Theaterstück „Success Story“

Was es bedeutet, im Kinderheim aufzuwachsen und welche Vorurteile besonders wehtun

Sie waren auf Nonnen und Betreuungspersonal angewiesen: „Success Story“ rückt Menschen in den Mittelpunkt, die in Luxemburgs Kinderheimen aufwuchsen. Statt Fiktion bringen Carole Lorang und Mani Muller Statements auf die Bühne. Hart, ehrlich und unerwartet.

Sie schenken Heimkindern aus Luxemburg ihre Stimme (vlnr.): Franz Leander Klee, Germain Wagner und Renelde Pierlot sowie Alain Schumann, der auf diesem Bild nicht zu sehen ist

Sie schenken Heimkindern aus Luxemburg ihre Stimme: Franz Leander Klee (l.), Germain Wagner (M.) und Renelde Pierlot sowie Alain Schumann, der auf diesem Bild nicht zu sehen ist Foto: Editpress/Julien Garroy

„E Rhummert, dee bréngt et net.“ Der Satz bezieht sich auf Kinder, die im kirchlich betreuten Heim „op der Rhum“ aufgewachsen sind. Und er sitzt. In „Success Story“ folgen weitere Aussagen, die wehtun. Die Produktion desEscher Theaterund der „Compagnie du Grand Boube“ feierte 2018 Premiere, jetzt läuft die Wiederaufnahme im Ariston in Esch.

Doku trifft Theater

Der Text basiert auf Interviews: Das Produktionsteam traf damals rund 30 Menschen, die in den Fünfzigern bis zu den 2010er-Jahren in Luxemburgs Kinderheimen lebten. Auf der Bühne werden fast ein Dutzend der Geschichten von den Schauspielenden Franz Leander Klee, Renelde Pierlot, Alain Schumann (aka Jackie Moontan) und Germain Wagner nacherzählt. Der Cast ist derselbe wie 2018.

„Sie benutzen ihr Handwerk – das Schauspiel –, um den Menschen eine Stimme zu geben“, so Carole Lorang im Gespräch mit dem Tageblatt. Sie inszeniert das Stück, leitet das Escher Theater und war 2007 Mitbegründerin der „Compagnie du Grand Boube“. Das Team griff nur wenig in die Aussagen der Gesprächspersonen ein, beispielsweise um den Satzbau anzupassen. Der Rest ist authentisch. Eine szenische Lesung, wenn man so will. Das Bühnenbild? Schlicht. Kein nachgebautes Kinderheim. Kein multimedialer Schnickschnack. Bis auf die sporadischen Musikeinlagen von Alain Schumann und Franz Leander Klee herrscht Ruhe – und das verleiht den Berichten Gewicht.

Gemischte Wahrheit(en)

Das Stück umfasst fünf Kapitel: „E Bléck op d’Liewen am Kannerheem“, „Ofgestempelt“, „Identitéitssich“, „Brochdeeler vun enger Familljegeschicht“ und „Success Story“. Schnell wird deutlich – es gibt nicht die eine Wahrheit über den Alltag im Heim. „Wer dort aufwächst, hat nicht zwangsläufig ein schlechtes Leben“, so Lorang. „Wir haben gezielt nach alternativen Erzählungen gesucht. Es war uns wichtig, mit Klischees zu brechen.“

Die einen bezeichnen die Unterbringung im Heim als Rettung, die anderen als Zerreißprobe. Viele teilen Gewalterfahrungen. „Mir waren iwwerall gestempelt“, betont eine der Stimmen. Das Wort „Scham“ fällt. Scham dafür, im Heim zu leben, bedingt durch Vorurteile aus der Mehrheitsgesellschaft und durch den Irrglauben: Wer im Heim landet, hat was verbrochen.

Die Betreuungseinrichtungen selbst sind kein Safe Space, zumindest nicht für alle. „Mir hu méi Streech kritt wéi Brout“, heißt es an einer Stelle. Oder „Ech krut vill Streech wéngt mengem Laachen“. Das Magazin Revue veröffentlichte bereits 1976 einen Erfahrungsbericht eines ehemaligen Heimkindes („Frauen über Frauen“) „op der Rhum“, die Wochenzeitung Land dokumentierte die Vorfälle 2010 ausführlich („Gottes Hand“). Dort ist von „Prügel-Nonnen“ die Rede. Das Waisenhaus wurde 1981 geschlossen.

