Mit zwei Twingos in die Wüste
Zwei Luxemburger Teams starten beim Twing Raid 2026
Am Sonntag sind um 8 Uhr zwei knallbunte Twingos aus Esch in Richtung Süden gestartet. Ihr Ziel: die dritte Ausgabe des Twing Raid, eine Solidaritätsrallye durch die marokkanische Wüste vom 24. Februar bis 5. März.
Gianni Mersch, Diego Militello, Alain Berg und Christian Schaack vor ihren Twingos, die monatelang für die Wüstenetappen vorbereitet wurden Foto: Carole Theisen
Es ist kurz nach sieben Uhr am gestrigen verregneten Sonntagmorgen, als zwei farbintensive Renault Twingo 1 vor dem „Lycée de garçons“ in Esch einrollen. Noch ist es dunkel, doch langsam füllt sich der Platz: Eltern, Familie, Kollegen, Presse. In wenigen Minuten brechen zwei Luxemburger Teams zum Twing Raid 2026 auf, einem zehntägigen Solidaritätsrallye‑Abenteuer durch Marokko.
Der Raid, organisiert von der Access Organisation Group aus Lille, geht 2026 in seine dritte Ausgabe. Die Idee: ein zugängliches Abenteuer, offen für alle von 17 bis 77 Jahren – und verbunden mit zwei klaren humanitären Missionen. Der Preis: 2.990 Euro pro Team, inklusive Fähre, Verpflegung, Logistik und medizinischer Versorgung.
442 Teams starten in Twingo‑Modellen der ersten Generation, gebaut zwischen 1992 und 2007. „Es war Zeit, dieser Ikone der 90er ihren eigenen Raid zu geben“, sagt Gründer Jeoffrey Decoupigny. Der Twingo sei „zuverlässig, leicht und günstig – perfekt für die Sahara“.
Die beiden farbigen Twingos am frühen Sonntagmorgen vor dem LGE in Esch/Alzette – kurz vor dem Start Richtung Frankreich Foto: Carole Theisen
„Eigentlich passt der Twingo überhaupt nicht in die Wüste“, sagt Christian Schaack, Kunstlehrer am LGE. „Genau das hat mir gefallen. Ein kleines, harmloses Auto – und dann dieses Abenteuer.“ Sein Kollege Diego Militello hatte vor zwei Jahren ein Video des ersten Twing Raid gesehen. „Da wusste ich: Das muss ich machen.“ Aus einer spontanen Idee wurde ein Schulprojekt, aus einem Projekt zwei Teams. Team Violett: Diego Militello (Jahrgang 1983, Künstler und Kunstlehrer) und Gianni Mersch (Lehrer für das Wahlfach Uelzechtkanal am LGE). Team Gelb: Rennfahrer Alain Berg und Christian Schaack.
Solidarität als Grundprinzip
Solidarität ist Kern des Konzepts. Beim Start in Spanien übergeben alle Teams zehn Kilogramm Lebensmittel und Hygieneprodukte an „Restos du cœur“, die seit 1985 Millionen Mahlzeiten verteilen. Zusätzlich bringen die Teams Schulmaterial in abgelegene Regionen Marokkos – mehr als 450 Kinder sollen davon profitieren. Auch das LGE sammelte Spenden.
Der violette Twingo entstand als Gemeinschaftsprojekt mit LGE-Schülern, begleitet von einem lokalen Künstler und Sponsoren. „Wir wollten, dass die ganze Schule involviert ist“, sagt Gianni Mersch. Das Design des gelben Wagens greift ein Berbermuster auf: schwarze Rauten auf gelbem Grund. „Wir haben tatsächlich einen Teppich mit genau diesem Muster gefunden“, sagt Christian Schaack. Die Form erinnert an das Renault-Logo und schlägt zugleich eine Brücke nach Nordafrika.
Mersch dokumentiert die Reise für den schuleigenen Sender Uelzechtkanal. Nervös? „Ein bisschen. Aber es ist gut organisiert. Wir fahren nicht allein in die Wüste.“

