Zehn Jahre Beratungsdienst LOG-in

Wie Kontrolle Beziehungen zerstört, lange bevor sie als Gewalt erkannt wird

„Es ist ein Prozess aus Mikrogewalten“: Hélène Romano erklärt, warum Zwangskontrolle, Gewalt ohne sichtbare Spuren, gerade deshalb besonders zerstörerisch ist.

Psychotherapeutin Hélène Romano berät Opfer von coercive control (Zwangskontrolle) in einfühlsamer Therapiesitzung

Psychotherapeutin Hélène Romano betreut unter anderem Personen, die Opfer von „coercive control“ – Zwangskontrolle – sind Foto: Carole Theisen

„Es ist ein Jubiläum mit doppeltem Boden. Zehn Jahre nach seiner Gründung steht der Beratungsdienst LOG-in des „Conseil national des femmes du Luxembourg“ – für Frauen, die Gewalt erleben – zugleich für Fortschritt und für eine unbequeme Wahrheit. „Das zehnjährige Bestehen eines Dienstes zeigt leider auch, dass wir gesellschaftlich noch weit entfernt sind von einem Punkt, an dem dieser Rahmen nicht mehr notwendig ist“, sagt der Escher Bürgermeister Christian Weis im Ariston in Esch/Alzette.

Der Abend, getragen von Politik, Fachwelt und Zivilgesellschaft – und musikalisch begleitet von den „Singing Red Ladies“ – rückt eine Gewaltform in den Mittelpunkt, die lange kaum benannt wurde: die sogenannte „coercive control“, Zwangskontrolle. Gewalt ohne sichtbare Spuren – und gerade deshalb besonders zerstörerisch.

„Eine Kette von Mikrogewalten“

Für die französische Psychotherapeutin Hélène Romano ist der Begriff mehr als ein Schlagwort. Sie beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit psychischen Traumata und der Begleitung von Opfern – zunächst in der Notfallpsychologie, später in Therapie und Forschung. Heute arbeitet sie freiberuflich und bildet Fachkräfte im Umgang mit traumatisierten Menschen aus.

Was ist Zwangskontrolle?

– systematische Überwachung (Handy, Standort, Kontakte)

– soziale Isolation

– finanzielle Abhängigkeit

– psychologische Abwertung

– schleichende Entmündigung

Ziel: Kontrolle über Identität, Freiheit und Alltag

„Es ist ein Verfahren von Gewalt, verbunden mit Strategien eines Täters. Es ist nicht eine einzelne Gewalt, sondern Schritt für Schritt die Anhäufung von Mikrogewalten“, erklärt sie. „Eine Verhaltenskette aus Abwertungen, Isolation und Abhängigkeiten, bewusst organisiert, um zu dominieren und zu kontrollieren.“

Porträt von Hélène Romano, die über emotionale Entfremdung und das Verlassen toxischer Beziehungen spricht.

Kein blauer Fleck, kein klarer Moment der Eskalation: „Von außen ist diese Form von Gewalt eher unsichtbar“, warnt Hélène Romano Foto: Carole Theisen

Diese Gewalt bleibt oft unsichtbar. Kein blauer Fleck, kein klarer Moment der Eskalation. Stattdessen ein langsames Verschieben von Grenzen. „Von außen ist diese Form von Gewalt eher unsichtbar“, sagt Romano. „Sie hat eine große psychologische Dimension.“

Und sie beginnt früh – oft dort, wo sie kaum jemand vermutet. „Schon am Anfang einer Beziehung gibt es kleine Bemerkungen, etwa zur Kleidung: ‚Du solltest das nicht tragen‘ oder ‚Das steht dir nicht‘. Das sind scheinbar kleine Dinge, aber sie schaffen Zweifel.“

Wenn Kontrolle zur Realität wird

Mit der Zeit wird aus kleinen Eingriffen ein geschlossenes System. „Man verliert Freunde, Familie, manchmal auch die Arbeit“, beschreibt Romano. „Sozial bleibt nichts mehr übrig.“ Die Folgen gehen weit über das Soziale hinaus. Dauerstress greift den Körper an, die Psyche zerbricht. „Es gibt massive körperliche Konsequenzen – Herzprobleme, Hauterkrankungen, chronischer Stress“, sagt sie. „Und psychisch: ein Verlust des Selbstwerts, posttraumatische Störungen, Angst.“ Die Dynamik endet nicht selten eskalativ: Zwangskontrolle kann sowohl zu suizidalen Krisen bei den Betroffenen führen als auch in extremen Fällen zu Feminiziden.

Betroffene aus allen Gesellschaftsschichten, inklusive oft übersehener Kinder, symbolisch dargestellt.

