Rebellion der Einfachheit

Sie kamen, provozierten und hinterließen Spuren: 50 Jahre Sex Pistols und Punkbewegung

Obwohl es sie nur wenige Jahre in Originalbesetzung gab, wurden die 1975 gegründeten Sex Pistols zu einer der einflussreichsten Bands der Popgeschichte und zur Speerspitze einer Bewegung: Punk. Am Montagabend spielen sie im Vorprogramm von Guns N’ Roses, einer anderen Band, die ihre besten Tage längst hinter sich hat, in der Luxexpo.

Fast-Urformation und neuer Sänger Frank Carter (Zweiter von links)

Fast-Urformation und neuer Sänger Frank Carter (Zweiter von links) Foto: Exit

Die Frage nach den Anfängen des Punk als Subkultur und musikalische Stilrichtung ist so umstritten wie die Aussage „Punk’s not dead“. Angesichts des bevorstehenden Konzerts der Sex Pistols aus den drei Endsechzigern Steve Jones (69), Paul Cook (69) und Glen Matlock (68) zusammen mit dem 41-Jährigen Frank Carter als Vertreter einer einstigen Jugendbewegung, ist es angebracht, einen Blick in die Anfangstage zu werfen, also in die Mitte der 70er Jahre.

Entstanden war Punk in New York, wo Bands wie die Ramones aufkamen, die in Ablehnung des damaligen Mainstream-Rocks einfache, kurze Stücke mit schnellem Rock spielten und sich dabei an ihren musikalischen Vorbildern, etwa an ihren Landleuten The Stooges, New York Dolls und MC5 sowie den britischen Kinks und The Who anlehnten. Legs McNeil, damals Herausgeber des legendären Magazins „Punk“, und Gilian McCain gehen in dem Buch „Please Kill Me – The Uncensored Oral History Of Punk“ den Ursprüngen der Punk-Geschichte nach.

Der Punk-Funke sprang über den Atlantik nach London über, als der Musiker, Manager, Künstler und Modemacher Malcolm McLaren New York besuchte. Der frühere Kunststudent sympathisierte mit linksradikalen Künstlergruppen und war vom Anarchismus beeinflusst. Sein Geld verdiente er, indem er in einer Modeboutique mit dem Namen „Sex“ in der Londoner King’s Road extravagante Klamotten verkaufte. In den USA hatte er sich von der dort aufkommenden Punkbewegung inspirieren lassen.

Gitarrenkids statt Stadionbands

Spätestens seit seiner Rückkehr nach London träumte McLaren davon, eine Band zu gründen, die seinen ästhetischen Vorstellungen entsprach. Vor allem sollte sie nichts mit dem Mainstream, etwa den harmlosen Stadion- und Progressive-Rock-Bands, aber auch nicht mit der vor sich hindümpelnden Pub-Rock-Szene jener Tage zu tun haben, sondern vielmehr mit den zahlreichen Gitarrenkids, die sich zum Jammen trafen – wie etwa Steve Jones, der sich mit seinem Kumpel Paul Cook zusammentat. Sie trafen sich in McLarens Laden, wo Glen Matlock arbeitete, der bei ihnen als Bassist einstieg. Hinzu kam Wally Nightingale, der Jones den Vorschlag der Bandgründung gemacht und mit dem dieser zusammen Instrumente geklaut hatte, etwa von Bowie, Bob Marley und Rod Stewart, um das nötige Equipment zusammenzubekommen.

