Twing Raid
Vier Luxemburger, zwei Twingos, hundert Geschichten
Die Twingos sind wieder da. Staub in den Radkästen, kleine Kratzer im Lack, Erinnerungen im Gepäck. Zwei Twingos, vier Luxemburger und mehr als 3.000 Kilometer später ist das Abenteuer Twing Raid vorbei. Im Gespräch mit den Teilnehmern wird klar: Die Rallye hat bei allen bleibende Eindrücke hinterlassen.
Gianni Mersch und Christian Schaack, zurück in Esch Foto: Carole Theisen
Vor wenigen Wochen standen sie frühmorgens vor dem Lycée de Garçons in Esch: zwei bunt bemalte Renault Twingo, vier Fahrer, ein Schulprojekt – und ein Ziel irgendwo hinter dem Atlasgebirge. Die Mission: der Twing Raid, eine ungewöhnliche Solidaritätsrallye durch Marokko, an der in diesem Jahr rund 450 Teams teilnahmen.
Zehn Tage lang fahren die Teilnehmer mit einem Auto, das eigentlich für Stadtverkehr gebaut wurde: dem Twingo der ersten Generation. Zwei Personen pro Wagen, mehrere tausend Kilometer Strecke, Wüstenpisten, Gebirgspässe – und immer wieder improvisieren, reparieren, weiterfahren.
Jetzt sind die vier Luxemburger wieder zurück in Esch. Ihre Bilanz: ein Abenteuer zwischen Euphorie, Pannen, Sandsturm – und überraschend viel Menschlichkeit. „Es war eine unglaublich schöne Reise“, sagt Alain Berg. „Marokko ist landschaftlich absolut beeindruckend. Das hätte ich so nie erwartet. Einmal denkst du, du bist im Grand Canyon, dann plötzlich in der Toskana – und dann mitten in der Wüste.“
Der Twing Raid führte die Fahrer von Spanien über die Straße von Gibraltar nach Marokko und schließlich bis nach Marrakesch. Dazwischen: Atlasgebirge, Sandpisten, Dünen – und Wetter, das ständig wechselte.
Für Diego Militello, Kunstlehrer am Lycée de Garçons Esch und Initiator des Projekts, war es die erste Reise außerhalb Europas. „Die Landschaften haben mich komplett überrascht“, sagt er. „Wir sind von grünen Tälern über steinige Plateaus bis in die Wüste gefahren. Und dann plötzlich Schnee im Atlasgebirge. In wenigen Tagen hat sich alles verändert.“
Doch nicht nur die Natur blieb im Gedächtnis. „Die Menschen waren unglaublich freundlich“, erzählt Militello. „Einmal hatten wir Hunger und sind an eine Tankstelle gegangen. Wir fragten nach Brot. Der Mann sagte zuerst, er habe keins. Dann kam er zurück – mit drei Broten aus seinem eigenen Vorrat. Und er wollte kein Geld.“ Solche Begegnungen haben ihn beeindruckt. „Das wäre bei uns zu Hause kaum passiert.“
Zwischen Sand und Pannen
Doch nicht jede Etappe verlief reibungslos – zumindest für eines der beiden Teams. Während das violette Team überraschend problemlos durchkommt, kämpft der gelbe Twingo mit einer ganzen Serie technischer Probleme. „Bei uns war es deutlich turbulenter“, sagt Christian Schaack. „Wir hatten Platten, Probleme mit den Gängen, der Scheibenwischer fiel aus. Und einmal dachten wir sogar, das Getriebe sei kaputt.“
Die Rettung kam ausgerechnet mitten im Sandsturm – durch die Mechaniker der Rallye. „Die haben jeden Abend bis zu 60 Autos repariert“, erzählt Schaack. „Unser Getriebe haben sie im Sandsturm gewechselt, mitten in der Wüste. Unglaublich.“ Trotz der Schwierigkeiten bewertet er die Erfahrung positiv. „Die Probleme waren Teil des Abenteuers. Man musste Lösungen finden, zusammenhalten, sich gegenseitig motivieren. Genau das macht so eine Rallye aus.“

