Flashback
Über Michelangelo Antonionis vor 60 Jahren uraufgeführtes Meisterwerk „Blow Up“ und seine Bedeutung
Das Tageblatt präsentiert in der losen Film-Serie „Flashback“ Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein rundes Jubiläum feiern – so wie „Blow Up“ von Michelangelo Antonionis. Was den Klassiker ausmacht.
David Hemmings (mit Kamera) und Veruschka von Lehndorff (liegend) in „Blow Up“ Quelle: imdb.com
Der große italienische Regisseur Michelangelo Antonioni brach mit den üblichen Handlungsmustern und linearen Erzählstrukturen. Seine Filme sind Reflexionen über die Einsamkeit und Entfremdung des Menschen sowie über die Grenzen zwischen Realität und Vorstellungskraft. Den größten Erfolg hatte er mit „Blow Up“.
Die Handlung
Der junge Fotograf Thomas betrachtet großformatige Abzüge von Fotos, die er in seinem Atelier nebeneinander aufgehängt hat. Er fasst sich ans Kinn, geht ganz nah an die schwarz-weißen Aufnahmen heran und rennt wieder in sein Labor. Dort macht er weitere Abzüge. Ein ums andere Mal schaut er die Fotos an. Am Morgen hat er in einem Park heimlich ein herumtollendes Liebespaar fotografiert. Nachdem ihn die Frau (Vanessa Redgrave) entdeckt hat, fordert sie ihn unter Nachdruck, aber vergeblich dazu auf, ihr den Film auszuhändigen und taucht später sogar in seinem Atelier auf.
Thomas findet heraus, warum: Auf einem der Abzüge sieht er, wie die Frau einen Punkt im Gebüsch fixiert. In einer der Vergrößerungen ist zwischen den Blättern das schemenhafte Gesicht eines Mannes sowie eine Hand mit einer Pistole zu sehen. Auf einem weiteren Foto erkennt Thomas unter einem Busch undefinierbare Bildpunkte, die eine Leiche darstellen könnten. Nochmals fährt er in den Park. Tatsächlich findet er einen toten Mann. Am nächsten Morgen, nach einem Abend auf einem Konzert der Yardbirds, wo er den Gitarrenhals des von Gitarrist Jeff Beck zerschmetterten Instruments ergattert, und einer rauschhaften Party, sind die Bilder gestohlen, das Atelier ist verwüstet, die Leiche verschwunden – und mit ihr die Gewissheit, was geschehen ist. Nur die Vergrößerung des Fotos von der Leiche bleibt. Allerdings ist durch die extrem grobe Körnung kaum etwas zu erkennen.
Was bedeutet „Blow Up“?
„Blow Up“ bezeichnet der Prozess des Vergrößerns, des Blow-ups (Aufblasens) eines Fotos, um kleinste Details noch sichtbar zu machen. Aber je größer der Abzug wird, desto mehr verschwindet das Bild hinter den Rasterpunkten einer immer größeren Auflösung – bis das Motiv nicht mehr zu erkennen ist.
Der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni geht in „Blow Up“ der Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Täuschung, von Einbildung und realem Geschehen nach. Der Film, der im Januar 1966 seine Premiere hatte, beschreibt den Alltag von Thomas in einem stoischen Erzählfluss. Der von David Hemmings gespielte Fotograf befindet sich selbst in einem Zwiespalt zwischen Schein und Wirklichkeit. Auf der Suche nach dem wahren, authentischen Leben verbringt er eine Nacht im Obdachlosenheim, um dort heimlich Fotos für einen künstlerisch ambitionierten Bildband zu machen, tagsüber lichtet er in seinem Atelier Models für Modefotos ab und dirigiert und kommandiert sie dabei herum.
Durchbruch für Antonioni
Der auf eine Kurzgeschichte von Julio Cortázar basierende, von Carlo Ponti, der unter anderem auch Federico Fellinis „La Strada“ und Jean-Luc Godards „Le Mépris“ produziert hatte, in Auftrag gegebene und von der US-Firma MGM weltweit vertriebene „Blow Up“ war nicht nur Michelangelo Antonionis erster Film außerhalb Italiens, sondern sein kommerziell wie auch bei der Kritik erfolgreichster. Er bescherte ihm 1967 die Goldene Palme in Cannes. Mehrere Monate hatte sich der Regisseur Zeit genommen, um in die Londoner Szene einzutauchen. Mit seinen poppigen Farben und seiner Musik gilt „Blow Up“ als Porträt der Swinging Sixties. Doch Antonioni sei nicht von den Swinging Sixties inspiriert worden, wie viele glaubten, sondern er habe sie erst erfunden, meinte Sarah Miles, eine der Schauspielerinnen. Auch geht es ihm nicht um die Aufklärung eines Kriminalfalles, vielmehr um die Rolle des Mediums, um den konstruktiven Aspekt des Beobachtens wie auch um die Konstruktion von Realität.

