von den Nationalmannschaften, vier Spiele in elf Tagen zu bestreiten. Das kann man gut oder schlecht finden. Luxemburg hatte das Pech, in genau dieser Phase auf fast alle Führungsspieler verzichten zu müssen. Für eine kleine Nation ist das keine Nebensächlichkeit, sondern fast ein Todesstoß.
Trotz der Riesenfortschritte der vergangenen Jahre ist und bleibt Luxemburg ein kleines Fußballland. Die FLF hat keine 50 konkurrenzfähigen Nationalspieler zur Verfügung und wird es auch nie haben. Fällt die erste Garde aus, wird aus einem ambitionierten und konkurrenzfähigen Team sehr schnell eine Mannschaft, die improvisieren muss.
Jeff Strasser war in den vergangenen Tagen nicht zu beneiden. Er musste so viele Lösungen finden wie schon lange kein Nationaltrainer mehr.
Obwohl sich so viele Menschen für Fußball interessieren, sieht das nicht jeder. Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Luxemburg hat sich sportlich weiterentwickelt – aber die Erwartungen haben sich noch schneller entwickelt.
Vor zehn oder 15 Jahren hätte man einen Sieg in Bulgarien als Sensation gefeiert und eine Niederlage gegen Estland kaum dramatisiert. Heute diskutieren wir darüber, warum Luxemburg in einer Gruppe der Liga C nicht um den Aufstieg spielt. Das ist einerseits ein Kompliment für die Arbeit der vergangenen Jahre. Andererseits ist es ein Zeichen dafür, dass die Messlatte inzwischen höher, vielleicht teilweise zu hoch liegt.
Luxemburg produzierte in den vergangenen Jahren deutlich mehr Breite als in den Jahrzehnten davor. Fast 50 Spieler sind Profis oder werden derzeit in ausländischen Jugendakademien ausgebildet. Aber: Nicht alle schaffen den Sprung auf ein ordentliches Level und nicht alle haben die nötige Klasse, um gegen Nationen wie Bulgarien den Unterschied zu machen. Diese ist weiterhin nur einem kleineren Kreis an Spielern vorbehalten. Vergleicht man die Größe Luxemburgs mit der Bulgariens, ist dieser Ist-Zustand der normalste der Welt.
Die Niederlage gegen Bulgarien war deshalb nicht per se ein schlechter Abend. Sie war ein Reality-Check. Vielleicht ist die Lektion dieser Nations League: Ein kleines Land kann große Ziele haben. Aber große Ziele brauchen ein großes Reservoir – und vor allem Geduld.
Luxemburg ist ohne jeden Zweifel besser geworden. In Zukunft muss es beweisen, dass es auch tiefer geworden ist. Das ist aber nicht die Aufgabe des Nationaltrainers und auch nicht vorrangig die des Verbands. Jeder Profi ist für seine Weiterentwicklung selbst zuständig. Die Nationalmannschaft ist keine Akademie, in der die Spieler in Sachen Effizienz oder taktischem Verhalten ausgebildet werden.
All diese Faktoren entscheiden, ob aus dem Fußballmärchen, das Luxemburg durchaus anvisieren kann, tatsächlich Realität wird, oder ob es ewig ein Traum bleiben wird.