Kommentar
Den eigenen Weg gewählt: Bob Jungels hat sich nie vom Kurs abbringen lassen
Bob Jungels musste sich während seiner Karriere immer wieder die Frage gefallen lassen, ob er den Fokus auf die richtigen Rennen legte. Doch der Sieger von Liège-Bastogne-Liège 2018 blieb seinem Weg treu – und zeigt, dass eine Karriere nicht nur an den Erfolgen gemessen werden sollte, sondern auch daran, seinen eigenen Überzeugungen zu folgen.
Bob Jungels hat am Sonntag bei Paris-Tours sein letzten Profi-Rennen bestritten Foto: Editpress/Gerry Schmit
Mit dem Karriereende von Bob Jungels geht nicht nur eine Ära zu Ende, sondern auch das erfolgreichste Kapitel des luxemburgischen Radsports. Jungels prägte eine Zeit, die auf die Karriereenden von Kim Kirchen (2010), Andy Schleck (2014) und Fränk Schleck (2016) folgte. Sein Palmarès ist beeindruckend: Unter anderem gewann er zweimal das Weiße Trikot beim Giro d’Italia, konnte beim Giro und der Tour jeweils einen Etappensieg bejubeln und sicherte sich durch seinen Triumph bei Liège-Bastogne-Liège auch einen Sieg bei einem Monument.
Ebenso beeindruckend war Jungels als Fahrertyp: Einen solchen Allrounder gibt es nur selten. Er war ein starker Zeitfahrer und Rouleur, konnte sich auf hügeligem Terrain behaupten und war auch auf dem Kopfsteinpflaster stark. Seine Vielseitigkeit stellte er bereits als Nachwuchsfahrer unter Beweis. 2012 wurde er Weltmeister im Zeitfahren, bei den U23 gewann er Paris-Roubaix. Lange galt er als absolutes Ausnahmetalent und wurde als möglicher Nachfolger von Fabian Cancellara gehandelt.
Liebe zu den Grand Tours
Doch anders als der Schweizer, der u.a. dreimal die Flandern-Rundfahrt und dreimal Paris-Roubaix sowie einmal Mailand-Sanremo gewann, fühlte sich Jungels schon früh zu den großen Rundfahrten hingezogen. 2016 und 2017 unterstrich er beim Giro d’Italia sein Potenzial: Er wurde Sechster und Achter und trug insgesamt acht Tage das Rosa Trikot. Auch bei der Tour de France bewies er seine Qualitäten: 2018 und 2022 beendete er die Rundfahrt jeweils auf dem elften Platz. Für den ganz großen Wurf reichte es in der Gesamtwertung jedoch nie. Mit seinen 1,89 Metern Körpergröße brachte Jungels gegenüber den klassischen Kletterern einen körperlichen Nachteil mit. Umso bemerkenswerter waren seine Auftritte im Hochgebirge.
Im Laufe seiner Karriere musste sich Jungels immer wieder die Frage gefallen lassen, ob er das richtige Rennprogramm wählte. Hätte er noch mehr Klassiker gewinnen können, wenn er sich stärker auf diese Rennen konzentriert hätte? Diese Frage wird unbeantwortet bleiben.
Vielleicht wäre mit einer anderen Herangehensweise noch der eine oder andere große Erfolg möglich gewesen. Doch am Ende zählt nicht nur, was hätte sein können, sondern auch, was man erreicht hat. Jungels ist seinen eigenen Weg gegangen, hat an sich geglaubt und sich trotz aller Zweifel nie von seinen Überzeugungen abbringen lassen. Gerade diese Mentalität hat ihm zu seinen großen Siegen verholfen. Nun verabschiedet er sich von der Radsportbühne – nicht als der Fahrer, der er in der Theorie vielleicht hätte werden können, sondern als jener, der er selbst sein wollte. Und als einer, der dem luxemburgischen Radsport unvergessliche Momente geschenkt hat, die weit über das Ende seiner Karriere hinaus in Erinnerung bleiben werden.