Interview mit The Twilight Sad

Sänger James Graham über das neue Album, Freundschaft und den Schreibprozess

„It’s The Long Goodbye“ ist das sechste Album der schottischen Postpunker The Twilight Sad. Gegründet wurde die Band anno 2003 von Sänger James Graham und Gitarrist Andy MacFarlane. Auf dem neuen Album verarbeitet Graham den Tod seiner Mutter und seine psychische Erkrankung. Ein Interview.

Sie sind The Twilight Sad: James Graham (l.) und Andy MacFarlane (r.)

Sie sind The Twilight Sad: James Graham (l.) und Andy MacFarlane (r.) Foto: Abbey Raymonde

Tageblatt: James, wie geht es Dir?

James Graham: Ganz gut. (kurze Pause) Ich bin nervös und etwas gestresst wegen des Albums. Es ist lange her und eine große Sache für Andy und mich. Deshalb möchte ich mich wirklich darauf freuen; ich liebe das Album. Aber es ist auch beängstigend, alles in etwas zu investieren und es dann der Welt zu präsentieren, die dich beurteilen wird. Wenn dieses Album auch nur eine Person versteht, dann hat es sich gelohnt. Es hat sich allein schon für mich selbst gelohnt, für meine eigene psychische Gesundheit, um diese Gefühle aus meinem Kopf und Körper zu bekommen.

Kannst Du Deine besondere Verbindung zu Andy beschreiben? Gibt es zwischen Euch ein tiefes Verständnis?

Ja. Wir sind sehr unterschiedlich, haben aber viele gemeinsame Leidenschaften und Vorlieben, wie Filme und Musik. Er ist viel besser in Musik ausgebildet als ich. Er hat gar einen Abschluss in Musik. Er liebt sie, sowohl in technischer als auch in kreativer Hinsicht. Ich hingegen bin eher so: „Hey, hier, ich weine, lass mich singen.“ Andy ist mein Freund. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er war mein erster Freund in der Highschool und ich zuvor der einzige Junge in meiner Grundschulklasse. Als ich auf die Highschool kam, kannte ich niemanden. Zum Glück wusste Andy, dass ich die Manic Street Preachers mochte. Das war auch mein erstes Konzert, zu dem ich ging. Die Liebe zu den Manic Street Preachers verband uns. Dann brachte er mich dazu, vor der Klasse zu singen, weil der Musiklehrer fragte: „Kann jemand ein Lied singen?“ Andy zeigte auf mich. Ich hatte noch nie vor anderen gesungen. Also sang ich, glaube ich, „Australia“ von den Manic Street Preachers. Und das scheint der Moment gewesen zu sein, in dem Andy dachte: „Oh, den Kerl könnte ich gebrauchen.“ Dann hat er mir alle meine Lieblingsplatten besorgt. Er ging sie kaufen und sagte: „Hör dir das an und das und das.“ Meine musikalische Bildung verdanke ich ihm. Ohne Andy wäre ich jetzt nicht hier. Ich hätte aber nie gedacht, dass Musik jemals einen so großen Teil meines Lebens einnehmen würde. Er hat das in mir geweckt. Darüber hinaus war er auch für mich da, als meine Mutter starb. Es ist eine wirklich sehr enge Verbindung.

Kommen wir auf das Album zu sprechen. Ich mag die stilistische Vielfalt, den eher rockigen Sound in Songs wie „Get Away From It All“. Es ist eingängig und wunderschön, siehe „See The Ceiling Underground“. Es ist wieder ein Album, das zu 100 Prozent nach Euch klingt. Was gefällt Dir daran am besten?