Um 8 Uhr am gestrigen Sonntag geht es aus dem verregneten Esch ab in Richtung Süden. Noch braucht Gianni Mersch (Bildmitte) warme Kleidung. Foto: Carole Theisen
Zwischen Improvisation und Präzision
Diego Militello spricht von zwei Jahren Vorbereitung. Sponsoren suchen, Technik planen, lesen, vergleichen. „Es waren unzählige kleine Probleme“, sagt er. „Gestern habe ich mit meinem Vater noch an den Scheinwerfern geschraubt.“
Vieles entstand in Eigenarbeit. „Alain kann einfach alles schrauben“, sagt Christian Schaack. „Wir haben die Autos so leicht wie möglich gemacht: Klimaanlage raus, Rückbank raus, Teppiche raus. Alles, was sicherheitsrelevant ist, bleibt natürlich drin.“
Ich habe noch nie nur mit Karte und Kompass navigiert. Das wird eine echte Herausforderung.
Christian Schaack
Kunstlehrer am LGE
Neben der technischen Vorbereitung spielte auch die persönliche Ausrüstung eine große Rolle. „Ein richtig warmer Schlafsack ist Pflicht“, sagt Schaack. In der Wüste können die Temperaturen nachts bis auf minus fünf Grad fallen, während sie tagsüber problemlos über 30 Grad steigen. Hinzu kommen Etappen, auf denen keinerlei GPS erlaubt ist. „Ich habe noch nie nur mit Karte und Kompass navigiert. Das wird eine echte Herausforderung.“
Auch kulturell wollten sich die Teams vorbereiten. Schaack lernte ein paar grundlegende Ausdrücke auf Tamazight und Marokkanisch. „Ich finde das wichtig. Wir reisen in ein Land, das uns empfängt. Da sollte man den Menschen auch ein Stück entgegenkommen.“

Im Innenraum wurden ein paar außergewöhnliche Designentscheidungen getroffen Foto: Carole Theisen
Zwischen Abenteuer und Respekt
Die Route führt über Poitiers und Saint-Sébastien, wo zunächst die technischen Kontrollen stattfinden, bevor die Teams nach Marokko übersetzen. Dort warten Wüstenpisten, Gebirgspassagen und lange Distanzen. „Der Col du Tichka liegt über 2.000 Meter hoch.“
Trotz aller Herausforderungen überwiegt die Vorfreude. „Wir freuen uns wie kleine Kinder“, sagt Schaack. „Es wird höchste Zeit, dass es losgeht.“ Nervös sei er nicht, betont er, Respekt habe er aber durchaus. „Wir rechnen mit Pannen. Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben.“
Während sich die Teams zur Abfahrt bereit machen, stehen die Angehörigen dicht gedrängt unter einem kleinen Vordach des LGE, um die letzten Minuten noch auszukosten, bevor die beiden Twingos aufbrechen.
Die Stimmung ist entspannt. Viele haben die Vorbereitung der Teams über Monate hinweg miterlebt. Diego Militellos Mutter Mireille sagt, sie sei „froh, dass alles so professionell organisiert ist. Ein bisschen Sorge ist immer da. Man fragt sich schon, ob die Autos das aushalten.“ Gleichzeitig schwingt Stolz mit. „Es ist schön, dass auch Luxemburger bei so etwas dabei sind. Unser kleines Land.“

Familien, Freunde und Kollegen begleiten die Teams bei der Abfahrt und nutzen die letzten Minuten für Fotos und kurze Gespräche Foto: Carole Theisen
Sein Vater Jacky spricht von „einem Abenteuer, das man nicht jeden Tag erlebt“. Er hat bei der Vorbereitung mitgeschraubt. Für ihn ist die Gefahr kalkulierbar. „Das sind keine 1.000-PS-Maschinen. Das sind kleine Motoren. Da geht es nicht um Tempo.“ Abenteuerlust sei nicht seine eigene Natur, räumt er ein, „aber für ihn und für die Schule ist das eine gute Sache“. Dass junge Menschen Initiative zeigen, etwas aufziehen, Verantwortung übernehmen.
Elena, die Partnerin von Gianni Mersch, erzählt; „Ich fand das sofort eine coole Idee. Eine Schule, die bei so etwas mitmacht – das ist nicht selbstverständlich.“ Ein Projekt, das zeigt, dass Schule mehr sein kann als Stundenpläne und Prüfungen. Angst habe sie keine. „Das ist alles gut organisiert. Ich mache mir weniger Sorgen um sie als um das Auto.“

Das Rautenmuster des gelben Twingos greift Motive eines Berberteppichs auf – eine bewusste Referenz an die Kultur jener Regionen, die durchquert werden Foto: Carole Theisen
Schon jetzt steht fest, dass die Twingos nach der Rückkehr für einen guten Zweck versteigert werden sollen. Die Details sind noch offen, doch die Richtung ist klar: Das Projekt soll weiterwirken, auch wenn der Wüstensand längst aus den Radkästen gespült ist.

Zwei Twingos, Baujahr Anfang der 2000er – bereit für mehr als 3.000 Kilometer Richtung Sahara Foto: Carole Theisen

Schülerinnen und Schüler beteiligten sich an der Gestaltung des Fahrzeugs – der Twingo wurde zum Gemeinschaftswerk Foto: Carole Theisen

Neben Ersatzteilen und Schlafsäcken transportieren die Teams Lebensmittel und Schulmaterial für Hilfsprojekte in Marokko Foto: Carole Theisen