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Bye-bye 2025! Mil Lorangs Gedanken an der Jahreswende

Bye-bye 2025! Mil Lorangs Gedanken an der Jahreswende

Michael Brandt/dpa

Zum Jahreswechsel hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich das Jahr 2025 nicht loslassen wollte. Für jeden, der die Ereignisse des letzten Jahres aufmerksam verfolgt hat, sollte die Richtung, in der wir unterwegs sind, klar sein. Und doch bleibt die Hoffnung, dass es uns gelingen kann, unsere Freiheiten und humanistischen Werte („humanistisch“ ist nicht zu verwechseln mit „humanitär“) zu bewahren. Dies wird jedoch nicht gelingen, wenn wir nicht für sie kämpfen. Selbst in unserem kleinen Land Luxemburg, in dem die Freiheit noch hochgeschätzt wird, ist es offensichtlich, dass bestimmte Wahrheiten und Fakten nicht mehr so frei geäußert oder geschrieben werden können wie noch vor einem Jahrzehnt. Bei manchen Themen beginnt man, sich selbst zu zensieren.

Zur Person: Mil Lorang schreibt seit vielen Jahren Gastartikel für das Tageblatt, die sich mit historischen, sozialen und politischen Themen beschäftigen.

Zur Person: Mil Lorang schreibt seit vielen Jahren Gastartikel für das Tageblatt, die sich mit historischen, sozialen und politischen Themen beschäftigen.

Die Bedrohung kommt nicht nur von außen

Unser europäisches demokratisches Rechts- und Freiheitssystem ist nicht nur von außen durch mächtige autokratische Regime bedroht, sondern auch von innen. Unsere Staaten sind offensichtlich zu schwach geworden, um unsere humanistischen Werte, die wir von der europäischen Aufklärung (und nicht von der Bibel!) geerbt haben, konsequent gegen Angriffe, insbesondere aus dem rechtsextremen politischen Spektrum, zu verteidigen. Und mit „rechtsextrem“ meinen wir nicht nur radikale nationalistische Bewegungen, sondern auch fundamentalistische religiöse Strömungen, deren „Gesetze“ und Praktiken mit einem demokratischen Rechtsstaat, der auf den universellen Menschenrechten beruht, nicht vereinbar sind.

Die heutige Laissez-faire-Politik in Bezug auf Toleranz, insbesondere in west- und nordeuropäischen Ländern, könnte die Zukunft unserer liberalen Demokratien und damit die Zukunft unserer hart erkämpften Rechte und Freiheiten gefährden! Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs warnte der Philosoph Karl Popper in seinem Werk „The Open Society and Its Enemies“ (1945) die freie Welt vor einer solchen Entwicklung. In Band I formulierte er das „Paradoxon der Toleranz“ und schrieb: „Uneingeschränkte Toleranz führt zwangsläufig zum Verschwinden der Toleranz.“

Die Ablehnung unserer Werte ist nicht nur in bestimmten Segmenten der heutigen europäischen Gesellschaften zu beobachten, sondern wird auch von außen importiert, beispielsweise über soziale Netzwerke und Satellitenfernsehsender, die kontinuierlich antiwestliche Propaganda und Desinformation verbreiten.

Zeitalter der Post-Wahrheit

Wir stehen am Anfang einer Ära, die Historiker später vielleicht als Zeitalter der Post-Wahrheit bezeichnen werden. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie weit verbreitet Verschwörungstheorien und Desinformation sind, genügt es, einen Blick auf die Kommentare unter Online-Artikeln zu bestimmten Sachthemen zu werfen. Die Reaktion auf korrigierende Kommentare zeigt in der Regel, dass die Personen, die falsche Informationen verbreiten, diese für wahr halten und sie mit Nachdruck verteidigen.

