Junge Eiskunstläuferin Caroline
„Solidarität sind Taten, nicht Worte“: 1.393 Menschen lassen sich typisieren
In der Victor-Hugo-Halle ließen sich mehr als tausend Menschen am Samstag typisieren – ausgelöst durch die Leukämie der 15-jährigen Eiskunstläuferin Caroline. Doch es geht um weit mehr als einen Einzelfall.
In 95 Prozent der Fälle erfolgt die Spende über das Blut Foto: Carole Theisen
Seit 10 Uhr morgens reißt die Schlange in der Victor-Hugo-Halle nicht ab. Junge Sportler, Eltern, Großeltern, Studierende, ganze Familien. Manche kennen Caroline persönlich, viele nicht. Aber alle sind aus demselben Grund hier: Sie wollen helfen.
„Wir werden heute wahrscheinlich den Rekord brechen“, sagt Mady Elvinger-Werner, Präsidentin des Club Hiversport Patinage Luxembourg. „Man soll nicht von Wettbewerb sprechen. Aber wenn es ums Testen geht, dann gewinnen wir hoffentlich.“
Mady Elvinger-Werner, Präsidentin des Vereins Hiversport Patinage Luxembourg Foto: Carole Theisen
Auslöser dieser Welle ist Caroline, 15 Jahre alt, Eiskunstläuferin im Nationalkader. Im vergangenen Sommer erhielt sie die Diagnose Leukämie – mitten in einer sportlichen Hochphase. „Am Anfang war ich verantwortlich für ihre Resultate“, sagt Elvinger-Werner. „Plötzlich fühlte ich mich verantwortlich, sie durch ihre Krankheit zu begleiten.“ Doch dieser Tag ist nicht nur für Caroline. „Er ist für alle Leukämie-Patienten“, betont sie. „Es wäre falsch, zu denken, wir suchten egoistisch nur für ein Mädchen.“
1 zu 1 Million
Leukämie ist Blutkrebs. Bei schweren Verläufen zerstören Chemotherapie und Ganzkörperbestrahlung das eigene Immunsystem. Dann braucht es Stammzellen – die Ursprungszellen der Blutbildung – von einem genetisch passenden Spender. Ein „genetischer Zwilling“.

Hunderte Menschen ließen sich am Samstag in der Victor-Hugo-Halle als Stammzellspender registrieren. Seit dem Morgen bildete sich eine durchgehende Warteschlange. Foto: Carole Theisen
Die Suche nach einem passenden Spender ist anspruchsvoll: Außerhalb der eigenen Familie liegt die statistische Wahrscheinlichkeit bei etwa 1 zu 1 Million. So zeigt sich, wie entscheidend eine große Datenbank ist – denn noch immer findet nicht jeder Patient rechtzeitig einen kompatiblen Spender. Jede zusätzliche Registrierung erhöht deshalb ganz konkret die Chancen, genau diesen einen genetischen Zwilling zu entdecken.
Die Organisation „Plooschter Projet“ will diese Lücke schließen. Gründer Yannick Lieners erhielt mit 25 die Diagnose einer chronischen myeloischen Leukämie. „Ich kann meine Form mit Tabletten behandeln“, schreibt er auf seiner Webseite. „Aber ich habe gesehen, wie schwer es für andere ist, einen Spender zu finden. Da wusste ich: Wir müssen etwas tun.“ Über 17.000 Menschen wurden seit der Gründung registriert. Mehr als 120 wurden bereits als potenzielle Spender angefragt.
Mythen, Ängste, Realität
Viele Menschen fürchten den Eingriff. Christiane Lieners, Mutter des Gründers, kennt diese Bedenken. „Viele denken, man wird im Rückenmark angestochen, hat Schmerzen und bleibt gelähmt. Doch das stimmt nicht. Es geht nämlich um das Knochenmark.“

