Psychologie
Wenn die Sonne zurückkehrt – und mit ihr die Stimmung
Wenn in Luxemburg die Sonne zurückkehrt, verändert sich das Verhalten der Menschen fast augenblicklich. Der Effekt ist messbar, wiederkehrend – und psychologisch erklärbar.
Der Einfluss des Klimas auf die Psyche ist gut dokumentiert – doch nicht bei allen mentalen Krankheiten oder auf alle Menschen hat es Auswirkungen Foto: l'essentiel/Vincent Lescaut
Vor rund einer Woche hat sich der Himmel über Luxemburg plötzlich geöffnet. 15 Grad, blauer Himmel, viel Sonne. In den Straßen tauchen wieder Motorräder auf, Spielplätze füllen sich, Liegewiesen ebenso. Cafés stellen ihre ersten Stühle nach draußen. Es wirkt fast, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – nicht nur im Wetter, sondern auch in den Köpfen.
Doch warum eigentlich?
„Es hängt stark davon ab, wie sensibel Menschen auf ihr Umfeld reagieren“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Aurore Jurga. „Es gibt Personen, die besonders empfindlich auf Licht reagieren – auf Sonnenstrahlen, auf natürliche Helligkeit.“
Mehr Licht bedeutet für den Körper mehr als nur bessere Sicht. „Je mehr wir von natürlichem Licht umgeben sind und je angenehmer das Wetter ist, desto wacher fühlen wir uns“, erklärt Jurga. „Die Stimmung verbessert sich. Das ist gut dokumentiert.“
Für manche Menschen hat Sonnenschein einen unmittelbaren Effekt. Andere merken kaum etwas.
Aurore Jurga
Psychologin und Psychotherapeutin
Der Effekt ist jedoch nicht nur subjektiv. Dahinter steckt Biologie. „Sonnenlicht kann die Produktion von Serotonin anregen“, sagt die Psychologin. „Das ist ein Hormon, das stark mit Wohlbefinden verbunden ist. Wenn es steigt, fühlen wir uns oft automatisch besser.“
Deshalb ist der Einfluss des Klimas auf die Psyche kein Mythos. Länder mit langen, grauen Wintern kennen das Phänomen gut. „Wenn es ständig grau ist und viel regnet, kann das die allgemeine Stimmung drücken“, sagt Jurga. „Das ist einer der Gründe, warum man auch von saisonalen Depressionen spricht.“
Zwischen Winterblues und echter Depression
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Nicht jeder reagiert gleich stark auf das Wetter. „Für manche Menschen hat Sonnenschein einen unmittelbaren Effekt. Andere merken kaum etwas“, sagt Jurga. Besonders bei schweren Depressionen kann der Einfluss des Wetters begrenzt sein.
„Die Intensität der Depression spielt eine große Rolle“, erklärt sie. „Je schwerer sie ist, desto schwieriger wird es für Betroffene überhaupt, nach draußen zu gehen, frische Luft zu holen oder die Sonne auf der Haut zu spüren.“
Dabei kann gerade das eine Rolle im Alltag spielen. „In der Therapie versuchen wir manchmal, Menschen dazu zu ermutigen, kleine Momente wahrzunehmen“, sagt Jurga. „Zum Beispiel kurz rauszugehen, das Licht im Gesicht zu spüren und zu merken: Das tut mir gut.“ Große Veränderungen entstehen selten über Nacht. „Es sind kleine Handlungen, die sich summieren“, betont sie. „Aber das braucht Zeit und Begleitung.“
Ein Begriff taucht in den kalten Jahreszeiten immer wieder auf: Winterdepression. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick. „Man muss unterscheiden“, sagt Jurga. „Viele Menschen fühlen sich im Winter einfach niedergeschlagen oder etwas langsamer. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie an einer Depression leiden.“
Der Unterschied liegt in Dauer und Intensität. „Wenn Symptome länger als sechs Monate bestehen, sprechen wir eher von einer Depression“, erklärt sie. „Wenn die Stimmung nur vorübergehend gedrückt ist, handelt es sich eher um eine depressive Verstimmung.“
Trotzdem hat Licht einen messbaren Einfluss auf den Alltag. Deshalb wird in manchen Fällen sogar gezielt damit gearbeitet. „Bei depressiven Menschen empfehlen wir manchmal Lichttherapie am Morgen“, sagt Jurga. „Das kann helfen, die Stimmung etwas zu stabilisieren und den Tag besser zu beginnen.“
Jurga bringt es sachlich auf den Punkt: „Diese Sonne … sie ermöglicht es uns schlicht, besser gelaunt zu sein.“ Sie ist kein Allheilmittel, aber ein klar messbarer Impuls, der vielen Menschen hilft, aus dem Wintermodus herauszufinden.