Geschichte zum Anfassen
Wie Dalheim zum archäologischen Klassenzimmer wird
Der große, lange Arbeitstisch des „Centre régional de recherche archéologique Dalheim“ (CRRA) ist bedeckt mit Fundstücken. Teile eines Gürtels für Männer aus der Keltenzeit um 100 v. Chr. liegen neben Gewandnadeln aus der Zeit des römischen Reiches um 200 bis 300 n. Chr. Klassifizierungen wie diese sind die Aufgabe der fünf Studenten aus Köln, die zum ersten Mal echte Fundstücke in den Händen halten.
Fundstücke wie diese zu identifizieren und zeitlich einzuordnen, ist die Arbeit eines Archäologen Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Normalerweise sind archäologische Fundstücke in Museen ausgestellt. Gesichert und hinter Glasvitrinen, dürfen Besucher sie nicht berühren. Im Dalheimer „Centre“, einem von zwei Regionalzentren des „Institut national de recherches archéologiques“ (INRA), haben fünf Studenten noch bis heute die Gelegenheit, die Fundstücke zu archivieren. Das zweite INRA-Regionalzentrum befindet sich übrigens am Titelberg im Fond-de-Gras.
Im INRA-Regionalzentrum in Dalheim wohnen und arbeiten die Studenten Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Der Stolz, sich hier ausprobieren zu dürfen, ist den Studenten anzumerken. In Dalheim können sie auf eine Fachbibliothek zurückgreifen und wohnen dort auf Zeit. Sie studieren Archäologie der römischen Provinzen an der Universität zu Köln. Teile von Pferdegeschirren, Knöpfe aus Bronze, Funde aus der Zeit der Karolinger im neunten Jahrhundert oder hochmittelalterliche Funde aus dem 12. Jahrhundert müssen identifiziert, klassifiziert und archiviert werden.
Die praktische Arbeit kennenlernen
„Ich finde es spannend, sich mit alten Kulturen auseinanderzusetzen und die Parallelen zu heute zu entdecken“, sagt Loxy Madeline Diercks (35), eine der Studierenden. Viele der Fundstücke, die sie untersuchen, sind Alltagsgegenstände und es gibt sie bis heute. „Ich habe noch nie während meines Studiums so intensiv mit Metallfunden gearbeitet“, sagt sie. „Sie in der Hand zu halten, ist etwas Besonderes.“
Loxy Madeline Diercks (35, l.) und Noah Spiecker (21, r.) sind zwei der Studierenden aus Köln Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
So geht es auch Noah Spiecker (21). Im Gegensatz zu Loxy, die ihren Bachelor schon in der Tasche hat, ist er Studienanfänger. „Es ist eine schöne praktische Erfahrung, hier zu sein“, sagt er. „Wir sind hier sehr nah an der tatsächlichen Forschung.“ Die Theorie kennt er aus den ersten Vorlesungen und Seminaren, in Dalheim geht es um die Praxis der Arbeit eines Archäologen.
Alle Fundstücke stammen aus Schandel, in der Nähe von Vichten. Romain Jacoby (64) hat sie in jahrelanger Suche zusammengetragen und für das Praxisseminar zur Verfügung gestellt. „Sie haben keinen Handelswert, sind aber wissenschaftlich bedeutend“, sagt Peter Henrich (51), der das Praxisseminar leitet. Er ist spezialisiert auf die Archäologie der römischen Provinzen, hat in Köln studiert und ist der stellvertretende Direktor und Forschungskoordinator des Landesmuseums Trier.
Romain Jacoby hat die Fundstücke für das Praxisseminar zur Verfügung gestellt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Aus der Geschichte lernen
Das Römische Reich war zu seiner Zeit riesig. Allein die Nordwest-Provinzen erstreckten sich über Deutschland, Frankreich und Großbritannien sowie die Benelux-Länder. Deswegen machen die Spuren auch vor den heutigen Grenzen nicht halt. Das römische Mosaik in Vichten und das im saarländischen Nennig zeugen davon.
Die gallorömischen Theater in Avenches oder Le Vieil-Evreux sind weitere bekannte Zeitzeugen der römischen Expansion und liegen in der Schweiz und Frankreich. Ist Archäologie ein Nischenfach? Und warum ist es so wichtig, Geschehnisse, die mehr als 2000 Jahre zurückliegen, zu verstehen?
– „Weil man aus der Geschichte und den Fehlern der Vergangenheit lernen kann“, sagt Seminarleiter Henrich und zieht die Parallelen zwischen gestern und heute. Dem Untergang des Römischen Reiches gingen politische Krisen, politische Intrigen, eine Umwelt- und eine Wirtschaftskrise sowie eine Pandemie voraus.
Parallelen zu heute
„Alle fünf Punkte haben heute eine Aktualität wie nie zuvor“, sagt Henrich. Vor seinem Untergang führten die jeweiligen Herrscher an mehreren Fronten Kriege. Aufgrund von Missernten, weil das Klima sich verändert hatte, gab es Migrationswellen aus den östlichen Teilen des heutigen Europas.
Peter Henrich ist Vizedirektor und Forschungskoordinator des Landesmuseums Trier Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
„Die Germanen sind damals teilweise bis nach Spanien vorgedrungen“, sagt Henrich. „Ihre Versorgungssicherheit war nicht mehr gewährleistet und dann sind sie weggezogen.“ Die „Antoninische Pest“ beherrschte in den Jahren 165 bis 180 n. Chr. nahezu das gesamte Gebiet des Römischen Reiches. Es war eine Pandemie. Politische Instabilität kam hinzu.
„Die Erbfolge wurde abgeschafft und das Militär hat die Kaiser eingesetzt“, sagt Henrich. „Das hat zu Jahren geführt, in denen zwei oder sogar drei Kaiser nacheinander regierten.“ Diese politische Schwäche wurde ausgenutzt und brachte das Reich in seiner damaligen Größe schließlich zu Fall.
Die Bedeutung von Dalheim
Die freigelegten gallorömischen Bauten wie das Theater in Dalheim stammen laut neueren Forschungsergebnissen aus der Zeit um 120 n. Chr. Dalheim liegt an der damals bedeutenden Fernstraße Via Agrippa, die das Mittelmeer mit dem Rhein verbindet. „Wir haben hier eines der wenigen vollständig freigelegten römischen Theater im ehemaligen Gallien“, sagt Archäologe Henrich. „Es ist perfekt erhalten und gut erforscht.“
Das gallorömische Theater in Dalheim bei einer „porte ouverte“ im Jahr 2015 Foto: Editpress-Archiv/Tania Feller
Ein guter Ort also, um einzulösen, was er während seines Studiums immer vermisst hat. „Mich hat immer gestört, dass es im Studium neben der Theorie kaum Praxisarbeit gab“, sagt Henrich. „Deshalb suche ich nach Kooperationen mit Denkmalpflege oder Museen, um so etwas wie hier zu realisieren.“
Die Studenten ihrerseits absolvieren eine anschauliche Etappe auf ihrem Weg zum zukünftigen Archäologen und lernen im Nebeneffekt das Land kennen. Die Möglichkeiten in Dalheim sind ein Glücksfall für sie.
Lesetipp für Geschichtsfreunde
Das gallorömische Theater von Dalheim „Hossegronn“, Peter Henrich, Verleger: CNRA/MNHA (c) – ISBN 978-2-87-985317-8, Sprache: Deutsch