Kulturvermittlung in Kriegszeiten

Wie die ukrainische Bibliothek zum Zufluchtsort wurde

Vor genau vier Jahren begann die Invasion der Ukraine durch russische Truppen. Das Tageblatt trifft die Schriftstellerin Olga Aleksandrova in der ukrainischen Bibliothek in Luxemburg-Stadt. Ein Gespräch über die Unterstützung ukrainischer Kultur und Solidarität in Zeiten globaler Unruhe.

Wegweiser zu ukrainischer Bibliothek in Luxemburg, gegründet 2022, mit klarer Beschriftung auf einem grünen Schild

Vor der Eingangstür zur Bibliothek findet man eine Ausstellung zur ukrainischen Kultur Foto: Jang Kapgen

Wir sitzen gemütlich mit Olga Aleksandrova auf einer Couch zwischen Regalen voller Bücher. Tee und Plätzchen werden uns angeboten. Vor vier Jahren, im Juni 2022, wurde diese Bibliothek auf Limpertsberg mit Unterstützung des Bildungsministeriums, der LUkraine asbl., der Library Krajina Foundation und mehreren Sponsoren und Spendern eröffnet. Seitdem haben sich mehr als 3.000 Bücher und ein paar Gesellschaftsspiele in der Bibliothek angesammelt. Die Bibliothekarin Mariya Kolesnyk erklärt, dass sie über 600 Mitgliedschaften im Register hat – „darunter auch viele Familien, die eine gemeinsame Mitgliedschaft haben“. Des Weiteren werden Bücher an Schulen ausgeliehen und die Räumlichkeiten werden regelmäßig für Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt. Aleksandrova stimmt zu: Das Projekt sei ein großer Erfolg.

Die Bedeutung eines Gemeinschaftsraums

Die Schriftstellerin, die die Bibliothek mit gegründet hat, sieht jedoch Wachstumspotenzial. Sie arbeitet momentan als Englischlehrerin mit geflüchteten Kindern und wünscht sich, dass Jugendliche diese Gemeinschaftsräume mehr nutzen. „Wir brauchen nicht nur die Bücher, sondern den Grund zum Sprechen, zum Austausch“, sagt sie. „Wir haben Psychologen, der SePAS. Aber Leute kommen hierher, um in Gemeinschaft zu sein.“

Aleksandrova erklärt, dass geflüchtete Menschen nicht wie Expats nach Luxemburg kommen. Eine Flucht passiert meist ganz abrupt, oft ohne jegliche Vorbereitung, da „es keine freiwillige Entscheidung zu Flüchten ist“. Sie selbst ist im März 2022 mit ihrer Familie aus Kiew geflüchtet. „Ich sagte damals zu meinen Töchtern: Ihr habt 30 Minuten. Nehmt etwas, was euch viel bedeutet, und Kleider.“ Dann liefen sie zu einem Bahnhof und nahmen den Zug nach Polen. Der Zug fuhr langsam und ohne Licht, um nicht vom russischen Militär erkannt zu werden.

Zahlen unterstreichen das Ausmaß der Situation. Letztes Jahr fanden in der Ukraine fast jede Nacht russische Raketen- und Drohnenangriffe statt und die Todeszahl der Zivilist*innen ist stark angestiegen. Im letzten Jahr sind 2.248 Zivilist*innen in der Ukraine durch russische Angriffe getötet und 12.493 verletzt worden – dies ist ein Anstieg von 26 Prozent zum vorherigen Jahr, berichtet The Guardian. Während der momentanen Wintermonate leben Millionen Menschen entweder mit begrenztem Zugang zu Elektrizität, Wärmeversorgung und Wasser oder vollkommen ohne. Seit Anfang des Kriegs haben die EU-Länder fast 6,9 Millionen Ukrainer*innen vorübergehend Schutz gewährt, wobei die Zahl der neu erteilten Entscheidungen im letzten Jahr sank.

Zu rezenten traumatischen Erfahrungen von Geflüchteten addieren sich dann Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und unbekannte Umgebungen. In Bezug auf das Lernen der neuen Landessprachen sagt die Englischlehrerin: „Wir haben eine Blockade hier.“ Sie hält sich die Hand ans Herz. „Ich kann es nicht erklären, ich bin kein Psychologe, aber diese Menschen können dann oft nicht sprechen.“ Ein Gemeinschaftsraum, wo Menschen sich austauschen, Frust mitteilen und auch den Komfort ihrer eigenen Kultur erleben können, kann einen großen Unterschied machen – besonders für Jugendliche, sagt Aleksandrova.

