Differdingen

Wie Kinder bei „Dungeons & Dragons“ gemeinsam Geschichten erschaffen – ganz ohne Bildschirm

Kein Bildschirm, kein Scrollen, nur Fantasie: In der Differdinger Stadtbibliothek entdecken Kinder die Welt von Dungeons & Dragons – und lernen dabei mehr, als man denkt.

Differdinger Stadtbibliothek als kreativer Spielraum für Abenteuer und gemeinsames Erzählen in moderner Bibliotheksumgebung

Die Differdinger Stadtbibliothek wird zum Spielraum für Abenteuer – und für neue Formen des gemeinsamen Erzählens Foto: Carole Theisen

Ein Dorf. Kopfsteingassen. Fahnen im Wind. Irgendwo wird geredet, irgendwo wartet eine Prüfung. So beginnt die Geschichte – nicht auf Papier und nicht auf einem Bildschirm, sondern in den Köpfen von vier Kindern.

Sie sitzen an einem Tisch in der Stadtbibliothek im „Aalt Stadhaus“ von Differdingen. Keine Tablets, keine Handys, keine flackernden Displays. Vor ihnen liegen Würfel, Papier, Stifte. Die Welt, die sie gerade betreten, existiert nur, weil jemand sie beschreibt – und weil sie bereit sind, zuzuhören und zu reagieren.

Um 14.30 Uhr beginnt hier am 13. Januar ein Spiel, das vor allem auf Vorstellungskraft baut: „Dungeons & Dragons“ ... aber eben für Kinder. Keines der vier hat zuvor je gespielt. Und doch entsteht innerhalb kurzer Zeit eine Welt, in der jede Entscheidung eine Rolle spielt.

Ben Bauler als Dungeon Master erklärt Regeln und Spielwelt, führt Kinder durch interaktive Rollenspiel-Geschichte

Ben Bauler erklärt als Dungeon Master die Regeln und beschreibt die Spielwelt. Er führt durch die Geschichte – entscheiden müssen die Kinder selbst Foto: Carole Theisen

„Ihr könnt nichts falsch machen“, sagt Ben Bauler. „Ihr müsst nur sagen, was ihr tun wollt.“ Bauler ist an diesem Nachmittag Dungeon Master – Erzähler, Spielleiter, Übersetzer zwischen Fantasie und Handlung. Was folgt, ist kein Unterricht und kein Workshop im klassischen Sinn. Es ist gemeinsames Denken in Echtzeit.

Bevor das Abenteuer beginnt, erklärt er die Grundlagen. Was ist ein Charakter? Was kann er, was nicht? Ein muskulöser Krieger, eine Elfenkriegerin, eine zwergische Klerikerin. „Ein Junge kann eine weibliche Figur spielen, ein Mädchen eine männliche. Das ist überhaupt kein Problem“, sagt Bauler. Wichtig sei nur, sich für eine Figur zu entscheiden.

Vier Kinder spielen Dungeons & Dragons in der Stadtbibliothek Aalt Stadhaus Differdingen, erstes Rollenspiel-Abenteuer

Vier Kinder tauchen in der Stadtbibliothek im „Aalt Stadhaus“ von Differdingen in ihre erste „Dungeons & Dragons“-Runde ein Foto: Carole Theisen

Die Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf zur Ritterzeit. Es gibt ein Turnier, Prüfungen, Ruhm. Bauler beschreibt das Setting detailliert, zeigt den Kindern eine Karte. Die Kinder hören zu, nicken, bauen sich ihre eigene Version dieser Welt im Kopf auf. „Jeder Spieler hat sein eigenes Bild im Kopf“, erklärt Bauler später. „Trotzdem befinden wir uns alle im selben Raum.“

Würfel, Zufall und Verantwortung

Dann kommen die Würfel. Sieben verschiedene Formen, jede mit einer anderen Seitenzahl. Jedes Kind darf sich ein Set aussuchen – Farbe nach Geschmack. Noch wissen sie nicht, dass sie diese Würfel am Ende behalten dürfen.

Die erste Aufgabe: mit Pfeil und Bogen auf eine Zielscheibe schießen. Der Zufall entscheidet, wie gut der Schuss ist. Bauler hilft beim Rechnen, erzählt gleichzeitig, wie der Pfeil durch die Luft fliegt. Es folgt das Reiten eines wilden Stiers, später ein Tanzwettbewerb. Jede Figur bringt andere Stärken und Schwächen mit. Stärke hilft nicht immer. Geschick auch nicht. Manchmal braucht es Mut, manchmal eine Idee. Bauler erzählt bildhaft, humorvoll, kindgerecht.

Anfangs sind die Kinder zurückhaltend. Sie beobachten, hören zu. Doch mit jeder Szene werden sie aktiver. Fragen tauchen auf. „Sollen wir da hineingehen?“ – „Kann ich mein Schwert benutzen?“ – „Nehmen wir eine Fackel mit?“ Die Gruppe diskutiert. Entscheidet gemeinsam.