„Success Story“ blendet die Gewalt nicht aus, liefert aber auch Gegenbeispiele. So entsteht ein Porträt, das einer bunten Collage gleicht. Das Personal dient manchen Figuren bis heute als Anker, als Zufluchtsort. Ein zweischneidiges Schwert: Wechselt das Personal, fühlen sich die Kinder im Stich gelassen, teils re-traumatisiert. Vor allem, wenn die versprochenen Besuche ausbleiben. Ähnlich komplex bis verfahren ist das Verhältnis zu den eigenen Eltern. Manche Erzählstimmen haben Mitleid, andere nur Hass für sie übrig.

Über Frauen

Carole Lorang verrät: „In den Interviews waren Frauen allgemein offener als Männer.“ Und so sticht die Lebensrealität von Frauen in dem Stück auch besonders hervor. Wie klärten die Nonnen wohl über die Menstruation auf? Oder über Sexualität und Liebe? Fragen, die sich Außenstehende vermutlich selten stellen. In „Success Story“ kommt das – wenn auch leider nur kurz – zur Sprache. Es ist von Verklemmtheit die Rede und von der Message: Als Frau sollst du keine Ansprüche haben und dich von den Jungen fernhalten. Andere berichten davon, dass minderjährige Mädchen als Haushaltskräfte vermittelt und von den Hausherren geschwängert wurden – die Neugeborenen landeten im Heim.

Berührend ist auch die Geschichte einer unbegleiteten Minderjährigen, die in den 2010er-Jahren aus Äthiopien nach Luxemburg flüchtete. Sie verbrachte drei Monate im Gefängnis in Schrassig, weil es damals keine andere Unterkunft für sie gab. Später zog sie in ein Kinderheim. „Le foyer est toute ma vie“, sagt sie.

Erfolgsgeschichten

„Success Story“ geht jedoch über die Erfahrungen im Kindesalter hinaus. Es erzählt von der Zeit nach dem Heim und den Folgen; thematisiert beispielsweise auch den Umgang mit jungen Menschen in betreuten Wohnstrukturen, die zum Studium ins Ausland ziehen. Meist verlieren sie dadurch ihr Zimmer. „Du kriss richteg Existenzängscht. Du hues keen Doheem méi“, lautet eine Aussage im Stück. „Ohne Anschrift in Luxemburg haben sie keinen Anspruch auf die Studienbeihilfe“, weiß Carole Lorang. Private Träger seien auf die Neuvergabe der Räumlichkeiten angewiesen, städtische Einrichtungen könnten sich rare Ausnahmen erlauben.

Alain Schumann trägt in „Success Story“ sowohl Berichte vor als auch Songs

Alain Schumann trägt in „Success Story“ sowohl Berichte vor als auch Songs Foto: Editpress/Julien Garroy

Wer das Stück noch nicht gesehen hat, zweifelt jetzt am Titel „Success Story“ – von Erfolg kann bis hierhin nur bedingt die Rede sein. Oder? Mit Blick auf das Theaterstück: schon. Das Thema ist auch acht Jahre nach der Uraufführung aktuell und wichtig. Trotzdem droht die Überforderung. Es gibt weder eine lineare Erzählung noch eine konkrete Kontextualisierung der Geschehnisse. Die Eindrücke prasseln schonungslos, fast anderthalb Stunden auf das Publikum ein. Wer darauf steht, findet Gefallen an der Form. Für alle, die nach Ordnung auf der Bühne lechzen, wird es stellenweise anstrengend, die Erzählungen nachzuverfolgen.

Und was ist mit der „Success Story“ der Gesprächspersonen? Am Ende definieren sie selbst, was Erfolg bedeutet: ein spannendes Studium; ein Job, der Spaß macht; Selbstständigkeit; eine glückliche Familie; Zukunftspläne im Ausland. Oder aber „net sou ze gi wéi meng Mamm“.

Nächste Vorstellungen: 12.3. (20 Uhr), 14.3. (19 Uhr), 15.3. (17 Uhr); thematisches Rundtischgespräch „Désinstitutionnalisation, réformes, safeguarding policies“ (18.3., 18.30 Uhr) im Ariston und in Zusammenarbeit mit dem Okaju, weitere Infos auf theatre.esch.lu.

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