Pilzbefall
Patient tot, Operation gelungen: Einer der ältesten Bäume Luxemburgs wurde am Wochenende abgeholzt
Einer der ältesten und höchsten Bäume des Großherzogtums wurde am Wochenende abgeholzt. Wegen Pilzbefalls war der Koloss nicht mehr zu retten.
Bis zum Wochenende standen die zwei Bäume noch – heute fehlt einer, am Samstag wurde er gefällt Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Spaziergänger im Stadtpark der Oberstadt müssen sich an ein neues Bild gewöhnen: Einer der zwei Riesenmammutbäume (Sequoiadendron giganteum) ist verschwunden. Rund 150 Jahre hatte der Koloss die Szenerie nahe dem Amaliendenkmal geprägt, als ein Stück „Park-Exotik“ aus jener Epoche, in der europäische Städte gern mit seltenen Baumarten Eindruck machten.
Samstagmorgen: Die Krone ist ab Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Wie beim „City Breakfast“ am vergangenen Mittwoch bekannt wurde, war der betroffene Mammutbaum von einem Pilz befallen und starb allmählich ab. Zuletzt waren sogar die Wurzeln angegriffen, der Koloss konnte nicht mehr gerettet werden. Im schlimmsten Fall hätte der Baum umstürzen können – eine Gefahr für alle, die dort täglich unterwegs sind. Der Erste Schöffe der Hauptstadt, Maurice Bauer (CSV), verwies zudem auf einen weiteren Punkt: Der Pilz hätte auf benachbarte Pflanzen übergreifen können.
Ein stabiler Kran war nötig, um die abgetrennten Baumteile sicher zu Boden zu bringen Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Ganz verschwinden soll der Mammutbaum jedoch nicht. Ein Teil des Holzes soll zu Möbeln für die Stadt Luxemburg verarbeitet werden. Außerdem plant die Stadtverwaltung, Stücke des Baums im Park auszustellen, als greifbare Erinnerung an einen Riesen, der Generationen überdauert hat. Der zweite Mammutbaum bleibt derweil stehen: Der „Zwilling“ am Amaliendenkmal wird künftig allein die Lücke markieren, die sein Gegenüber hinterlässt.
Arbeit in luftiger Höhe: Stück für Stück wurde das Jahrhundertwerk zerlegt ... Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Die eigentlichen Abholzungsarbeiten, ursprünglich fürs ganze Wochenende geplant, waren bereits am späten Samstagnachmittag abgeschlossen. Ein Baum dieser Größe lässt sich nicht in einem Stück fällen: Arbeiter wurden per Kran in die Krone gehoben, der Stamm wurde Segment für Segment abgetragen. Die einzelnen Stücke – teils bis zu sechs Meter lang – wanderten auf den Lastkraftwagen und wurden abtransportiert.
... und „flog“ davon Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Ein Ersatz soll ebenfalls gepflanzt werden, wieder in derselben Baumgattung. Ob der neue Mammutbaum erneut 150 Jahre schafft, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie gut Standort, Pflege und Klima zusammenspielen. Aber die Idee ist klar: In der Lücke im Park soll Zukunft wachsen.
Punktlandung Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Etliche Neugierige hatten sich am Samstagmorgen eingefunden Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Am Boden wird das Stammstück „frisiert“, um besser abtransportiert werden zu können Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Die Baumzerleger: eine starke Truppe Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Fast geschafft: das letzte Stück Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Die Welt vor 150 Jahren
Ungefähr 150 Jahre stand der Riesenmammutbaum an seinem Platz. Bis zum Wochenende. Eine lange Zeit, und doch wirken Ereignisse aus dem Jahr 1876 bis heute nach.
Im Juni 1876 endet die Schlacht am Little Bighorn mit einer Niederlage der US-Armee: Custers 7. Kavallerie wird von einer Koalition aus Lakota, Northern Cheyenne und Arapaho geschlagen. Ein bis heute aufgeladener Stoff für Kunst, Film und Literatur.
Technisch ist 1876 ein Jahr der Zäsur: Alexander Graham Bell bekommt im März das Patent auf das Telefon. Und in Deutschland nimmt Nikolaus Otto den Viertaktmotor in Betrieb, das Prinzip, das den Verbrenner zum Standard macht. 1876 erblickt mit dem „Carpet-Sweeper“ (Teppichkehrer) ein Vorläufer des Staubsaugers das Licht der Welt.
Literarisch erscheint Mark Twains „Die Abenteuer des Tom Sawyer“. Geboren werden 1876 unter anderem Konrad Adenauer und Mata Hari. Und in Luxemburg? Michel Rodange stirbt – der „Renert“ bleibt.
Nachhaltiges Abholzen: Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Stücke des Baumes sollen zu Möbeln verarbeitet werden Foto: Editpress/Didier Sylvestre
Sein Zwillingsbruder ist weg, es bleibt ein Stumpf und die Hoffnung auf Nachwuchs Foto: Editpress/Didier Sylvestre