Die Opfer können aus allen Teilen der Gesellschaft kommen – besonders betroffen sind Kinder Foto: Carole Theisen

Besonders betroffen sind auch Kinder. „Kinder sind oft Opfer, die übersehen werden“, betont Romano. „Sie werden instrumentalisiert, sie wachsen in Unsicherheit auf – mit Folgen für ihre gesamte Entwicklung.“

„Hinter jeder Statistik steht ein Schicksal“

Auch Gleichstellungsministerin Yuriko Backes ist anwesend – zumindest kurz. Sie betont, dass es ihr wichtig gewesen sei, an diesem Abend persönlich Präsenz zu zeigen, verlässt den Saal jedoch bereits gegen 19 Uhr und verpasst damit die eigentliche Fachkonferenz. In ihrer Rede betont sie: „Ich glaube, es hat keinen Wert, Sie hier mit Statistiken zu bombardieren. Aber hinter jeder Statistik von Gewalt steht ein Schicksal.“ Doch das ist nicht alles: „Und dann gibt es all jene, für die wir keine Zahlen haben. Das ist noch schlimmer, weil sie auch keine Hilfe bekommen.“

Luxemburg habe Fortschritte gemacht, etwa mit einem nationalen Aktionsplan gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Doch Backes warnt: „Null Toleranz gegen Gewalt – das dürfen nicht nur Worte sein. Das muss mit konkreten Handlungen belegt werden.“

Singing Red Ladies singen live bei Veranstaltung, Frauenchor in roten Outfits auf Bühne

Die „Singing Red Ladies“ traten bei der Veranstaltung auf Foto: Carole Theisen

Für Nathalie Morgenthaler, Präsidentin des Frauenrats, ist LOG-in längst unverzichtbar geworden. „Was 2016 mit knapp 40 Stunden und zwei jungen Mitarbeiterinnen begann, ist heute eine Anlaufstelle für Frauen im Süden“, sagt sie.

Die Nachfrage steigt. Mehr als 200 Frauen werden jährlich begleitet, während landesweit Dutzende auf Wartelisten stehen. „Mit durchschnittlich 50 bis 60 Frauen auf der nationalen Warteliste ist es dringend und unverzichtbar, dass Opfer kompetent und sensibel betreut werden“, so Morgenthaler. Der Dienst arbeitet längst präventiv: in Schulen, mit Fachpersonal, in der Öffentlichkeit. „Hier werden Frauen gehört und erhalten die Hilfe, die sie brauchen, um neue Perspektiven zu entwickeln.“

Eine der hartnäckigsten Fragen bleibt: Warum verlassen Betroffene ihre Beziehung nicht einfach? Romano widerspricht einfachen Antworten: „Für eine Entscheidung muss man denken können. Und genau diese Fähigkeit wird durch die Kontrolle zerstört.“ Sie spricht von einem mentalen Konditionierungsprozess: „Wenn man so stark disqualifiziert wird, verliert man seine Menschlichkeit. Man wird wie ein Objekt – und ein Objekt denkt nicht.“ Hinzu kommen konkrete Abhängigkeiten: kein eigenes Einkommen, kein soziales Netz, Angst vor Unglauben.

Frauen im Gespräch beim Dienst LOG-in, der jährlich über 200 Frauen mit Beratung und Unterstützung begleitet

Alle Hände voll zu tun: Mehr als 200 Frauen werden jährlich beim Dienst LOG-in begleitet, während landesweit Dutzende auf Wartelisten stehen Foto: Carole Theisen

Dass Zwangskontrolle juristisch schwer zu greifen ist, überrascht die Expertin nicht. „Die Familie ist ein Raum, der stark geschützt ist. Zu benennen, dass es dort Strategien der Kontrolle gibt, ist gesellschaftlich schwierig.“ Auch die Wortwahl ist entscheidend. „Wenn man von einem ‚Konflikt‘ spricht, übersieht man die Gewalt“, sagt Hélène Romano. „Ein Konflikt setzt Gleichgewicht voraus – Gewalt nicht.“

Für die Zukunft fordert Romano ein Umdenken. „Man muss sehr früh ansetzen – bei Kindern. Respekt, Selbstwert, die Fähigkeit, Nein zu sagen.“ Doch auch Institutionen müssten sensibler werden: „Die Zeichen sind da. Man muss lernen, sie zu sehen – und ernst zu nehmen.“

Hilfe und Kontakt

Der Dienst LOG-in bietet vertrauliche und kostenlose Beratung für Frauen, die von Gewalt betroffen sind oder sich in einer belastenden Beziehungssituation befinden.

Telefon: 54 55 77

E-Mail: login@cnfl.lu

Adresse: 41, rue de Luxembourg, L-4220 Esch/Alzette

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