Twing Raid, Tag X
Zwei LGE-Teams in Marrakesch angekommen
Am Ende bleibt dieses Gefühl, gemeinsam etwas Unvernünftiges geschafft zu haben, und tatsächlich in Marrakesch angekommen zu sein. Erfahrungsbericht der zwei LGE-Teams.
Es regnet nie in Marokko, haben wir gedacht. Was folgte, war eine danteske Höllenfahrt über rund 100 Kilometer im Dauerregen. Foto: Christian Schaack
Dienstag. Nach Tagen zwischen Staub, Schlaglöchern und Sternenhimmel stand sie an: die letzte Etappe unserer Twing-Raid-Odyssee nach Marrakesch. Eigentlich eine Auslaufetappe. Im Radsport würde man sagen: gemütlich ins Ziel rollen, lächeln, winken, vielleicht schon mal an die Dusche denken. Theoretisch. Praktisch begann der Tag nach einer etwas zu langen Nacht mit – Trommelwirbel – kalten Resten einer ehemals warm gedachten Morgenspeise. Eine kulinarische Konstante der letzten Tage. Ein letztes Mal einpacken, ein letztes Mal prüfen, ob noch alles am Auto hängt, was hängen sollte – und los auf die verbleibenden Kilometer. „Heute wird’s locker“, sagten wir. Und das Universum lachte.
Sicherheitsgurt? War mal
Beim Einsteigen der erste Dämpfer: Mein Sicherheitsgurt ließ sich nicht mehr ausziehen. Blockiert. Endgültig. Ausgerechnet hier, wo Verkehr eher an eine kollektive Mutprobe erinnert als an geregelte Fortbewegung. Also ab zu den Mechanikern. Diagnose: „Hier leider nicht reparierbar“. Kommentar hinterher, trocken wie ein Schraubenschlüssel: „Fahrt vorsichtig. So schlimm ist das nicht. Vor ein paar Jahren gab es noch gar keine Gurte.“ Beruhigend geht anders.

In Marrakesch schien dann wieder die Sonne Foto: Christian Schaack
Zur Erinnerung: Am Vortag war unser Abschleppseil kunstvoll am Scheibenwischer befestigt worden. Eine dieser Improvisationen, die in der Wüste genial erscheinen. Dummerweise führte eine ungewollte Betätigung des Wischers dazu, dass Motor oder Sicherung beschlossen hatten, fortan nicht mehr mit uns zu sprechen.
Und der Himmel? Stark bewölkt. Vor uns? Ein 2300 Meter hoher Pass. „Heiter bis wolkig“, hieß es, und tatsächlich fielen nach 20 Minuten die ersten Tropfen. Mit dem zweiten Team versuchten wir noch einmal, dem Scheibenwischer Leben einzuhauchen. Ohne Erfolg. Und natürlich, welch göttlicher Humor, führte die Strecke über rund 200 Kilometer durch Kurven satt, mit ehrgeizigen Bergauf- und Bergabpassagen.
In Ouarzazate hörte der Regen tatsächlich auf. Eine Restaurantpause wirkte wie ein Kurzurlaub vom Weltuntergang: Couscous, Durchatmen, Hoffnung.
Dann wurde aus der Etappe eine danteske Höllenfahrt: rund 100 Kilometer Dauerregen. Andere Autos überholten uns mit einer Mischung aus Gottvertrauen und Todessehnsucht. Wir wiederum schlichen an Lkws vorbei – ohne echte Sicht, ohne funktionierenden Wischer, mit Alain, der heroisch die obere Ecke der Windschutzscheibe mit einem Tuch trockenrieb. Leider kaum effizient.
Unser „Teppich“, wie wir unseren treuen Kleinwagen liebevoll nannten, zog derweil tadellos die Berge hinauf und hinunter. Spritzig wie eh und je. Nur leider mit einem blinden Kapitän am Steuer. Irgendwann erreichten wir den höchsten Punkt der Etappe. Und als wäre Regen nicht genug, wurde daraus: Schnee.
Schlimmer hätte es wirklich nicht kommen können. Und trotzdem, oder gerade deshalb, rückten wir enger zusammen. Wir machten Witze. Motivierten uns. Fuhren konzentriert, lasen jedes Schlagloch wie eine Drohung, nur um unser schutzloses Getriebe nicht auch noch in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Nach weiteren Schauern rollten wir endlich in Marrakesch ein.

Müde Kämpfer kurz vorm Ziel Foto: Christian Schaack
Keine Verkehrsregeln
Hier gelten keine Verkehrsregeln. Hier herrscht Anarchie mit Hupe. Eselkarren, Motorräder, Autos, Menschen – alles gleichzeitig, alles entschlossen. Höllisch aufpassen, um überhaupt die Warteschlange zur Zieleinfahrt zu erreichen. Anderthalb Stunden warten. Und dann: Jubel. Die anderen Teilnehmer feiern uns. Eine Medaille wird überreicht. Bengalfeuer lodern. Laute Musik. Umarmungen. Partystimmung. Wir haben es geschafft. Trotz allem.
Erleichtert und todmüde fahren wir später über stockfinstere Straßen zu unserem Hotel. Und natürlich begegnen wir noch zwei Kerlen auf einem Motorrad: ohne Helm, ohne Licht. Eine letzte Begegnung der dritten Art. Nach vielen Pleiten, Pech und Pannen haben wir den TwingRaid bestanden. Nicht ohne Stolz.
Wir sind als Team zusammengewachsen. Über uns hinausgewachsen. Ohne Geschenk, ohne Komfort, ohne Sicherheitsnetz, im wahrsten Sinne des Wortes. Und am Ende bleibt nicht der Regen. Nicht der Schnee. Nicht der blockierte Gurt. Sondern dieses Gefühl, gemeinsam etwas Unvernünftiges geschafft zu haben, und tatsächlich in Marrakesch angekommen zu sein.