Identität im Mittelpunkt

Künstlerin Tetiana Popyk eröffnet erste Solo-Expo „BeComing“ in Walferdingen

„Identität ist niemals festgelegt. Sie ist immer im Werden begriffen“ – mit dieser Philosophie eröffnet die ukrainische Künstlerin Tetiana Popyk am 16. April ihre erste große Soloausstellung in der Gallery CAW Walferdingen, in der Musik und Bild sich vereinen.

Präsentiert ihre erste Solo-Ausstellung in Walferdingen: die Künstlerin Tetiana Popyk

Präsentiert ihre erste Soloausstellung in Walferdingen: die Künstlerin Tetiana Popyk Foto: Carole Theisen

Ein androgynes Gesicht blickt die Besucher*innen an – nicht klar als männlich oder weiblich zu lesen. Daneben fallen karibische Blüten in konzeptionellen Schwarz-Weiß-Tönen auf. Mexikanische Fragmente verschmelzen mit afrikanischen Archetypen. In der Gallery CAW in Walferdingen präsentiert die ukrainische Fotografin Tetiana Popyk mit der Ausstellung „BeComing“ ihre erste große Soloausstellung – eine vielschichtige Meditation über Identität als permanenten Wandlungsprozess.

„Afterlight“ von Tetiana Popyk

„Afterlight“ von Tetiana Popyk Bild: Tetiana Popyk

Popyk interessiert sich nicht für das „Wer bin ich?“, sondern für das „Was wurde mir gegeben – und was mache ich daraus?“ „Identität ist niemals festgelegt. Sie ist immer im Werden inbegriffen“, erklärt die 1988 in der Ukraine geborene Künstlerin das Konzept ihrer Ausstellung, die am 16. April um 18.30 Uhr eröffnet wird und bis zum 3. Mai zu sehen ist. 32 Werke aus verschiedenen Serien – Fotografien, Collagen, Mixed Media – ergeben ein komplexes Puzzle über Weiblichkeit, kulturelle Prägungen und geerbte Rollenbilder.

Körper jenseits der Kategorien

Ein zentrales Element der Ausstellung ist eine Serie über Androgynität. Menschen, deren Erscheinung sich nicht eindeutig zuordnen lässt – weder männlich noch weiblich. „Diese Menschen tragen beides in sich“, sagt Popyk. „Und genau darin liegt eine Wahrheit.“ Die Serie entstand über Jahre hinweg. Ein Projekt, das mehrfach scheiterte, bevor es sich schließlich zusammensetzte.

Als ich ihn sah, war es, als käme er aus dem Weltraum. Wie ein Alien.

Tetiana Popyk

Künstlerin

Während der Corona-Pandemie schien das Projekt zum Scheitern verurteilt. Die Models lebten in der Schweiz, Frankreich und Deutschland – unerreichbar in den Lockdown-Zeiten. „Ich legte das Projekt zur Seite“, erinnert sich Popyk. Doch dann schrieb ihr ein junger Mann, Karlin, halb Deutscher, halb Brite, der gerade nach Luxemburg gezogen war. Bereits in renommierten Magazinen wie L’Officiel und Harper’s Bazaar publiziert, verkörperte er exakt die Vision, nach der die Künstlerin so lange gesucht hatte.

Eine überraschende Wendung nimmt die Ausstellung in einer Serie tropischer Pflanzen. Entstanden auf einer Reise durch die Karibik, zeigen die Bilder Blumen – und doch geht es um Menschen.

„Ich habe sie beobachtet wie Persönlichkeiten“, sagt Popyk. „Manche wirken ruhig, fast meditativ. Andere sind explosiv wie Feuer.“ Die Pflanzen wurden zunächst fotografiert, dann erneut bearbeitet, gescannt, verfremdet. Das Ergebnis: keine Naturdokumentation, sondern emotionale Porträts. „Auch sie haben Identität“, sagt sie. „Auch sie verändern sich.“

Vom Journalismus zur Kunst

Popyks Weg zur Kunst begann ungewöhnlich: als Journalistin in der Ukraine. „Ich war Kulturredakteurin und führte Interviews mit Schauspieler*innen und Sänger*innen. Da ich Geige spiele, verstand ich die Musik und wusste, welche Fragen ich stellen konnte.“ Als ihr Verlag keine eigenen Fotografen mehr hatte, bekam sie eine Kamera in die Hand – der Beginn einer 15-jährigen Karriere hinter der Linse.

„Aber erst als ich 2020 nach Luxemburg kam, wurde die Kunst wirklich zu einem tiefen Teil meines Lebens. Vorher arbeitete ich hauptsächlich kommerziell für Unternehmen, immer nach den Wünschen der Kunden – für Hotels, Unternehmen, Magazine. Ich habe gute Arbeit gemacht, aber oft ohne Tiefe. Es war Wiederholung“, erzählt Popyk. „Ich wollte jedoch nicht mehr nur für andere arbeiten. Ich wollte Bedeutung schaffen.“ Corona zwang sie zum Innehalten – und zur kreativen Explosion. „Ich war plötzlich gezwungen, langsamer zu werden. Und genau da begann ich, wirklich zu schaffen.“

Das Werk „Solar Fragment“ von Tetiana Popyk

Das Werk „Solar Fragment“ von Tetiana Popyk Bild: Tetiana Popyk

Was zunächst als Krise begann, wurde zum Wendepunkt: internationale Veröffentlichungen, Auszeichnungen, schließlich erste Ausstellungen. Heute pendelt sie zwischen Luxemburg und Frankreich – und arbeitet ausschließlich an eigenen Projekten.

Der Durchbruch kam mit der Serie „Ukrainische Legenden“, in der sie sich mit den ethnischen Wurzeln ihrer Heimat auseinandersetzt. Eine Fotografie aus dieser Serie wurde für das Buch „100 Ukrainian Artists in Contemporary Art“ ausgewählt und auf der Photo Basel präsentiert – einer der wichtigsten internationalen Kunstmessen. Das Buch wird heute in Museen in Paris verkauft und ist Teil der Sammlung des Tate London.

Die immersive Erfahrung

„BeComing“ geht jedoch weiter als eine klassische Fotoausstellung. Jedes Werk ist mit einem QR-Code versehen, über den Besucher*innen eine kuratierte Musikkomposition abrufen können. „Ich wähle sehr konzeptuelle, nicht-kommerzielle Musik aus“, erklärt Popyk. „Es entsteht ein stiller Dialog zwischen Bild und Melodie.“

Von den zurückhaltenden Schwarz-Weiß-Porträts, die Normen von Geschlecht und Androgynität hinterfragen, bis hin zu den lebendigen mexikanischen Collagen untersucht die Ausstellung weniger, wer wir sind, sondern vielmehr, welche Archetypen wir erben und welche wir bewusst transformieren. Das Projekt ist bewusst offen angelegt: Weitere Teile der Androgynie-Serie sind bereits geplant, ein nächstes Kapitel soll in einem sakralen Raum entstehen.

„BeComing“ zeigt damit auch eine künstlerische Entwicklung, die eng mit biografischen Brüchen verbunden ist – vom Einstieg in den Journalismus in der Ukraine bis zur freischaffenden Arbeit in Luxemburg. „Ich habe lange für andere gearbeitet“, sagt Popyk. „Heute geht es mir darum, meine eigene Perspektive sichtbar zu machen.“

„BeComing“, Galerie CAW, Walferdange, Vernissage: 16. April, 18.30 Uhr, noch bis zum 3. Mai.

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