Berberaffen im „Parc merveilleux“

Zwischen Hierarchie und Neugier: Einblicke in das Leben einer besonderen Makakenart

In dieser Woche stellt das Tageblatt eine Tierart vor, die eine besondere Rolle unter den Primaten einnimmt: den Berberaffen. Im „Parc merveilleux“ in Bettemburg lebt eine Gruppe dieser Makaken – und zeigt eindrucksvoll, wie komplex, neugierig und sozial ihr Zusammenleben ist.

Berberaffen-Gruppe mit elf Tieren im Parc Merveilleux, natürliche Lebensgemeinschaft der Berberaffen im Zoo.

Die Berberaffen im „Parc merveilleux“ leben in einer Gruppe von derzeit elf Tieren Foto: Carole Theisen

Wenn Tierpflegerin Sina Fontaine morgens das Gehege betritt, spürt sie sofort die gespannte Aufmerksamkeit der Berberaffen. „Sie erkennen mich sofort und signalisieren mir auch, wenn hinter mir jemand steht“, sagt sie. „Sie reagieren auf alles – neugierig, wach, manchmal misstrauisch.“

Der Berberaffe, auch Magot genannt, ist eine Ausnahme unter den Primaten. Anders als die meisten seiner Verwandten lebt er nicht in Asien, sondern in Nordafrika. Gleichzeitig gilt er als einzige Primatenart, die in Europa frei vorkommt: Eine bekannte Population lebt seit Jahrhunderten auf Gibraltar.

Die Tiere erreichen eine Körperlänge von bis zu 63 Zentimetern und ein Gewicht von rund zehn bis fünfzehn Kilogramm. Ihr dichtes gelblich-braunes Fell schützt sie vor kühlen Temperaturen in den Gebirgsregionen, in denen sie leben. Auffällig ist auch, was ihnen fehlt: Anders als viele andere Affen besitzen Berberaffen keinen Schwanz.

Leben in der Gruppe

Berberaffen sind ausgesprochen soziale Tiere. In freier Wildbahn leben sie in Gruppen, die mehrere Dutzend Individuen umfassen können. Weibchen bleiben ihr ganzes Leben lang in ihrer Geburtsgruppe, während Männchen innerhalb der Gruppe um Rang und Einfluss konkurrieren.

Berberaffe im Parc Merveilleux führt soziale Gruppe mit klarer Rangordnung und dominantem Männchen an

Berberaffen leben in komplexen sozialen Gruppen mit klarer Rangordnung – auch im „Parc merveilleux“ wird die Gruppe von einem dominanten Männchen angeführt Foto: Carole Theisen

Auch im „Parc merveilleux“ ist diese soziale Struktur zu beobachten. 2015 kamen die ersten zehn Tiere aus einem Auffangzentrum nach Luxemburg. Heute leben elf Affen im Park – eine fragile Gemeinschaft, die sich langsam stabilisiert. Angeführt wird sie vom mächtigen Buba. „Er ist der Chef“, sagt Fontaine. „Wenn es Streit gibt, geht er dazwischen.“ Dominante Männchen genießen in der Gruppe gewisse Vorrechte – etwa beim Zugang zu Futter oder bei der Paarung.

„Manchmal knallt es kurz“, sagt Fontaine. „Dann gehen sie sich wieder aus dem Weg – und kurz darauf ist alles wieder gut.“ Doch Harmonie entsteht vor allem durch die Jüngsten: „Jungtiere tun der Gruppe gut. Sie nehmen Spannungen raus.“

Arbeiten mit starken Persönlichkeiten

Doch die Tiere in Bettemburg kommen oft aus schwierigen Verhältnissen: aus Wohnzimmern, Hinterhöfen oder Zirkussen. Tierarzt Guy Willems erzählt: „Viele wurden als Babys im Atlasgebirge gefangen und illegal verkauft. Das ist verboten – aber es passiert ständig.“ Die Jungtiere seien „zuckersüß“, erklärt er, „aber sie wachsen heran, ohne je gelernt zu haben, wie ein Affe lebt.“ Vor allem Männchen würden in der Pubertät unberechenbar. „Die Zähne sind messerscharf. Wenn die beißen, ist das wie ein Schnitt mit einer Rasierklinge.“

Berberaffe in natürlichem Gebirgslebensraum Nordafrikas, einzige frei lebende Primatenart Europas außer Mensch

Berberaffen stammen ursprünglich aus den Gebirgsregionen Nordafrikas und sind die einzige frei lebende Primatenart Europas außerhalb des Menschen Foto: Carole Theisen

Fontaine arbeitet ausschließlich „hands off“, denn einige der älteren Männchen sind zu gefährlich. „Mit den Jungen, die hier geboren wurden, wäre es theoretisch möglich, ins Gehege zu gehen“, sagt sie. „Aber die Älteren haben schlimme Erfahrungen gemacht. Die würden uns wahrscheinlich angreifen.“ Trotzdem gelingt es ihr, Vertrauen aufzubauen – langsam, geduldig.

Ihre Ernährung beinhaltet Obst, Gemüse, manchmal Ei oder Fleisch. Mit ihren Backentaschen können sie Nahrung schnell sammeln und später in Ruhe fressen. „Sie stopfen sich alles in die Backen – fast wie Hamster“, sagt Fontaine.

Manchmal gibt es auch traurige Momente. Fontaine erzählt von einem Jungtier, das starb – und dessen Vater es zwei Wochen lang mit sich herumgetragen hat. „Er hat es immer wieder angestupst, als wollte er es wecken“, sagt sie. „Er hat es nie ganz hergegeben.“ Erst als er eines Tages beim Fressen abgelenkt war, konnte sie das tote Baby durch das Gitter herausziehen. „Das war einer der traurigsten Momente.“

Zwischen Trauma und Vertrauen entsteht so ein Mikrokosmos, der zeigt, wie komplex das Leben dieser Tiere ist. Willems fasst es zusammen: „Wir hoffen, dass wir irgendwann eine Gruppe haben, die so stabil ist, dass wir wieder ins Gehege können.“

Affen putzen sich mehrmals täglich gegenseitig das Fell zur Fellpflege in freier Natur

Mehrmals täglich putzen sich die Affen gegenseitig das Fell Foto: Carole Theisen

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