Alles, was Du gerade gesagt hast. Ich liebe, dass es existiert. Ich bin ehrlich, denn lange Zeit hatte ich nicht daran geglaubt. Es hat sieben Jahre gedauert. Alles, was so lange dauert, muss mit Liebe und Leidenschaft gemacht werden und einen Grund haben. Es gab viele Momente, als ich dieses Album geschrieben habe, in denen ich, wie ich es gerne nenne, im „Zustand des Flusses“ war, in dem man die Dinge einfach geschehen lässt. Es heißt, dass es sich manchmal so anfühlt, als wäre ein Song ein Geschenk, das einem gegeben wurde. Das stimmt. Es gibt so viele Beispiele auf diesem Album, bei denen es beim Schreiben nicht darum ging, einen Song zu schreiben. Es ging darum, ein Gefühl herauszulassen und es auszudrücken, eine Katharsis zu finden und herauszuschreien, wie unglücklich und unwohl ich mich fühlte und wie traurig ich war. Und all die anderen Dinge, die mir durch den Kopf gingen. Ich wollte mich auch als Sänger weiterentwickeln. Ich möchte nicht einfach nur ein Typ sein, der auf die Bühne geht und vor sich hin murmelt oder betrunken herumtorkelt, wie ich es früher getan habe. Ich möchte zeigen, dass ich das kann, und ich glaube tatsächlich, dass ich darin ganz gut bin. Ich liebe Melodien. Ich liebe Popsongs. Ich liebe Metalsongs. Ich liebe alle Arten des Ausdrucks und Songwriting mittels Gesang. Daher habe ich einfach das getan, was mir natürlich vorkam, und mich nur auf die Melodie konzentriert.

Angst ist mein Antrieb, und ich möchte meine Ängste bekämpfen

James Graham

Sänger von The Twilight Sad

Du wirkst wie ein sehr leidenschaftlicher, sensibler und einfühlsamer Mensch. In dem Song „Attempt A Crash Landing – Theme“ heißt es: „Those angels, they come in the morning, they come at night.“ Diese Stelle ist allen Mitarbeitern des britischen Gesundheitsdienstes NHS gewidmet, die sich um Deine verstorbene Mutter gekümmert hatten. Das ist sehr bewegend. Ist es immer leicht, diese Zeile zu singen?

Ich habe es noch nicht getan. Wobei: Ich habe es einmal getan. Ehrlich gesagt, habe ich Angst davor. Das sollte ich auch. Angst ist mein Antrieb, und ich möchte meine Ängste bekämpfen. Das ist das Wichtigste jetzt. Ich habe so lange Angst gehabt und es einfach so satt. Ich möchte sie jetzt überwinden und all das Vertrauen rechtfertigen, das mir entgegengebracht wurde, und all den Menschen danken, die meiner Familie in den letzten Jahren geholfen haben. Ich tue es genauso sehr für sie wie für mich. Die Textzeile musste einfach sein. Ich bin so dankbar, dass meine Mutter morgens, nachmittags, später auch abends und irgendwann sogar ständig betreut wurde. Diese Selbstlosigkeit zu sehen, für einen miserablen Lohn, ohne Anerkennung. Sie verdienen mehr als nur ein paar Songzeilen. Dieser kleine Teil war mir aber wichtig, um ihnen irgendwie zu danken, auch wenn es geheimnisvoll verpackt ist.

Kannst Du Dir vorstellen, je einen Text zu schreiben, wenn Du richtig gut drauf bist?

Es wäre einen Versuch wert. Aber ich will ja mit der Musik die Dunkelheit aus mir herauslassen und ich möchte nicht, dass sie in mir weiter schwelt. Ja, ich würde gerne einen fröhlichen Song schreiben. Ich möchte glücklich sein. Ich war so lange traurig. Ich habe so viele großartige Dinge in meinem Leben: zwei fantastische Jungs, eine fantastische Frau. Ich liebe den Ort, an dem ich lebe. Die Musikindustrie ist nicht die gesündeste Branche und macht mich nicht glücklich. Also bahne ich mir selbst einen Weg, um Zufriedenheit zu finden und meine Arbeit ohne all den Lärm von außen machen zu können. In zwei oder drei Jahren würde ich gerne einen fröhlichen Song schreiben. Ich weiß, dass das vielleicht einige Fans enttäuschen könnte, aber ich muss jedes Element meiner Persönlichkeit ausprobieren, um zu sehen, ob ich es schaffen kann. Ich möchte mich selbst herausfordern.

„It’s The Long Goodbye“ erscheint am 27. März.

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