Nightingale wurde aus der Band geworfen, und der bisherige Sänger Jones übernahm die Gitarre. Der Legende nach kam eines Tages ein gewisser John Lydon in das „Sex“ und trug ein Pink-Floyd-T-Shirt, auf das er mit dem Filzstift „I hate“ über das Band-Logo geschrieben hatte. Er gab eine Kostprobe seines mäßig entwickelten Gesangs und wurde als „Johnny Rotten“ in die Band aufgenommen. Die Sex Pistols, die ihren ersten Gig unter diesem Namen im November 1975 hatten, traten in Clubs, Pubs und Kunstschulen auf und gingen mit Bands wie The Clash und The Damned auf Tournee. Auch wenn Letztere mit „New Rose“ offiziell die erste Punk-Single herausgebracht hatten, waren es die Sex Pistols, die zuerst über Nacht berühmt-berüchtigt wurden. Dazu trug ihr Auftritt in der Bill-Grundy-Show bei, in der sie es als erste wagten, das Wort „fuck“ im britischen Fernsehen auszusprechen. Es sollte nicht das einzige Schimpfwort sein.  

Daraufhin wurden reihenweise Konzerte abgesagt, das Plattenlabel EMI kündigte den Vertrag, die Debütsingle „Anarchy in the UK“ wurde als französische Importpressung verkauft. „Es war der Sound einer einstürzenden Stadt“, schreibt der US-Musikjournalist Greil Marcus in „Lipstick Traces“, seinem bahnbrechenden Buch „A Secret History of the 20th Century“, in dem er die Sub- und Gegenkultur des Punk in einer Linie mit den Avantgarden des Dadaismus, des Lettrismus und der Situationistischen Internationale sah. „Aus dem wohlüberlegten, beabsichtigten Lärm, in dem die Worte sich so überschlugen, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte, hörte man, wie gesellschaftliche Fakten zerfielen; wenn Johnny Rotten seine Rs rollte, klang es, als hätte er nadelspitz zurechtgefeilte Zähne.“

Im Frühjahr 1977 trennten sich die Pistols von Matlock und ersetzten ihn durch Sid Vicious. Er hatte zwar zuvor keinen Bass gespielt, hatte aber das richtige Image. Er wurde noch vor Rotten zur wohl medial bedeutendsten Punk-Ikone jener Zeit, wegen seiner Provokationen, seiner Beziehung zur drogenabhängigen Nancy Spungen und wegen seiner eigenen Heroinsucht. Um für die Single „God Save The Queen“ zu werben, wurde ein Schiff namens „Queen Elizabeth“ gemietet, das zum 25. Thronjubiläum der Königin auf der Themse hin und her fuhr. An Bord zeigten Drogen und Alkohol ihre Wirkung. Die Polizei musste eingreifen, einige Fans wurden verhaftet. Die Pistols entkamen, doch waren sie fortan Angriffen von Royalisten und Teddy Boys ausgesetzt. Zwar kollidierte das nun bei dem Label Virgin erschienene Album „Never Mind The Bollocks“ wegen Begriffen wie „bollocks“ mit dem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gesetz gegen unanständige Werbung, doch Virgin-Chef Branson gewann vor Gericht. Die LP wurde zu dem wohl bedeutendsten Punk-Album.

Der Mythos lebt weiter

Bereits das erste Konzert der Band auf der US-Tour im Winter 1977/78 verlief chaotisch. Sid Vicious war auf Heroin, sein Oberkörper blutig geritzt. Das texanische Publikum nannte er „schwule Cowboys“, mit seinem Bass soll er auf einen Zuschauer eingedroschen haben. Die Tour war ein Desaster. Sid Vicious hatte zwar noch Erfolg mit seiner Version des Frank-Sinatra-Songs „My Way“. Ende 1978 wurde er angeklagt, Nancy Spungen ermordet zu haben. Zum Prozess kam es nicht mehr. Denn Sid Vicious, mit bürgerlichem Namen John Simon Ritchie, starb am 2. Februar an einer Überdosis Heroin. Die Pistols waren am Ende, aber ihr Mythos lebte weiter.