Christiane Lieners engagiert sich seit der Leukämie-Diagnose ihres Sohnes für den Ausbau des Stammzellregisters Foto: Carole Theisen
In 95 Prozent der Fälle erfolgt die Spende über das Blut. „Wie bei einer Dialyse. Auf der einen Seite wird Blut entnommen, ein Gerät filtert die Stammzellen heraus, auf der anderen Seite fließt das Blut zurück.“ Nur in rund fünf Prozent der Fälle wird unter Vollnarkose aus dem Beckenkamm entnommen.
„Niemand wird gezwungen“, sagt sie. „Man wird vorher gefragt, ob man zu beiden Methoden bereit ist. Besser eine Spende über den Blutweg als gar keine.“
Die Registrierung ist an Bedingungen geknüpft: mindestens 50 Kilogramm Körpergewicht, keine schweren Vorerkrankungen, keine regelmäßige Medikation, auf die man nicht verzichten kann. Altersgrenzen spielen ebenfalls eine Rolle. Bis 45 übernimmt der Verein die Analysegebühr von 40 Euro, danach müssen Spender sie selbst tragen – möglich ist eine Registrierung bis 55.

Vor der Registrierung füllen die Teilnehmenden einen Gesundheitsfragebogen aus und werden über Ablauf und Voraussetzungen informiert Foto: Carole Theisen
Medizinisch bevorzugt werden jüngere Spender. „Aber wenn ein 56-Jähriger der einzige passende Zwilling ist, dann rettet auch er ein Leben“, sagt Lieners. Die vollständige Liste der Bedingungen kann man auf plooschterprojet.com einsehen.
Kleines Land, große Welle
Die Aktion ist territorial organisiert und angebunden an die deutsche Stefan-Morsch-Stiftung. Das bedeutet: Grenzgänger aus Frankreich oder Belgien können sich an diesem Tag leider nicht registrieren. Eine Regelung, die auf Kritik stößt. „Wir verstehen den Frust“, sagt Elvinger-Werner. „Aber die Systeme sind national organisiert.“

Das „Plooschter Projet“ setzt sich für den Ausbau des Stammzellregisters ein und hat seit seiner Gründung über 17.000 Menschen registriert Carole Theisen
Was jedoch funktioniert, ist die Mobilisierung. Aufrufe in Vereinen. Beiträge in sozialen Medien und Presse. Selbst der Großherzog ließ sich kürzlich typisieren. „Luxemburg ist klein“, sagt Elvinger-Werner. „Manchmal wird das als Nachteil gesehen. Aber wenn wir gemeinsam etwas Gutes tun wollen, sind wir unschlagbar.“

Der Verein Hiversport Patinage Luxembourg zählt rund 300 Mitglieder – viele von ihnen engagierten sich bei der Organisation des Aktionstags Foto: Carole Theisen
Für einige Teilnehmende besteht ein unmittelbarer Bezug zum Anlass der Aktion. Anna ist mit ihrer Tochter Clara hier. „Ich finde es wichtig, die Aktion zu unterstützen“, sagt sie. Früher habe sie bereits Blut gespendet, die Registrierung als Stammzellspenderin sei für sie konsequent. „Es ist unkompliziert, offen, man kann einfach vorbeikommen.“ Ihre Tochter Clara besucht die gleiche Schule wie Caroline. Für sie ist die Situation also sofort viel weniger abstrakt.
Solidarität als Handlung
Carolines Eiskunstlaufverein Hiversport Patinage Luxembourg zählt rund 300 Mitglieder, die meisten davon Kinder und Jugendliche. „Das ist eine Familie“, sagt Mady Elvinger-Werner. Die Diagnose traf deshalb nicht nur eine einzelne Sportlerin, sondern ein eng vernetztes Umfeld aus Trainingspartnern, Trainern und Eltern.
Der Entschluss, einen Typisierungstag zu organisieren, fiel Ende Dezember. Für Elvinger-Werner war schnell klar, dass es dabei um mehr geht als um Logistik. „Solidarität sind Taten, nicht Worte“, sagt sie. Gerade für die vielen jungen Mitglieder sei es wichtig zu erleben, dass man auf eine Krise reagieren kann. „Man kann Emotionen in positive Energie umwandeln. Das ist wichtig.“
Caroline selbst ist an diesem Samstag nicht vor Ort. Ihr Immunsystem ist geschwächt. Infektionen wären gefährlich. „Doch sie liest alles mit“, sagt ihre Trainerin. „Sie ist mental stark. Eine Athletin.“
Am Ende des Tages wird der Rekord geknackt. 1.393 Proben werden ins Register aufgenommen. Jede einzelne erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein genetischer Zwilling gefunden wird.

Foto: Carole Theisen