Ein Jubiläum, das niemand feiert
Vor 200 Jahren wurde der Turm im Wappen der Stadt Esch abgebaut
Im Wappen der Stadt Esch ist, neben dem Fluss Alzette, ein roter Turm zu sehen. Dieser war im Mittelalter Teil der Festungsmauer, die die freie Stadt umgab. Vor genau 200 Jahren wurde er abgerissen und seine Steine für andere Zwecke benutzt.
Abgerissen und vergessen, aber im Wappen verewigt Foto: Ania & Christian Muller
Jubiläen werden meist gerne gefeiert. Dieses aber nicht: Am 9. März 1826, also am Montag vor genau 200 Jahren, hielt der Escher Gemeinderat in seinen Protokollen fest, dass der „Alte Turm“ abgetragen wird und seine Steine für andere Zwecke – spezifisch für den Bau einer neuen Schule – genutzt werden sollen.
Der „alte Turm“, von dem in dem Text die Rede ist, war dabei nicht irgendein altes Gemäuer. Er war das letzte sichtbare Überbleibsel der Festungsmauer, die einst das frühmittelalterliche Esch vor Überfällen beschützt hatte. Auch ist es der Turm, der noch heute das Wappen der Stadt ziert, wohl um an die Zeit als „freie Stadt“ zu erinnern.
Die Escher Festungsmauer, mit rund 1,2 Kilometern Umfang und zusätzlich geschützt durch tiefe Gräber, war 1311 fertiggestellt worden. Sie verfügte über vier Türme, die jeweils als Eingänge zur Stadt fungierten.
Im Jahr 1671 entschieden die damaligen spanischen Herrscher jedoch, die Festung zu schleifen, da sie nicht genug Soldaten hatten, um sie zu verteidigen, sie aber auch nicht den anrückenden Franzosen überlassen wollte.
Rot gestrichen, als Gefängnis genutzt
Als die Anlage im Winter desselben Jahres dann abgetragen wurde, blieb ein Turm, der größte der vier, stehen. Der Eingang war durch drei hintereinander liegende, verriegelbare Pforten gesichert; noch in zwölf Metern Höhe wies er Schießscharten auf.
Den geschichtsinteressierten Eschern ist der betreffende Turm meist als „roter Turm“ bekannt. Diesen Namen verdankt er „dem roten Anstrich, mit dem er versehen war, eine unübersehbare Geste der Präsenz, vielleicht auch der Einschüchterung“, schreibt Lokalhistoriker Joseph Flies in seinem Buch „Das andere Esch“.
Als der Turm 1826 schlussendlich auch fiel, war er den Berichten zufolge in einem traurigen Zustand. Einige Jahre vorher, 1794, auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution, war er, wie auch die Stadt Esch und das benachbarte Schloss Berwart, von den französischen Truppen komplett niedergebrannt worden.

Aus dem Bericht der Escher Gemeinde vom 9.3.1826: „pierre de taille provenant de la démolition de la vieille tour d‘Esch“ (Archiv der Stadt Esch) Foto: Christian Muller
„Die zweistöckige Holzausstattung des zwölf Meter hohen Turms fiel den Flammen zum Opfer“, so Flies. Sie wurde nie erneuert. Was übriggeblieben war, war eine Ruine. Dem Ort Esch war es nicht besser ergangen: Nach den Zerstörungen hatte es seinen Status als Stadt verloren.
In den Jahren vorher hatte der Turm gleich mehrere Zwecke erfüllt. Flies beschreibt ihn daher als „Wacht-, Wehr-, Hexen- und Verbrecherturm“. Als eine seiner letzten Rollen war er das lokale Gefängnis.
Dass der „alte Turm“ 1826 schlussendlich abgerissen wurde, kam damals wohl für niemanden überraschend. Er war, wie zuvor erwähnt, nur noch eine Ruine. Wahrscheinlich hatte er einfach gestört, sowohl als Hindernis auf der Straße als auch als Blickfang im Stadtbild.
Nur noch eine Ruine
Die Gemeinde hatte auch bereits Jahre vorher die Absicht geäußert, den Turm abreißen zu wollen. So geht aus einem Brief von 1813, der im Buch „Wurth-Paquet, Esch an der Alzette und Schloß Berwart“ veröffentlicht wurde, hervor, dass die Gemeinde eben diesen Turm zu eben diesem Zweck vom Besitzer, der Regierung, abkaufen will.
Mehr als ein Jahrzehnt später hatte der Ort – mit seinen damals wieder rund tausend Einwohnern – mit dem Bedürfnis, einen neuen Schulraum zu bauen, auch einen wirtschaftlich guten Grund gefunden. Die behauenen Quadersteine sollten für das neue Schulgebäude wie auch für die Renovierung des Kirchturms genutzt werden. Dies wurde auch kurz darauf im „devis estimatif et cahier des charges“ noch einmal schriftlich bestätigt.

Aus dem „devis estimatif et cahier des charges“ für den Bau der Schule (Nationalarchiv) Foto: Christian Muller
An welchem Datum nun genau der Turm abgerissen wurde, ist unbekannt. Alle Lokalhistoriker nennen jeweils nur, übereinstimmend, das Jahr 1826. Etwas später im Jahr wird er noch einmal als Ortsangabe genutzt, als entschieden wurde, „die Brücke vor dem alten Turm“ zu renovieren. Im folgenden Jahr, 1827, war die neue Schule auf dem Schulberg – heute „Ale Lycée“ genannt, Teil der „Grand-rue-Primärschule“ im Stadtviertel Al Esch.

Ein Nachbau aus Holz des Turms im Rahmen der Ausstellungen zur Feier des 50. Geburtstags der Stadt Esch (1956). Im Jahr 1906, nach dem Boom der Stahlindustrie, war Esch zum zweiten Mal zur Stadt ernannt worden. Foto: Screenshot/Postkarte
Seitdem ist der Turm in Vergessenheit geraten. Dass der rote Turm auf dem Stadtwappen einen Turm darstellt, der bis 1826 tatsächlich in der heutigen Grand-rue/rue de Luxembourg neben dem heutigen Rathaus stand, wissen nur noch wenige. Dass die Straße einst Turmstraße hieß, ist auch kaum bekannt. Am Ort, wo er einst stand, gibt es heute grauen Asphalt, keine Gedenktafel. Lediglich ein Bild von ihm ziert die Mauer einer kleinen Toilette.

Tageblatt-Artikel von Marco Goetz aus dem Jahr 1987 Foto: Ania & Christian Muller

Foto von den 1987 gefundenen Überresten des Turms Foto: Musée national d'archéologie, d'histoire et d'art
Manchmal taucht er jedoch in den Medien wieder auf, etwa wenn die Escher Geschichtsfreunde an ihn erinnern, oder als man 1987 bei Baggerarbeiten neben der Gemeinde auf mehrere große Quadersteine, Überreste seines Fundaments, stieß.
Zwei Jahrhunderte nach seinem Abriss wäre ein guter Moment, das zu ändern. Eine kleine Gedenktafel. Ein Schulprojekt. Eine stadtgeschichtliche Informationstafel in der Altstadt. Ein kleines Zeichen, dass Esch weiß, woher es kommt – und was sein eigenes Wappen erzählt. Eine Geschichte von großen Werten: Freiheit, Selbstbestimmung, dem jahrhundertelangen Trotz einer kleinen Grenzstadt gegenüber übermächtigen Aggressoren.

So sieht die Schule heute aus, für die damals die Steine des Turms benutzt wurden Foto: Ania & Christian Muller