Alain spannt den Bogen
Jukka-Pekka Saraste und das Luxembourg Philharmonic überzeugen mit außergewöhnlichen Programm
Es waren zwei Konzerte, die es in sich hatten und bei denen jedes auf seine Art höchsten musikalischen Ansprüchen entsprach. Das Luxembourg Philharmonic überzeugte mit einem mutigen und außergewöhnlichen Programm, während die Kräfte der Züricher Oper eine bewegende Aufführung von Verdis Requiem boten.
Anti-Star Gianandrea Noseda mit dem Chor und Orchester der Oper Zürich: Der Dirigent lotete das Werk äußerst subtil aus und schärfte den Kontrast zwischen Licht und Dunkel, Angst und Hoffnung Foto: Sébastien Grébille
Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Editpress
Wenn nun ab der kommenden Spielzeit mit dem neuen Chefdirigenten Martin Rajna auch für das Luxembourg Philharmonic eine neue Ära beginnt, sollte man sich vielleicht überlegen, ob es nicht ebenfalls an der Zeit wäre, einen Ersten Gastdirigenten zu verpflichten. Vielleicht einen Dirigenten mit langer, internationaler Erfahrung, wie beispielsweise Jukka-Pekka Saraste.
Mut zu Außergewöhnlichem
Der finnische Dirigent, der das Orchester sehr gut kennt und schon viele Jahre regelmäßig dirigiert, wird sowohl von den Musikern als auch vom Publikum hoch geschätzt. Was aber viel wichtiger ist: Seine Konzerte sind immer von herausragendem Niveau und demnach künstlerisch äußerst wertvolle Hörerlebnisse. Wie auch am vergangenen Freitag, als Jukka-Pekka Saraste ein sehr ungewöhnliches Programm dirigierte.
Man muss schon etwas Mut aufbringen, um ein solches Programm auf die Bühne zu bringen: nämlich drei Werke, die jetzt nicht unbedingt zu den Highlights der Konzertprogramme gehören und sicherlich auch keine Lieblingsstücke des Publikums sind. Jean Sibelius’ Tondichtung „Die Okeaniden“ und Dmitri Schostakowitsch sehr sperriges „2. Violinkonzert“ sind alles andere als publikumswirksame Werke. Sibelius begeistert allerdings mit wunderbaren Atmosphären und einer klar durchdachten, sehr auf Nuancen und Klangfarben konzentrierten Musik, ohne dabei schwere Geschütze aufzufahren. Im Gegensatz zu dem griffigeren „1. Violinkonzert“ ist Schostakowitschs 2. Konzert sehr melancholisch und intimistisch angelegt.
Die Musik, insbesondere der Solopart, kreist oft um sich selbst, legt innere Seelenzustände offen und fordert sowohl vom Solisten als auch vom Orchester eine komplette expressive Hingabe. Leos Janacek hat vor allem wundervolle Opern geschrieben, die einen eigenen Klangkosmos besitzen. Seine „Sinfonietta“ ist ein sehr außergewöhnliches Werk, das vor allem durch einen stark erweiterten Blechbläserapparat und seine Fanfarenmotive aufmerksam macht. In den fünf kurzen Sätzen werden verschiedene rhythmische Melodien vorgestellt, die an Volkstänze erinnern, dies allerdings in einer typischen Janacek-Sprache.

Dirigent Jukka-Pekka Saraste setzt auf Präzision – das zeigte er auch in der Philharmonie Foto: Ines Rebelo de Andrade
Saraste ist kein Dirigent der großen Effekte. Seine Kunst besteht in der Auflichtung der Partitur und in dem präzisen Offenlegen der musikalischen Strukturen, ohne dabei den emotionalen Gehalt zu vernachlässigen. Seine Interpretation von Sibelius’ „Okeaniden“ wurde von einer inneren Ruhe getragen, die sich quasi der wellenförmigen Bewegung der Musik komplett anpasst und dabei an natürlichem Atem und Duktus gewinnt. Bereits in diesem Eröffnungsstück zeigte das Luxembourg Philharmonic, welche Klangkultur es besitzt und wie präzise es Sarastes Wünsche umsetzen kann. Auch die Orchesterbegleitung von Schostakowitschs „2. Violinkonzert“ war atemberaubend. Saraste und die Musiker trafen exakt die Stimmung der Musik und somit auch die Seeelenqual des Komponisten. Der Solist Leonidas Kavakos brauchte sich also keine Sorgen zu machen und spielte dieses ungeheuer anspruchsvolle Werk mit einer Intensität, die man kaum für möglich hält und die in ihrer Ehrlichkeit und Tiefgründigkeit an den großen Dawid Oistrach erinnert, der das Werk 1967 uraufgeführt und auch mehrmals eingespielt hat.