Wie Diversität unsere Gesellschaft bereichern kann

Xenophobie erschwert das Einleben von Geflüchteten. Aleksandrova war schockiert, als sie manche Kommentare unter einem Nachrichten-Video über dreckige Sanitäranlagen in luxemburgischen Flüchtlingswohnungen las. „Diese Personen hatten keine Empathie oder Verständnis für Geflüchtete“, bedauerte sie. Schnell und ohne Nuance werde ein Urteil gefällt. Menschlichkeit und Verständnis für die prekäre und komplexe Situation Betroffener würden fehlen.

Ukrainische Bibliothek mit über 3.000 Büchern und Gesellschaftsspielen in gemütlicher Atmosphäre

Die ukrainische Bibliothek haust über 3.000 Bücher und ein paar Gesellschaftsspiele Foto: Jang Kapgen

Die Schriftstellerin sieht in der Kultur eine Gegenkraft gegen Xenophobie und Vorurteile. Sie gibt das Beispiel der Küche. Während sich Aleksandrova freut, wenn Luxemburger ukrainische Gerichte loben, will sie nicht, dass Kultur in Isolation lebt: Wenn ein ukrainisches Rezept schmeckt, dann kann man sich zum Beispiel davon beim eigenen Kochen inspirieren lassen. Dieses Prinzip kann man auf viele Bereiche erweitern. Es soll keine Einbahn sein: Gegenseitiges Wertschätzen und multikulturelles Zusammenarbeiten sind die Stichwörter. So wird Diversität zu einer gesellschaftlichen Stärke und Migration kann als Vorteil gedacht werden.

Falls du nicht tot bist und du noch den Willen hast, weiterzuleben, dann ist es noch nicht das Ende

Olga Aleksandrova

Deshalb ist es auch wichtig für Aleksandrova, zu betonen, dass die Bibliothek nicht nur für Ukraininer*innen gedacht ist. Jede Person, die Bücher mag oder an der ukrainischen Kultur interessiert ist, ist willkommen. Im Sommer werden auch wieder die UA Days, ein Festival über die ukrainische Kultur, organisiert. Aleksandrova erklärt, dass sie versteht, warum meist von nationaler Kultur gesprochen wird, doch sie wünscht sich, dass Kultur auch außerhalb eines rein nationalen Rahmens genossen wird.

Kunst und Kultur in Kriegszeiten

Aleksandrovas neuestes, noch unveröffentlichtes Buch hat den gleichen internationalen Gedanken. „Endless Hope“, „Unendliche Hoffnung“ auf Deutsch, ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, inspiriert von ihrer Arbeit mit Flüchtlingskindern. Jede Geschichte erzählt von einem anderen Schicksal „von überall in der Welt“ – auch Luxemburg. Ihre eigene autobiografische Geschichte nimmt beinahe keinen Platz im Buch ein. „Es handelt nicht über Krieg und es ist kein Rezept, wie man überlebt. Aber es gibt einen Einblick, was in unserer Welt passiert und wie man damit umgehen kann.“ Hierfür hat sie deutliche Worte: „Falls du nicht tot bist und du noch den Willen hast, weiterzuleben, dann ist es noch nicht das Ende.“ Aleksandrova will mit ihrem neuesten Buch Hoffnung geben, auch wenn „Hoffnung haben nicht einfach ist“.

Dies ist auch eine persönliche Mission ihrerseits – besonders in dem momentan fragilen politischen Klima, gefüllt mit Debatten über Solidarität mit der Ukraine. „Es ist unmöglich, immer wieder mit Leuten zu sprechen und zu sagen: ‚Bitte beschützt uns, weil wir Krieg haben‘. Deshalb wollen wir zeigen, dass wir diesen Schutz brauchen, da wir Menschen sind. Menschen wie hier auch. Und dies ist der Fall für viele von uns in dieser fragilen Welt.“ Diese Forderung nach Empathie zieht sich wie ein roter Faden durch Aleksandrovas Arbeit, ob als Lehrerin, Schriftstellerin oder beim Planen von Projekten, wie der ukrainischen Bibliothek.

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