Das Plakat zum Erfolgsfilm „Blow Up“ Quelle: imdb.com
Am Ende schaut Thomas einer Gruppe Pantomimen zu, die im Park Tennis spielen, ohne Schläger und ohne Ball. Als der imaginäre Tennisball über den Zaun fliegt, hebt er ihn auf und wirft ihn zurück. Er erkennt und akzeptiert damit seine Vorstellungskraft. Auf einmal und immer deutlicher ist das Aufprallen des Balls zu hören. Wie das imaginäre Spiel kann auch der Mord nur eine Projektion seiner Gedanken sein.
Vor allem diese Szene hat mich in den Bann gezogen. Seit ich den Film als Teenager zum ersten Mal sah, übt er eine starke Faszination auf mich aus. Schwer zu sagen, wie oft ich ihn schon angeschaut habe. Jedes Mal entdeckte ich mehr an ihm, seine Rätselhaftigkeit und seine Unergründlichkeit hat er bis heute nicht verloren. Nach wie vor wirkt er elektrisierend.
Teamwork und weitere Projekte
Mit dem Drehbuchautor Tonino Guerra bildete Antonioni ein kongeniales Team. Seit „L’Avventura“ („Die mit der Liebe spielen“, 1960) arbeiteten die beiden zusammen und verfassten Drehbücher, unter anderem für „La notte“ (Die Nacht, 1961), „L’eclisse“ („Liebe 1962“, 1962) und „Il deserto rosso“ (1964), seinen ersten Farbfilm. Der 1912 in Ferrara geborene Regisseur hatte als Filmkritiker begonnen, war danach Regieassistent von Marcel Carné und drehte zunächst Dokumentarfilme.
In seinen Filmen ging es ihm vor allem um die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und um den Zustand der Entfremdung zwischen Menschen untereinander, aber auch zwischen Mensch und Umwelt, um Einsamkeit und Verlorenheit, um das Gefühl der Resignation, das die Protagonisten seiner Filme beherrscht. Liebe ist in der modernen Gesellschaft unmöglich. In den meisten Filmen sind es Frauen, wie Jeanne Moreau in „La notte“ oder Monica Vitti in „L’eclisse“ oder „Il deserto rosso“, die ein bestimmtes Gefühl der Leere beschleicht.
Antonionis filmisches Werk zeichnet das Aufbrechen traditionell geschlossener Dramaturgie aus, wenn zum Beispiel Personen aus einem Film einfach verschwinden. Landschaft und Architektur werden zur Metapher eines Zustandes. Wie „8 ½“ für Federico Fellini ist „Blow Up“ für Antonioni ein paradigmatisches Werk und besitzt Scharnierfunktion im Schaffen des Regisseurs.

Der Filmemacher im Porträt: Michelangelo Antonioni Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Fotograf: Krebs, Hans/CC BY-SA 4.0
Auf die Fragen nach Wahrheit oder Unwahrheit kommt es letztlich gar nicht so sehr an, auch nicht auf eine stringente Handlung und formale Erzählstruktur. Ausschlaggebend ist das Imaginäre. „Blow Up“ brachte Antonioni schließlich den Auftrag für die US-Produktion „Zabriskie Point“ (1969/70) ein, in der er die Flucht eines Studenten, der an einer politischen Demonstration teilgenommen hat, vor der Polizei, dabei ein Flugzeug entwendet, unterwegs eine junge Frau trifft, mit ihr durch das Death Valley fährt und später von der Polizei erschossen wird, während sie die Villa ihres Bosses in die Luft jagt. In dem Film geht es nicht zuletzt um die Zerstörung des amerikanischen Traumes in einer von Konsum und Gewalt geprägten Gesellschaft. Bis dahin waren seine Filme durch ruhige Kameraführung und weiche Überblendungen gekennzeichnet, diesmal arbeitet er mit hektischen Montagen.
In „Professione: Reporter“ (1975) zeigt der Regisseur einen Menschen, der seine Identität gegen eine andere eintauscht und vor sich selbst davonläuft – mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. In seinem letzten Film „Identificazione di una donna“ (1982) geht es nochmals um die Entfremdung der Geschlechter. 1983 veröffentlichte der 2007 in Rom verstorbene Filmregisseur einen lesenswerten Erzählband unter dem später auf Deutsch erschienenen Titel „Bowling am Tiber“.