Der Jubel des Publikums für Kavakos’ eindringliche Leistung war mehr als gerechtfertigt. Wenn Janaceks „Sinfonietta“ mit ihrer Spieldauer von 25 Minuten etwas kurz für die zweite Konzerthälfte war, so hatte man das Glück, eine außergewöhnliche Interpretation zu erleben. Saraste stellte den fanfarenhaften Charakter etwas in den Hintergrund, verzichtete somit auf den plakativen Effekt und unterstrich mit seiner Interpretation die Geschlossenheit des Werkes. Auch hier bewahrte der finnische Maestro die Ruhe und koordinierte die verschiedenen Klanggruppen zu einem schlüssigen Ganzen. Die Musiker des Luxembourg Philharmonic – exzellent der Blechbläserapparat – fühlten sich hörbar wohl und geizten nicht mit einem ebenso schönen wie transparenten und eindringlichen Spiel. Am Schluss reagierte das Publikum mit langanhaltendem Applaus und feierte Musiker und Dirigenten gleichermaßen.
Endlich Noseda
Die Aufführung der „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi mit dem Chor und Orchester der Oper Zürich am vergangenen Montag begann mit einer halben Stunde Verspätung. Bass-Sänger David Leigh war erkrankt und konnte nicht singen, weshalb man sehr kurzfristig Marco Mimica aus Brüssel einfliegen ließ, um ohne Probe einzuspringen. Aber leider waren auch noch zwei weitere Solisten stimmlich nicht in Bestform; Tenor Joseph Calleja hatte hörbare Mühe mit der Höhe und Sopranistin Marina Rebeka patzte im gefährlichen „Libera me“. Man weiß, dass gerade die Stimme das anfälligste aller Instrumente ist und somit ist den beiden Sängern hier kaum ein Vorwurf zu machen.

Das Orchester der Oper Zürich Foto: Sébastien Grébille
Hervorragend waren Agnieszka Rehlis, die schon 2005 im Eröffnungskonzert der Philharmonie gesungen hatte, und der slowenische Ersatz-Bass Marko Mimica, der mit seiner volltönenden Stimme und seinem runden, einfühlsamen Gesang begeistern konnte. Mit großer Freude erlebten wir dann auch endlich das Philharmonie-Debüt von Gianandrea Noseda, Anti-Star und zweifelsohne einer der profiliertesten und interessantesten Dirigenten der Gegenwart.
Noseda dirigierte Verdis Requiem dann auch als „Messa“. Er lotete das Werk äußerst subtil aus und schärfte den Kontrast zwischen Licht und Dunkel, Angst und Hoffnung. Die vier Sänger sowie der exzellente Züricher Opernchor fungierten nicht als Kommentatoren, sondern als agierende und leidende und hoffende Protagonisten. Das hätte gefährlich opernhaft werden können, aber das Ensemble war so vollendet austariert, dass sich einem die tiefen Emotionen ohne übertriebene Gestik offenbarten. Noseda sorgte für ein ausgeglichenes Spiel, vertiefte hier, wo es wichtig war, und reduzierte dort, wo es hätte plakativ werden können. Das sehr gute Spiel des Orchesters der Oper Zürich ließ Verdis Partitur aufblühen, so dass das Publikum eine in sich geschlossene Aufführung in einer klug ausgearbeiteten Interpretation erleben konnte, in der sich Solisten, Chor und Orchester zu einem riesigen homogenen und gut aufeinander abgestimmten Ensemble zusammenfügten.