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Das furchtbare Massaker in Wald und Flur: Wer das Tier nicht ehrt, ist des Menschseins nicht wert

Der ohrenbetäubende Widerhall knallender Schüsse, das von Todesangst verzerrte Gebrüll verfolgter Tiere, das lautstarke Geschrei der das Wild verschreckenden Treiber und das nervtötende Gekläff der außer Rand und Band geratenen Jagdhunde scheuchten vorletzten Sonntagmorgen die Einwohner einer an ein bekanntes Naturschutzgebiet grenzenden Siedlung auf. Terror lag in der von letalen Schwingungen geschwängerten Luft, Unheil dräute am nahen Horizont, Beklemmung bemächtigte sich der Spaziergänger, die sich von einer bedrohlichen Todesaura umzingelt fühlten und die auf die Tötung unschuldiger Tiere erpichten Hobbyjäger zum Teufel wünschten.

Das furchtbare Massaker in Wald und Flur: Wer das Tier nicht ehrt, ist des Menschseins nicht wert

Foto: Editpress/AlainRischard

* Autor

René Oth, professeur-docteur, ist ausgewiesener Tier- und Naturschützer

Diese Szene wiederholt sich Tag für Tag, Woche für Woche an allen Ecken und Enden des Landes und kein Politiker begehrt dagegen auf. Wie lange noch wird unsere von Vulgärhedonismus geprägte Gesellschaft dieses blutige und grausame Treiben in Wald und Flur dulden? Wie lange noch wird sie wegschauen, verdrängen, beschönigen? Wie lange noch wird sie die sogenannte Freizeitjagd, diese reine Lusttötung, diese unsägliche Befriedigung der niedersten Triebe ertragen?

Vermutlich solange wie Politiker sich nicht endlich von ihren peinlichen, verantwortungslosen und strafwürdigen Verfilzungen mit der Jägerschaft lösen, die eine äußerst starke Lobby darstellt. Jäger und Jagdsympathisanten sitzen überall an den Schalthebeln der Macht, in der Abgeordnetenkammer sowie in Ministerien und Verwaltungen, und lassen dort alle Initiativen gegen die Jagd ins Leere laufen, was in Zukunft nicht mehr hingenommen werden darf. Es gibt Protestbewegungen in Luxemburg für den Kampf gegen Gewalt an Frauen. Es muss gleichermaßen zu Demonstrationen für den Kampf gegen Gewalt an Tieren kommen. Auch Tiere brauchen eine mächtige Lobby.

Sind Politiker wirklich so naiv, dass ihnen bislang entgangen ist, dass es ruchlos oder, in der Sprache der Religion, sündhaft ist, das Dasein einer lebensfrohen Kreatur ohne Not gewalttätig zu beenden, was Armand Clesse in einem ausgezeichneten Beitrag zum Thema „Jagd, Ethik und Zivilisation“ 2017 in treffende Worte gekleidet hat: „Die Jagd ist eine Schule der Rohheit, der Grausamkeit. Sie zieht den Menschen emotional und sittlich herab. So wie die Menschen mit den Tieren umgehen, so gehen sie mit den Menschen um. Dies ist ein ehernes Gesetz ... Für das Tier sind die Jagdhörner Todeshörner, ist die Jagdmusik Todesmusik, sind die Jagdwälder Todeswälder und Stätten des endlosen Grauens. Das Weiterbestehen der Jagd zeigt, dass die Rohheit in unserer Gesellschaft nicht abgenommen hat, dass trotz aller wohlfeilen Rhetorik das Tier die erleidende und leidende Kreatur bleibt.“

Die Natur braucht keine Jäger

Dass die Weidmänner nur das Wohlergehen des Waldes und seiner tierischen Bewohner im Sinn haben, was sie seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig wiederholen, ist reiner Schwachsinn. Tatsache ist, dass die Jagd nur den Jägern dient. Der Wald und dessen Tiere brauchen die Jagd nicht. Ohne die Jagdsüchtigen kommt es zu einem besseren Gleichgewicht in der Natur, deren Selbstregulierungsfähigkeit seit langem durch wissenschaftliche Studien belegt ist. Die Natur braucht keine in Ministerien und Verwaltungen von Jagdverfechtern erstellten Abschussquoten für die Art und Zahl innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zu erlegenden Wildes. Hier geben Jäger anderen Jägern eine auf falschen Prämissen basierende Daseinsberechtigung.

