Albumtipps
„The Age of Everything“ von Johnny Marr und „Cursum Perficio“ von Anthrax
Johnny Marr überrascht mit schlichten Sounds und Anthrax mit hymnenhaften Melodien. Was es sonst noch auf den neuen Alben der Musiker zu entdecken gibt, verraten zwei Kurzkritiken.
Sowohl Johnny Marr als auch Anthrax sind mit neuen Alben am Start Quellen (v.l.): BMG Rights Management, Nuclear Blast
Johnny Marr: „The Age Of Everything“
Von den noch rege aktiven ehemaligen The-Smiths-Häuptern ist Johnny Marr der mit Abstand sympathischere. Während sein früherer Kollege Morrissey mit provokanten Äußerungen, die eine viel zu nationalistische Gesinnung nahelegen, und ständigen Konzertabsagen negativ auffällt, macht Marr Musik – etwa als Songschreiber für die Gorillaz oder als Gast bei Franz Ferdinand.
Vor kurzem hat er unter dem Titel „The Age Of Everything“ sein fünftes Soloalbum veröffentlicht. Das Songmaterial dazu schrieb er in London, entwickelte es im Jahr 2025 auf Tour entlang der Ostküste Nordamerikas weiter und nahm es schließlich in Manchester auf. Marr sagte über das Album, es sei für ihn „am befreiendsten“. Der Titel kam ihm schon früh im Entstehungsprozess in den Sinn und wurde zu einer Idee, der er sich nicht mehr entziehen konnte.
Das Album „The Age Of Everything“ erreicht 6 von 10 Punkten Quelle: BMG Rights Management
„Er schien das zusammenzufassen, was meiner Meinung nach viele Menschen gerade empfinden. Er ist allumfassend, aber nicht unbedingt negativ gemeint“, so Marr. „Die durch die Technologie hervorgerufene Überforderung ist in unserer Kultur spürbar, aber wenn man die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, könnte darin auch ein Gefühl der Möglichkeiten liegen.“ An dieser Stelle mögen ihm all jene widersprechen, die die Flut an KI-Songs kritisch sehen.
Was „The Age Of Everything“ betrifft, sind einige Songs erstaunlich glatt und beliebig oder anders gesagt: zu schlicht. Das trifft beispielsweise auf den eintönig stampfenden Auftakt „Spin“ mit seinem Achtziger-Jahre-Plastik-Drumsound oder „Beyond The Rain“ zu. Positive Ausnahmen sind das elegische „How Come“, das funkige „Ophelia“ oder „It’s Time“. Letztgenannter Song zeigt, wie The Smiths heute klingen könnten, wenn sie sich nicht anno 1987 aufgelöst hätten.
Anthrax: „Cursum Perficio“
Ganze zehn Jahre haben Anthrax für ihr neues Album „Cursum Perficio“ gebraucht. So lange wie noch nie in ihrer Karriere, die im Sommer 1981 im New Yorker Stadtteil Queens begann. Es ist ihr zwölftes Album und soll entgegen dem Titel (auf Deutsch etwa: „Meine Reise ist beendet“) nicht ihr letztes sein. Oder vielleicht doch, wenn man jüngsten Äußerungen von Gitarrist Scott Ian Glauben schenken soll?
Wie auch immer … Die Aufnahmen zu „Cursum Perficio“ begannen im Frühjahr 2023 in Dave Grohls Studio 606 in Northridge (Los Angeles). Sie taten sich scheinbar schwer und verwarfen einige Songs. Zudem war Schlagzeuger Charlie Benante regelmäßig mit Pantera auf Tour. Daher erstreckte sich alles über Jahre hinweg.
Das Album „Cursum Perficio“ von Anthrax erhält 7 von 10 Punkten Quelle: Nuclear Blast
Nach dem wenig beeindruckenden Beginn, dem Intro „Persistence Of Memory“ und dem Midtempo-Song „The Long Goodbye“ folgt die erste Offenbarung. Der Thrash-Metal-Kracher „It’s For The Kids“ ist eine Liebeserklärung an ihre Fans. Ihre Thrash-Metal-Wurzeln zeigen sie an einigen Stellen – etwa im Titelsong sowie in „T.O.M.B.“ und dem teils rasanten „Watch It Go“. Anno 2026 offenbaren sie auch andere Seiten: „The Edge of Perfection“ täuscht erst vor, eine Ballade zu sein, bis dann Nackenbrecher-Riffs einsetzen und ein Stakkato-Schlagzeug-Feuerwerk abgebrannt wird.
„Everybody’s Got A Plan“ überrascht mit hymnenhaften Melodien abseits der Thrash-Metal-Härte; das lahmende „Infectious“ ist mehr Alternative Rock und erinnert an die Zeit, als John Bush (Armored Saint) das Mikrofon übernommen hatte. Unterm Strich ist „Cursum Perficio“ ein gutes Album, bei dem allerdings der Eindruck vorherrscht, dass der Band die Songs nicht leicht von der Hand gingen und sie sich unter Zugzwang sah.