Schildbürgerstreich am Pont Joseph Bech – Kirchberg
Straßenschilder wirken staatstragend, auch wenn sie Unsinn erzählen
Schulbüchern sollte man misstrauen. Straßenschildern offenbar auch. Am Kirchberg wird der ehemalige Premierminister Joseph Bech Opfer eines amtlichen Kunstfehlers, herrlich absurd. An Bechs Brücke nimmt Luxemburg es mit Daten nicht so genau.
Joseph Bech: ein „verfrühter“ Vorreiter der europäischen Idee? Editpress
Wenn man sich in Luxemburg auf etwas verlassen kann – und es gibt immer weniger, worauf man sich verlassen kann –, dann sind es Straßenschilder. Jene, mit denen auf eine wichtige Persönlichkeit, einen Ort oder eine Stadt aufmerksam gemacht wird. Sie hängen da und tun so, als wären sie Wahrheit in Aluminium: geschniegelt, reflektierend, staatstragend. Und genau deshalb wirken sie selbst dann noch überzeugend, wenn sie Unsinn erzählen.
Ort der Handlung ist der Kirchberg. Einem früheren Arbeitskollegen ist es aufgefallen: das amtliche Schild am „Pont Joseph Bech“. Der Name Joseph Bech steht darauf, darunter die Weiheformel „Ministre d’Etat, Président du Gouvernement, Promoteur de la Communauté européenne“. Ein rundum gelungenes Denkmal! Klingt nach großer Geschichte, nach Europa, nach Staatsraison. Und dann die Lebensdaten: 1841–1929. Hallo?
Dieses Schild behauptet blau auf Weiß, Joseph Bech sei 1929 gestorben. Das ist ungefähr so, als würde man bei der Philharmonie „Beethoven, 1827–1907“ anschreiben, „Erfinder des Jazz“ darunter und dann ernsthaft sagen: Musikalisch stimmt’s ja irgendwie.
Alternative Geschichtsschreibung
So entsteht am Kirchberg, bisher unbeachtet, eine alternative Geschichtsschreibung: ein Joseph Bech, der in der Zwischenkriegszeit abtritt und trotzdem später als europäischer Wegbereiter durchs Leben geistert. Der erste Luxemburger EU-Politiker im Modus „Posthum Plus“: 1929 gestorben, aber weiterhin zuständig für Integration, Zollunion, diplomatische Vernunft – und wahrscheinlich auch für die Parkplatzordnung.
Man könnte es freundlich auslegen: Vielleicht ist das ein künstlerischer Kommentar zum europäischen Projekt? Nur: Hier ist es nicht Kunst, sondern Verwaltung. Es heißt, der Fonds du Kirchberg behaupte, die Straßenbauverwaltung habe den Bock geschossen. Ein Satz, so luxemburgisch wie ein Kreisverkehr. Und ein bisschen tröstlich, weil er immerhin anerkennt, dass es überhaupt so etwas wie richtige Fakten gibt.
Doch es ist mehr als ein Tippfehler mit Patina. Es ist diese Neigung öffentlicher Stellen, Geschichte gern als Dekoration zu behandeln: nett fürs Auge, optional fürs Hirn. Hauptsache, das Layout sitzt. Zahlen? Namen? Kontext? Details, die die Ästhetik nur stören. Am Ende ist es eine kleine Beleidigung für alle, die ihre kognitiven Fähigkeiten noch nicht outgesourct haben.
Und was nun?
Bleibt die praktische Frage: Wird das Schild korrigiert? Oder bekommt Bech einfach einen zweiten Todestag, wie andere einen zweiten Vornamen? Luxemburg hätte dann jedenfalls einen Politiker, der bewiesen hat, dass europäische Integration möglich ist: sogar über das eigene Sterbedatum hinaus.
Aufklärung: Gestorben ist Joseph Bech am 8. März 1975. Geboren wurde er am 17. Februar 1887. Fairerweise muss man sagen: auf der anderen Brückenseite sind die Lebensdaten korrekt.
Fazit: Über eine Brücke muss man gehen, dann rückt Geschichte wieder gerade.