Nachruf
Wie traurig ist Panama: Schriftsteller Janosch ist tot
Tiger, Bär und Tigerente machten ihn weltberühmt. Nun ist Janosch auf Teneriffa gestorben – sein Leben zwischen schwerer Kindheit, Kinderbuch-Erfolg und eigenem Paradies.
Die Figuren von Zeichner und Erzähler Janosch haben Generationen geprägt Foto: Jörg Carstensen/dpa
Was wohl Tiger und Bär getan hätten? Sie hätten Janosch bis zuletzt liebevoll umsorgt, ihm Bouillon mit Mohrrüben aus dem Garten gekocht und zum Nachtisch frisch gepflückte Waldbeeren ans Bett gebracht.
Und nach seinem Tod hätten sie geweint, verzweifelt erst, um sich später mit Geschichten und Erinnerungen zu trösten. Nun ist es so weit: Am Dienstag ist der Schriftsteller und Maler mit dem Künstlernamen Janosch im Alter von 95 Jahren auf Teneriffa gestorben, wie sein Tübinger Verleger Bernhard Feil im Auftrag der Frau des Künstlers der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mitteilte.
Kinder und Erwachsene lieben die mutigen, fröhlichen Werke von Janosch. Mehr als 150 Bücher verfasste er, teilweise ist von rund 300 Werken die Rede. Sie wurden in rund 40 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage geht in die Millionen.
Mühsamer Weg zum Ruhm
Dabei waren die Anfänge mühsam für den deutschen Schriftsteller und Illustrator, der eigentlich Horst Eckert hieß. Die Kunstakademie in München nahm ihn nicht auf, sein erstes Werk „Die Geschichte vom Pferd Valek“ war kein Erfolg. Doch er machte unbeirrt weiter und schuf Bücher wie „Hannes Strohkopp und der unsichtbare Indianer“ und „Lari Fari Mogelzahn“. Für Erwachsene verfasste er Theaterstücke und Romane und bebilderte pikante Geschichten des französischen Adligen Marquis de Sade.
Lukrativer Markenrummel
Janoschs Durchbruch kam 1978 mit dem Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“. Tiger, Bär und Tigerente wurden zu Stars und zierten bald Produkte wie Schnuller, Socken, Brotzeitboxen und Fahrräder. Die Sachen verkauften sich bestens und befeuerten den Absatz der Bücher. Die niedlichen Figuren hätten von Anfang an das Potenzial gehabt, Maskottchen zu werden, und seien auch geschickt vermarktet worden, sagte die Bibliothekarin Christiane Raabe mal. „Der Erfolg seiner Panama-Bücher ist ohne die damit verbundene Merchandising-Maschinerie nicht denkbar.“

Illustrator und Geschichtenerzähler Janosch posiert am 2010 in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen vor seinem Bild „Der Tiger mit grüner Nase“ Foto: Roland Weihrauch/dpa
Das Paradies um die Ecke
Doch Janoschs Erfolg lässt sich nicht nur mit einer geschickten Vermarktung erklären. Die Sprache seiner Kindergeschichten ist kräftig und geradeheraus. Seine fantasievollen Illustrationen und Geschichten sind skurrile Charakterstudien, die das Verschrobene und gleichzeitig Liebenswerte der Figuren aufzeigen.
Im Kontrast dazu die Werke für Erwachsene, die Einblicke in die harte Kindheit des Autors geben, der 1931 im oberschlesischen Zabrze im heutigen Polen geboren wurde. In „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“ schildert er den Alltag in der grauen Bergarbeitersiedlung, schonungslos, aber auch wehmütig.
Der Vater soff bis zum Exzess, verstieg sich im Größenwahn und projizierte aberwitzige Träume auf seinen Sohn. Und er tobte, wenn dieser die Hoffnungen nicht erfüllte. Auch die Mutter ließ ihren Frust am kleinen Horst aus und prügelte ihn – oder putzte ihn so fein heraus, dass er zum Gespött der Schule wurde. Eine überaus strenge katholische Erziehung schürte Ängste vor Sünde und Fegefeuer, dazu später die „Quälerei“ in der Hitlerjugend.
Lieber Chaos als „totale Zerstörung“
„Die ersten Jahre meines Lebens waren die totale Zerstörung meiner Person“, sagte Janosch mal der Süddeutschen Zeitung. 1946 dann ein Neubeginn: In den Wirren der Nachkriegszeit zog die Familie nach Oldenburg. „Meine eigene Stimmung war Abenteuerlust. Mir hat die chaotische Zeit sehr gut gefallen, alles war besser, als katholisch im Nazi-Deutschland mit einem besoffenen Vater zu leben“, zitiert ihn Angela Bajorek in ihrer Biografie „Wer fast nichts braucht, hat alles“.
Janoschs Kinderbücher sind ein Gegenentwurf zur eigenen Vergangenheit, die der Künstler später zu verdrängen suchte, indem er sich mit Alkohol betäubte. Sein eigenes Paradies schuf er auf Papier. Bunt und naiv, mit skurrilen Wesen, die füreinander einstehen und sich gegen Unrecht und Obrigkeiten wehren.
Erst Himmelfahrt, dann Sintflut
Sein privates Paradies fand Janosch vor Jahrzehnten auf Teneriffa, wo er mit seiner Frau Ines lebte. Er verbrachte dort ein einfaches Leben, wie er der dpa zu seinem 85. Geburtstag am 11. März 2016 erzählte, „mit Essen, und ich trinke diesen Wein. Und ich pflanze im Garten Kartoffeln, zum Beispiel.“ Sein größter Wunsch damals: „Dass ich hier ewig so sitzen kann und die Sintflut erst kommt, wenn ich ganz weg bin. Also NACH meiner Himmelfahrt.“