Alain spannt den Bogen

Über den schwachen Auftritt des Scala-Orchesters und einen Albumtipp für Jazz-Fans

Die Filarmonica della Scala gab in der Philharmonie Pudding-Klänge von sich, Maria Miteva präsentiert nur fast ein perfektes Album. Was es an beiden Musikerlebnissen auszusetzen gibt.

Kam totz gutem Spiel nicht gegen das Scala Orchester an: der Pianist Alexandre Kantorow war in der Philharminie zu Gast

Kam trotz guten Spiels nicht gegen das Scala-Orchester an: Der Pianist Alexandre Kantorow war in der Philharmonie zu Gast Foto: Sasha Gusov

Eigentlich ist es schade, dass sich die Tournee-Programme der großen Orchester meistens um die gleichen Repertoire-Werke drehen und selten Außergewöhnliches präsentieren. Und daher auch immer weniger Spaß machen. Ob man die Filarmonica della Scala jetzt zu den großen Konzertorchestern Europas zählen kann, das soll jeder für sich entscheiden. Mir jedenfalls hat die Leistung in der Philharmonie nicht gefallen.

Ein eher trüber Konzertabend

Bereits beim 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew fiel von Anfang an ein recht schwammiger, weicher Mischklang auf, der so gar nicht zu Prokofjews pointierter Musik passt. Riccardo Chailly, der in den letzten Jahren immer mehr auf seinen einst hervorragenden Namen und langweilige Routine statt auf erstklassige Interpretationen setzt, begnügte sich dann auch mit einer reinen Begleitfunktion. Die kontrastreiche Musik blieb auf der Strecke, starke Konturen und Akzente gab es keine.

Stattdessen versuchte es Chailly mit einem eher postromantischen, fließenden Klang ohne strukturelle Linien und Klarheit, der dem Werk dann auch die letzte Attraktivität raubte. Schade, denn der Pianist Alexandre Kantorow bewegte sich auf Weltklasseniveau und begeisterte mit einem ebenso virtuosen wie konturreichen Spiel, das allerdings gegen den Pudding-Klang des Scala-Orchesters nicht ankam. Sensationell dann die Scriabin-Zugabe, die zum Höhepunkt dieses ereignisarmen Abends wurde.

Bei Tschaikowski kann man nicht viel falsch machen, dachte sich Chailly und setzte hier auf eine ungefährliche 08/15-Interpretation – routiniert, gefällig, ordentlich gespielt und mit dem nötigen Tam-Tam im Finale, um die Standing Ovations beim Publikum zu erheischen und über einen sonst eher trüben Konzertabend hinwegzutäuschen.

Die Filarmonica della Scala ist, beruft man sich auf das heutige Konzert, ein eher mittelmäßiger Klangkörper, der vielleicht im Operngraben überzeugen mag, auf dem Konzertpodium der europäischen Spitzenklasse aber weit hinterherhinkt. Zum Schluss gab es ein Orchesterzwischenspiel aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dimitri Schostakowitsch als Zugabe.

Maria goes Jazz

Wem diese Klangmassen zu viel waren, der kann sich an der rezenten CD „Bubbles“ der in Luxemburg lebenden und arbeitenden Flötistin Maria Miteva erfreuen. Nach einem exzellenten Album mit Werken zeitgenössischer Komponisten überrascht die hervorragende Flötistin nun mit einem eher luftigen Jazz-Album. Präsentiert wird gut gespielter Mainstream-Jazz, der einfach nur Freude beim Hören bereitet. Sieben Stücke von verschiedenen Komponisten und Jazzmusikern sind hier zu finden.

Mit Boris Schmidt, Rémy Labbé, Antoni Donchev, Gary John Hunt, Nico Schoeters und Valeri Kostov sind Komponisten aus ganz Europa vertreten. Das Trio ist mit Maria Miteva (Flöte), Luc Hemmer (Vibrafon) und Boris Schmidt (Kontrabass) hervorragend besetzt. Die drei Musiker erweisen sich als bestens aufeinander eingespieltes Team und vermitteln mit ihrem sonnigen Spiel eine sommerliche Unbeschwertheit.

So gut, dass die Spielzeit länger sein könnte: Das Cover zur CD „Bubbles“

So gut, dass die Spielzeit länger sein könnte: Das Cover zur CD „Bubbles“ Design: Martin Renner

Wenn die musikalischen Darbietungen auch erstklassig sind, so enttäuscht einerseits die Präsentation in einem schlichten Kartonschuber ohne Informationen, andererseits die sehr kurze Spieldauer von nur 41 Minuten. Bei diesen hochkarätigen Musikern hätte man gerne noch weitere 30 Minuten gehört.

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