„Das war spannend“

Für Kylan, sieben Jahre alt, aus der „Maison relais du Centre“ in Differdingen, war es die erste Erfahrung mit „Dungeons & Dragons“. „Das war spannend“, sagt er. „Am Anfang waren wir eher ruhig. Später haben wir mehr gesprochen.“ Ob er wieder spielen will? „Ja!“

Auch Frida, zwölf Jahre alt, ist begeistert. Sie kam über die kultige Netflix-Serie „Stranger Things“ zum Spiel. „In der Serie sah das ziemlich cool aus“, sagt sie. „Und hier konnte jeder selbst entscheiden, was er macht. Das war mega cool.“

Ein Spiel mit Geschichte – und Vorurteilen

„Dungeons & Dragons“ entstand in den 1970er-Jahren, inspiriert von Fantasy-Literatur und Autoren wie Tolkien. In den 1980ern sorgte das Spiel in den USA für Angst und Schlagzeilen – Stichwort „Satanic Panic“. Heute erlebt es ein Comeback. Offline, online, für Erwachsene, für Kinder.

Für Menschen, die noch nie davon gehört haben, beschreibt Ben Bauler das Spiel ganz einfach: „Man braucht eine Person, die eine Geschichte erzählt – fast so, als würde sie ein Märchen vorlesen. Die anderen hören zu, stellen sich diese Welt vor und entscheiden, wie sie darin handeln.“

Sieben bunte Würfel in verschiedenen Formen und Farben symbolisieren Zufall und Glück beim Spielen

Sieben verschiedene Würfel bringen den Zufall ins Spiel Foto: Carole Theisen

Die Würfel bringen dabei nur eines ins Spiel: Zufall. „Sie sorgen dafür, dass nicht alles planbar ist“, erklärt Bauler. „Auch der beste Fußballspieler schießt nicht jeden Ball ins Tor.“ Regeln seien wichtig, aber nicht entscheidend. „Sie sind ein Gerüst. Der Spaß und die Interaktion sind wichtiger.“

Man könne ein ganzes Spiel lang schweigen, sagt Bauler. Und doch passierten oft erstaunliche Dinge. „Menschen, die im echten Leben schüchtern sind, sind im Spiel plötzlich gar nicht mehr schüchtern – oder andersherum.“

Wie alles begann – und wie es weitergehen soll

Die Idee, „Dungeons & Dragons“ mit Kindern zu spielen, entstand für Ben Bauler im Alltag. Seine eigenen Kinder seien neugierig auf Fantasy-Welten gewesen, erzählt er, auf Rittergeschichten, Abenteuer, auf alles, was mit Vorstellungskraft zu tun habe. „Das ist ja nichts Neues“, sagt er. „Solche Geschichten gab es schon immer.“

Zuerst habe er das Spiel im kleinen Rahmen ausprobiert – vereinfacht, ohne komplexe Regeln. „Ich habe gemerkt, dass es funktioniert“, sagt Bauler. Dass Kinder bereit seien, zuzuhören, Entscheidungen zu treffen, kreativ zu werden. „Man kann die Regeln problemlos herunterbrechen.“

Bauler selbst sieht sich nicht als Pädagoge. „Ich würde nicht sagen, dass das meine Absicht ist.“ Und doch erkennt er den Wert. Kreativität, Sprache, Entscheidungsfindung. „Das sind schöne Nebeneffekte.“ Sein Hauptziel sei ein anderes: Spaß. Und Konzentration. „Es gibt kaum ein Hobby, bei dem ich so vollständig abschalten kann.“

Für die Stadtbibliothek ist der Workshop mehr als ein Experiment. „Es ist ja eine Geschichte“, sagt Jil Weiler, „Chef de service“. „Aber eine, die gemeinsam entsteht.“ Ziel sei es, junge Menschen in die Bibliothek zu holen – auch mit anderen Formaten als klassischen Lesungen.

Am Ende packen die Kinder ihre Würfel ein. Ein kleines Geschenk. Eine Erinnerung. Vielleicht auch ein Anfang. Was als Experiment begann, soll weitergehen. Ben Bauler möchte das Angebot ausbauen, weitere Gruppen begleiten, auch in anderen Bibliotheken und anderen Einrichtungen. „Wenn Kinder dadurch ein neues Hobby entdecken, dann ist das schön“, sagt er. „Mehr muss es gar nicht sein.“

Termine für Neugierige

Wer selbst einmal in die Welt der Rollenspiele eintauchen möchte, hat in den kommenden Wochen mehrere Gelegenheiten dazu:

Gratisrollenspieltag

Am 28. März von 13 bis 18 Uhr findet im hauptstädtischen „Reservoir“ der Gratisrollenspieltag statt. Besucherinnen und Besucher können verschiedene Systeme kennenlernen, ausprobieren und sich informieren. Der Eintritt ist frei.

Luxcon

Am 18. und 19. April folgt die Luxcon im Forum Geesseknäppchen – Luxemburgs große Convention rund um Fantasy, Science-Fiction, Spiele und Popkultur. Auch Pen-&-Paper-Rollenspiele stehen dort im Fokus.

Online vernetzen

Aktuelle Informationen, Spielrunden und Austauschmöglichkeiten bietet außerdem die Facebook-Gruppe „Dungeons and Dragons Luxembourg“.

Junge Spieler beraten sich gemeinsam über ihren nächsten Schritt beim Betreten eines Raumes in einem Abenteuer-Spiel

„Sollen wir da hineingehen?“ – Die jungen Spieler beraten gemeinsam über ihren nächsten Schritt Foto: Carole Theisen

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