Sid Vicious und Johnny Rotten (Lydon)

Sid Vicious und Johnny Rotten (Lydon) Foto: S. Fitz/Flick

„Die Pistols waren das Destillat vom Besten, was sich bis dahin bei der Teenagerrevolution ereignet hatte“, schreibt der Autor Al Spicer in seinem Band-Portrait. „Sie kehrten sich einen Dreck darum, was man von ihnen dachte. Sie waren aus dem Nichts gekommen, hatten sich zu einer Legende entwickelt und waren explodiert, noch ehe sie zu all dem werden konnten, was sie so sehr verachteten.“ Nach einigen Jahren – und Rechtsstreitigkeiten – kamen Rotten, Jones, Cook und Matlock 1996 wieder zusammen, um auf Tournee zu gehen, nach der sie sich wieder trennten. Auch 2002 und 2003 folgten Konzerte, ebenso eines zum 50. Thronjubiläum der Queen. Und sie wurden 2006 gegen ihren Willen in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. In der Zwischenzeit ist Lydon komplett ausgestiegen. Heute treten die Pistols – zu drei Vierteln in Urbesetzung – mit Frank Carter, einst Sänger der Hardcore-Band Gallows, am Mikrofon auf.

Über die Geschichte der Band und die Anfänge des Punk schreibt der britische Journalist Jon Savage in seinem Buch „England’s Dreaming. Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock“ (1992). Die Popmusik sei von „Gigantismus“ beherrscht worden. Der bevorzugte Musikstil war Progressive Rock, „also alles, was teuer und aufwendig war“. Nichts habe sie mit der realen Lebenswelt verbunden, die zu jener Zeit von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. Savage: „Wer sich damals in Großbritannien aufgrund seiner Klassenzugehörigkeit, Sexualität, seiner Wahrnehmungsweise, seines Geschlechts oder seiner persönlichen Präferenz ausgestoßen fühlte, wer sich nutzlos oder unwert vorkam, für den waren die Sex Pistols ein Hass/Liebe-Generator. Indem man zum Alptraum wurde, konnte man den eigenen Träumen begegnen.“

Indem man zum Alptraum wurde, konnte man den eigenen Träumen begegnen

Jon Savage

Journalist und Buchautor

Punk habe die Gesellschaft radikal in Frage gestellt und war ein ideales Sprachrohr, „um sich Gehör zu verschaffen und jene existenzielle Angst auszudrücken, die mit ‚No Future‘ ihren berühmtesten Slogan fand“, konstatiert der früh verstorbene deutsche Autor und Szene-Insider Martin Büsser. Das Verführerische an Punk sei seine musikalische Einfachheit und sein „demokratisches Postulat“ gewesen, „dass jeder, der etwas zu sagen hatte, eine Band gründen konnte“. Büsser nennt es „Rebellion der Einfachheit“. Reihenweise entstanden neue Bands, deren gemeinsamer Nenner neben der „rauen, ungeschliffenen und meist dilettantischen Musik“ der war, dass sie ihre eigene Lebenswelt thematisierten. In ihren Songs war von Arbeitslosigkeit, sexueller Frustration und Hass auf die Mächtigen die Rede.

Zwar kamen fast alle wichtigen Punkbands der ersten Stunde – The Clash, The Buzzcocks, The Damned und auch die Sex Pistols – auf großen Labels unter. Sehr schnell brachte die Punkszene jedoch eigene Strukturen und Kommunikationswege hervor. Die Fanzines, von Insidern herausgegeben, informierten schneller und gewissenhafter als die kommerziellen Musikmagazine. Der „Do it yourself“-Gedanke sollte für die kommenden Jahre die Punkszene bestimmen. Auch war der Anteil an Musikerinnen für jene Zeit außergewöhnlich hoch, die ihre Rolle in der Gesellschaft und sexuelle Stereotypen thematisierten, zum Beispiel X-Ray Spex, aber auch The Slits aus England oder später Bikini Kill aus den USA.

Die Pistols im Januar 1977 im Paradiso (Amsterdam)

Die Pistols im Januar 1977 im Paradiso (Amsterdam) Foto: Koen Suyk/Wikicommons

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