Alain spannt den Bogen
Von Aha-Erlebnissen und einer spannenden Winterreise
Es gibt Konzerte, wo es weder ein Wenn noch ein Aber gibt und die einfach nur toll sind: Ein solches konnte man am vergangenen Freitag in der Philharmonie erleben, wo sich das Luxembourg Philharmonic Werke dreier romantischer Komponisten, nämlich Johannes Brahms, Robert Schumann und Antonin Dvorak, angenommen hatte. Drei Tage später erlebte das Publikum dann eine atemberaubende Interpretation von Franz Schuberts Winterreise mit dem schwedischen Bariton Peter Mattei und dem Pianisten Daniel Heide.
Renaud Capuçon, vielen als Violinist bekannt, überzeugte in der Philharmonie als hervorragender Dirigent Foto: Philharmonie Luxembourg/Eric Engel
Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Tageblatt
Brahms’ tragische Ouvertüre, das Cellokonzert von Robert Schumann und die 8. Symphonie von Antonin Dvorak bildeten am ersten Konzertabend in der Philharmonie ein rundes Programm, das durch innere Geschlossenheit und musikalische Kraft überzeugte. Dass das so war, lag in erster Linie am Dirigenten Renaud Capuçon, der das Orchester wahrlich entfesselte.
Entfesseltes Orchester
Bereits die Tragische Ouvertüre von Brahms wurde zu einem Aha-Erlebnis, obwohl Capuçon dieses Werk heute zum allerersten Mal dirigierte. Dass die Ouvertüre dabei mehr dramatisch als tragisch klang, tat der Hörfreude keinen Abbruch. Capuçon ging ab den ersten Takten aufs Ganze, ließ die Musiker lustvoll aufspielen und entführte das Publikum dabei in eine klangprächtige Brahms-Welt, wie sie besser nicht sein könnte. Gekonnt vermischte der Dirigent romantisches Pathos mit geschärften Akzenten, schnellen Tempi und einem ebenso kompakten wie transparenten Klangbild.
Bei Schumanns Cellokonzert gelang es Capuçon auf Anhieb, einen direkten Kontakt mit der Solistin Julia Hagen herzustellen und das Orchester dem Spiel der Cellistin anzupassen. Hagens Cellospiel war überragend und traf genau den Nerv der Musik. Dass sie mit Kammermusik groß geworden ist (Anm.: Ihr Vater Clemens Hagen ist der Cellist des berühmten Hagen Quartetts), konnte man an jeder Stelle merken. Immer wieder suchte sie den Dialog mit den Orchesterkollegen, der von dem hellhörigen und sehr auf Kommunikation bedachten Capuçon unterstützt wurde.
Als Zugabe spielte Julia Hagen zusammen mit dem 1. Cellisten des Luxembourg Philharmonic, Georgi Anichenko, einen Satz für zwei Celli aus einer Sonate von Jean-Baptiste Barrière.

Julia Hagens Cellospiel war überragend Foto: Philharmonie Luxembourg/Eric Engel
Mit dem gleichen Engagement ging es auch nach der Pause weiter, wo dann Dvoraks 8. Symphonie zur Aufführung gelangte. Auch diese wurde zu einem Fest für die Ohren, da sich Renaud Capuçon auch hier ganz in seinem Element fühlte. Da blitzte schon mehr als nur einmal Weltklasse durch. Renaud Capuçon aber blieb für mich die Entdeckung des Abends. Er ist nicht nur ein begnadeter Violinist, sondern auch ein toller Dirigent.
Intensive Winterreise
Drei Abende später ging die musikalische Reise durch die Romantik mit Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise zu Ende. Dass gerade dieses Konzert zu einem Saisonhöhepunkt wurde, hatte wohl niemand erwartet, denn der Bariton Peter Mattei gehört nicht unbedingt zu den weltweit hoch gehandelten Gesangsstars. Doch was uns dieser Sänger an diesem Abend bot, das war allerbeste Gesangskunst.
Ohne Zweifel muss man Peter Mattei zu den großen schwedischen Baritonen zählen, die durch ihre ganz eigene Kunst und ihre außergewöhnlichen Stimmen zu einem festen Bestandteil der Interpretationsgeschichte von Oper und Lied gehören. Somit führt Mattei die Riege von schwedischen Baritonen wie Erik Saeden, Sigurd Björling, Hakan Hagegard, Ingwar Wixell oder John Lundgren weiter und beeindruckt mit prächtigem Stimm-Material.
Mattei, ein wunderbarer Mozart-Interpret, besitzt dann auch diese Kunst des Legato, die für diesen Liederzyklus so ungemein wichtig ist. Vor allem ist aber da diese gute Atemtechnik, die es ihm erlaubt, lange Phrasen ohne Unterbrechung zu singen und dabei wunderbare Bögen zu spannen. Zudem ist Peter Mattei, der über eine exzellente Gesangstechnik verfügt, seine Stimme wunderbar modellieren und führen kann und der trotz seiner 60 Jahre keine stimmlichen Grenzen zu kennen scheint, ein Interpret, der sich selbst zurücknimmt und Schubert in jedem Moment den Vortritt lässt.
Matteis Winterreise entwickelt sich aus dem Gesang heraus, bei ihm sind es wirklich komponierte Texte und keine vertonten Gedichte. Alles kommt aus der Musik heraus, und so braucht Mattei sich eigentlich gar nicht erst um eine bewusste Interpretation zu kümmern. Er vertraut hundertprozentig auf Schuberts Können, und so wird das Publikum mit einer unfassbar schönen und intensiven, vor allem aber sehr musikantischen und stimmigen Winterreise belohnt. Daneben gestaltet Daniel Heide, der vielleicht beste Liedbegleiter der Gegenwart, den Zyklus mit prägnantem Spiel, das dann auch sehr dramatisch und weniger „lieblich“ daherkommt.
Diese Leistung, mal kraftvoll, mal eckig und kantig, aber auch sensibel und fein, wo es verlangt wird, passt hervorragend zu Peter Matteis Gesang. Kein Wunder also, dass sich der ganze Saal spontan nach dem Verklingen der letzten Noten erhob und den beiden gleichwertigen und partnerschaftlichen Ausnahmekünstlern Standing Ovations spendete. Und die kamen diesmal wirklich von Herzen.