Der Erwerb und die Verbreitung von faktenbasiertem Wissen geraten in bestimmten Fachbereichen zunehmend unter Druck, wie wir derzeit in den Vereinigten Staaten auf dramatische Weise beobachten können. Auch in den Schulen wird es immer schwieriger werden, kritisches Denken und die Freiheit, alles ohne Einschränkungen und ohne Angst vor Repressalien zu hinterfragen, zu fördern. Diese Fähigkeiten sind jedoch unerlässlich, um ein emanzipierter Bürger in einem demokratischen Rechtsstaat zu werden.

Feinde der Demokratie sind auch Feinde des Denkens!

Rechtsradikale Demagogen hetzen ständig das sogenannte „Volk“ gegen die „Experten“, gegen die sogenannte „Lügenpresse“ und ganz allgemein gegen die „Eliten“ auf. Sie präsentieren sich als „Retter des Volkes“, als Beschützer des Volkes vor den „bösen Eliten“. Ähnliches lässt sich auch bei der radikalen Linken beobachten, beispielsweise in Frankreich, nur dass in dem Fall ein anderer Teil der Wählerschaft als „das Volk“ verstanden wird.

Aus diesem Grund werden politische Demagogen im Allgemeinen als „Populisten“ bezeichnet (vom lateinischen populus, was „das Volk“ bedeutet). Aber nur so lange, bis sie an die Macht kommen und sich eine absolute Mehrheit im Parlament sichern. Dann verwandeln sie sich schnell in Autokraten. Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele für solche Entwicklungen an beiden Enden des politischen Spektrums.

Um an die Macht zu gelangen, benötigen Demagogen in einer Demokratie eine kritische Masse an Wählern, die aufgehört haben, selbstständig zu denken, und lediglich vorgefertigte Parolen nachplappern. Demnach geht es im aktuellen Kulturkampf nicht nur um die Verteidigung der Empirie, also des faktenbasierten Wissenserwerbs, sondern auch um das unabhängige Denken. Die Feinde der Demokratie sind nämlich auch Feinde des Denkens. In ihrem Werk „The Origins of Totalitarianism“ (1951) schrieb die Philosophin Hannah Arendt: „Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert.“

Menschen, die selbstständig denken, streben immer nach Freiheit. Deshalb versuchen totalitäre Systeme, unabhängiges Denken und den Austausch von Ideen zwischen frei denkenden Personen zu verhindern, und neigen dazu, das Denken ihrer Bürger zu kontrollieren.

In autokratischen Staaten werden Medien, Verlage und elektronische Informationsplattformen zu Propagandainstrumenten, mit denen die Bürger geistig gleichgeschaltet werden sollen. Die besten Beispiele dafür im 20. Jahrhundert waren Nazideutschland, das faschistische Italien, die Sowjetunion und die sogenannte Deutsche Demokratische Republik (DDR). Wir dürfen diese historischen Beispiele niemals vergessen und nicht zulassen, dass solche menschen- und freiheitsverachtenden Regime von Demagogen verharmlost werden. Denn wer seine Geschichte vergisst oder eine verfälschte Version davon vermittelt bekommt, wird die ersten Anzeichen ihrer Wiederholung nicht erkennen können.

In unserer Zeit wird die liberale Demokratie vielleicht nicht so abrupt enden wie in der Vergangenheit. Es könnte ein schleichender Prozess sein, der zunächst unter dem Deckmantel einer „illiberalen Demokratie“ stattfindet. Wir müssen daher wachsam sein, wenn Demagogen beispielsweise versuchen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, Kabarettisten zu zensieren, die Freiheit der wissenschaftlichen und historischen Forschung und Veröffentlichung einzuschränken, die künstlerische Freiheit zu beschneiden, die Freiheit der Kritik an Politik und Religion einzuschränken oder den Sprachgebrauch zu regulieren.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

1 Kommentare
Luxmann 08.01.202619:31 Uhr

Lasst uns den selbsternannten experten und eliten vertrauen.
Dann sind wir alle gluecklich und gerettet.