Die der Fauna angekreideten Verbissschäden an den Bäumen sind in den meisten Fällen minimal und reichen nicht an die von den Jägern verursachten Personen- und Sachschäden heran, die viel höher ausfallen als landwirtschaftliche Beschädigungen durch Wildtiere. Rehe und Hirsche sind eigentlich Steppentiere, die auf Wiesen und Feldern leben. Wenn sie gejagt werden, vermeiden sie die offenen gefährlichen Flächen und suchen Schutz im Wald. Ohne Jagd würden weit weniger Tiere in die Wälder flüchten und das angebliche Verbissproblem würde sich von selbst lösen.

Die Natur braucht auch keine Sportfischer, die in trüben und schmutzigen Gewässern Tiere aus dem Nass ziehen, die sowieso keiner essen kann und will. Auch Fische haben Gefühle, sind Lebewesen mit Bewusstsein und Intelligenz und bezüglich ihrer Sinneswahrnehmung kann ihnen überhaupt keiner das Wasser reichen.
Man kann das von Jägern erlegte Wild nicht als essbares Fleisch empfehlen, denn Wildschwein, Reh und Hirsch gehören neben Innereien von Nutztieren, Meeresfrüchten und Gewürzen zu den am höchsten mit Blei belasteten Lebensmitteln. Ursache dafür ist überwiegend die üblicherweise bei der Jagd verwendete Bleimunition. Auch die bei einer Treibhatz getöteten Tiere sind wegen der übermäßigen Adrenalinausschüttung während ihrer Todesangst als Fleisch alles andere als schmackhaft, wie ein Metzger uns vor Kurzem erklärte.

Grausames und sinnloses Tierleid

Die Hobbyjagd leistet nicht den mindesten Beitrag zum Naturschutz, sticht durch unsägliche Grausamkeiten hervor und erweist sich als eine antiquierte, nicht mehr zeitgemäße, unmoralische, straflose Lusttötung von schützenswerten edlen Geschöpfen unter dem verwerflichen Deckmantel ökologischer Scheinargumente, die jeden rechtschaffenen Bürger einfach erschauern lassen.

So ist es unumgänglich, die umstrittene Hobbyjagd resolut zu untersagen, damit in Wald und Flur Tiere nicht mehr angeschossen werden und „sich stunden- oder tagelang mit zerfetztem Körper, heraushängenden Eingeweiden und gebrochenen Knochen auf der Flucht vor ihren Häschern durch die Natur schleppen und nach unendlicher Zeit elendig an ihren Verletzungen verenden“, wie Beobachter fassungslos das durch die Weidmänner veranstaltete Massaker schildern. Jäger töten nicht schmerzlos. Sie verursachen grausam und sinnlos in Wald und Flur unnötiges Tierleid.

Die Politik muss schleunigst die unannehmbare Kontradiktion ausräumen zwischen einerseits dem geltenden Tierschutzgesetz, laut dem das Wohlergehen aller Tiere im Mittelpunkt steht, ihnen Würde innewohnt und kein Tier ohne existenziell zwingende Notwendigkeit getötet werden darf, und andererseits den hoffnungslos veralteten und unbedingt zu reformierenden gesetzlichen Bestimmungen über die Jagd, die den Jägern einen Freibrief zur gnadenlosen und grausamen Tötung der Wildtiere ausstellen.

Schluss mit Hobbyjagd und Treibhatz!

Wildtiere, diese chancenlosen und geschundenen Mitgeschöpfe, sind von der Würde der Tiere ausgenommen, ihnen dürfen Schmerzen, Leiden, Schäden zugefügt werden, sie können als Freiwild willkürlich abgeschlachtet werden, sie sind die bedauernswerten Opfer der inakzeptablen und moralisch verwerflichen Verflechtung von Politik und Jagd. Wie vermerkte bereits George Orwell in seinem geflügelten Wort: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher als andere.“

Wildtiere sind auch schützenswerte Lebewesen mit „Bedürfnissen, Absichten und Rechten“. Ihre Würde ist ebenfalls unantastbar und muss unbedingt geachtet werden. Welche Parteien und welche Politiker haben noch genügend Ehrgefühl, um dem Terror in Wald und Flur und Wasser ein Ende zu bereiten und die Hobbyjagd mitsamt Treibhatz und die Sportfischerei, jene archaischen Relikte tiefer Grausamkeit, ein für alle Mal gesetzlich zu verbieten? Nur sie verdienen Achtung und Respekt. Lippenbekenntnisse genügen nicht mehr, Taten sind jetzt angesagt, damit das markige Zitat des deutschen Dichters und Schriftstellers Christian Morgenstern (1871-1914) endlich an Aktualität einbüßt: „Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.“

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