Staubig, aber größtenteils unversehrt zurück in der Heimat: die zwei LGE-Twingos Foto: Editpress/Marco Goetz
Dass zwei Teams aus derselben Schule völlig unterschiedliche Erfahrungen machten, gehört zu den kuriosen Seiten der Rallye. „Wir hatten praktisch keine Pannen“, sagt Gianni Mersch, der die Reise für den schuleigenen Kanal dokumentierte. „Kein platter Reifen, kein kaputter Stoßdämpfer. Das zeigt, wie gut der Twingo vorbereitet war.“
Was ihn am meisten überraschte, war weniger die Technik als die Atmosphäre. „Da waren tausend Menschen, die sich vorher nie gesehen hatten. Abends sitzt du einfach an irgendeinem Tisch, redest mit Holländern, Belgiern, Portugiesen oder Deutschen. Und plötzlich bist du Teil einer großen Gemeinschaft.“ Schon auf der Anreise habe sich dieses Gefühl gezeigt. „Auf Raststätten in Frankreich haben wir andere Twingos getroffen. Jeder hat gehupt oder gewinkt. Man wusste sofort: Wir gehören zur selben Expedition.
Die größte Herausforderung war für viele überraschenderweise nicht die Wüste – sondern die Anreise. „Drei Tage Autobahn in einem Twingo sind anstrengender als jede Sandpiste“, sagt Militello. Auch Mersch bestätigt das. „Die Strecke hin und zurück war das Härteste. Auf der Autobahn sitzt du stundenlang im Auto. In der Wüste steigst du aus, machst Fotos, genießt die Landschaft.“
Nicht alles perfekt
Bei aller Begeisterung gab es auch Kritik. Mehrere Teilnehmer bemängeln vor allem die Größe der Veranstaltung. Lange Wartezeiten gehören zum Alltag. „Manchmal stand man eine halbe Stunde oder länger, bevor man überhaupt losfahren konnte“, sagt Berg. „Bei 450 Autos lässt sich das kaum vermeiden.“ Auch die Organisation der Mahlzeiten lief nicht immer reibungslos. „Das Essen war oft kalt“, sagt Schaack. „Aber man darf nicht vergessen: Wir waren tausend Leute mitten in der Wüste.“
Dafür überraschten die Camps mit unerwartetem Komfort. „Wir hatten richtige Toiletten aus Porzellan, Duschen und fließendes Wasser“, sagt Militello. „Damit hätte ich nie gerechnet.“

Beschädigte Bodenplatte Foto: Christian Schaack
Neben der Rallye selbst haben auch Land und Kultur Spuren hinterlassen. Die Teilnehmer erzählen von Hirten mit Ziegenherden entlang der Autobahn, von abgelegenen Dörfern ohne Infrastruktur und von Kindern, die neugierig am Straßenrand standen. „Man merkt, dass das Leben dort ganz anders ist“, sagt Schaack. „Manchmal fährt man durch Orte, wo man sich fragt: Wovon leben die Menschen hier eigentlich?“ Doch trotz der Armut fühlten sich die Fahrer überall willkommen. „Die meisten Begegnungen waren unglaublich freundlich“, sagt Militello.
Und würden sie es noch einmal tun? Die Antworten sind unterschiedlich. „Ich mache nie zweimal dasselbe“, sagt Militello. „Aber ich würde es definitiv weiterempfehlen.“ Mersch kann sich ein ähnliches Abenteuer gut vorstellen. „Vielleicht eine andere Rallye, ein anderes Land. Aber dieses Gefühl – das würde ich gerne noch einmal erleben.“ Christian Schaack lacht nur. „Noch einmal mit genau diesem Auto? Auf keinen Fall. Aber das Abenteuer selbst? Sofort wieder.“

Festgefahren im Sahara-Sand Foto: Christian Schaack