Europas Suche nach der richtigen Zeit
Sommerzeit: etwas Freude, etwas Ärger und viel Schulterzucken
In der Nacht von Samstag auf Sonntag wechseln wir von Winter- auf Sommerzeit. Über das Ende der Umstellung wird seit Jahren diskutiert. Geblieben ist vor allem eines: europäische Uneinigkeit.
Alle Jahre wieder: Zeitumstellung, diesmal von 2 auf 3 Uhr Foto: Sina Schuldt/dpa
In der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert wieder das, was zuverlässig für schlechte Laune, halb gare Debatten und erstaunlich viele Meinungsbeiträge sorgt: Die Uhr springt von 2 auf 3 Uhr. Eine Stunde verschwindet. Einfach so. Man könnte fast meinen, sie sei ausgewandert, vielleicht nach Brüssel, wo seit Jahren darüber beraten wird, ob man dieses Ritual nicht endlich abschafft.
Die Zeitumstellung gilt als polarisierend. Tatsächlich gibt es zwischen Begeisterung und Ablehnung eine breite, stille Mitte, die die Uhr umstellt, kurz mit den Schultern zuckt und dann weitermacht.
Licht vs. Dunkelheit
Die Sommerzeit ist ein seltsames Wesen. Einst eingeführt, um Energie zu sparen, hat sie sich längst von diesem Zweck emanzipiert. Das große Sparen blieb aus, der Stromzähler zeigt sich unbeeindruckt. Geblieben ist stattdessen etwas, an dem sich viele durchaus erfreuen: hellere Abende. Im März, wenn die Uhren vorgestellt werden, rückt der Abend ein Stück nach hinten. Plötzlich ist da Licht, wo vorher schon Dunkelheit lauerte. Es ist, als würde der Frühling einen kleinen Schubs bekommen.
Auf der anderen Seite wird regelmäßig auf die Nachteile verwiesen: Chronobiologen warnen, der Biorhythmus stolpere, der Schlaf leide. Immer wieder ist auch von irritierten Kühen die Rede, die nicht mehr so recht wissen sollen, wann sie Milch geben. Manche Menschen fühlen sich wie nach einem Mini-Jetlag, nur ohne Reise und ohne Cocktail. Und jedes Jahr wird aufs Neue gefordert: Schluss damit. Entweder dauerhaft Sommerzeit oder für immer Winterzeit. Hauptsache, Ruhe im Takt.
Doch Europa wäre nicht Europa, wenn es sich in dieser Frage einig wäre. Die einen wollen mehr Licht am Abend, die anderen am Morgen. Einige Länder denken laut, andere leise, und am Ende passiert – nichts. Die Zeitumstellung lebt, und sie ist erstaunlich robust. Ihr größter Verbündeter ist die Uneinigkeit: die Angst vor dem nächsten europäischen Flickenteppich und die Befürchtung, dass schon eine kleine Korrektur tektonische Platten im Binnenmarkt verschieben könnte. Vielleicht ist es gerade diese Imperfektion, dieses Schräge, das fast schon sympathisch wirkt. Die Zeitumstellung hat etwas wunderbar Unzeitgemäßes, vielleicht sogar einen Hauch Anarchie.
Und so drehen wir weiter, zweimal im Jahr. Im März nach vorn, im Oktober zurück. Wer sich das merken will, kann es halten wie mit den Gartenmöbeln: Im Frühling stellt man sie raus, also die Uhr vor. Im Herbst räumt man sie wieder ein, also die Zeiger zurück. Eine Eselsbrücke, stabiler als jede EU-Richtlinie.
Zeit vergeht
Tatsächlich hat dieses Hin und Her auch etwas Tröstliches. Es ist ein kleines Ritual im Jahreslauf, ein mechanisches Zeichen dafür, dass sich die Welt weiterdreht. Dass auf den dunklen Winter wieder hellere Abende folgen. Und dass selbst die größte Aufregung zuverlässig nach ein paar Tagen verfliegt. Dann schlafen die meisten wieder ganz normal, die Kühe vermutlich auch, und die Zeit macht, was sie immer tut: Sie vergeht.
Bis zum nächsten Mal. Wenn es wieder heißt: eine Stunde mehr oder weniger. Und irgendwo behauptet jemand, diesmal werde wirklich alles anders. Bis dahin gilt: Es lebt die Zeit, solange sie sich dreht. Und wir drehen mit.