Meisterwerke der Filmgeschichte
Jim Jarmusch gelingt mit „Down by Law“ der internationale Durchbruch
Das Tageblatt präsentiert in der losen Film-Serie „Flashback“ Meisterwerke der Filmgeschichte, die 2026 ein Jubiläum feiern – so wie Jim Jarmuschs „Down by Law“, der 1986 Premiere hatte. Der US-amerikanische Filmemacher ist bis heute dem Independent-Kino verbunden – und der Poesie.
Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni in „Down by Law“ Foto: IMDb
Der Zuhälter Jack (John Lurie) bekommt von einem Konkurrenten eine minderjährige Prostituierte zugeschoben, mit der er von der Polizei im Hotelzimmer aufgegriffen wird. Der Radio-DJ Zack (Tom Waits) hat seinen Job hingeschmissen und seine Freundin (Ellen Barkin) sich von ihm getrennt, bevor er mit einer Leiche im Kofferraum des Wagens gefunden wird, den er für tausend Dollar auf die andere Seite der Stadt bringen sollte. Beide wandern unschuldig ins Gefängnis. Dort sperrt man sie in ein und dieselbe Zelle. Sie sind einander gegenüber misstrauisch und wortkarg.
Wochen vergehen. Eines Tages wird ein weiterer Gefangener in die enge Zelle gesperrt. Der Italiener Roberto (Roberto Benigni) spricht bruchstückhaft radebrechend und mit starkem Akzent Englisch. Seine Sprachkenntnisse beschränken sich auf Phrasen und Wörter, die er irgendwo aufgeschnappt und in einem kleinen Büchlein vermerkt hat, ohne dass er sich über deren Bedeutung stets im Klaren ist. Die schmächtige Quasselstrippe und Frohnatur geht den beiden Zellengenossen zunächst gehörig auf die Nerven.
Die Zeit schlagen die drei Häftlinge teils mit Kartenspielen tot. Durch sein lebensbejahendes Temperament bricht Roberto respektive Bob allmählich das Eis zwischen den beiden in Coolness Erstarrten: Lurie alias Jack, der das eine oder andere Mal Bogart und Belmondo zitiert, indem er sich mit dem Finger über die Oberlippe streicht, und der Underground-Barde Waits, der zum Zeitpunkt des Films längst eine Kultfigur war, als Zack, dem seine Schuhe zu wertvoll sind und der mit einer Limousine durch die Nacht fährt.
Benigni bricht das Eis
Jack und Zack können es kaum glauben, als ihnen Roberto den Grund für seine Inhaftierung verrät. Besonders anschaulich schildert er den Streit mit einem Kartenspieler, den er übers Ohr gehauen hat. Er erzählt, wie der erboste Kartenspieler mit Billardkugeln nach ihm warf. Roberto hat sich zu wehren gewusst und kontra gegeben: „You throw ball against me, I throw ball against you.“ Er hat seinen Gegner mit der schwarzen Acht – „number eight, very good ball“ – auf die Stirn getroffen: „Taa! Toom! Kaa! Dead!“
Roberto ist ein komischer Kauz – und Träumer: An die Zellenwand zeichnet er mit Kreide ein Fenster. Zum Erstaunen seiner Zellengenossen hat er auch eine Idee für einen Ausbruch. Tatsächlich gelingt den drei Männern die Flucht. Die wird allerdings ausgespart. „We have escaped! Like in American movies“, sagt Roberto, der das Glück kaum fassen kann. Doch ihnen steht noch eine Odyssee durch die Sümpfe von Louisiana bevor. Schließlich gelangen sie zu „Luigi’s Tin Top“, einem Diner im Nirgendwo.
Roberto verliebt sich prompt in die Besitzerin Nicoletta, gespielt von Benignis späterer Ehefrau Nicoletta Braschi. Er bleibt im Glauben, seine große Liebe gefunden zu haben. Jack und Zack ziehen weiter und trennen sich an einer Weggabelung. Es scheint, als stünden sie sich immer noch argwöhnisch gegenüber. Doch ihnen gelingt eine Geste des Vertrauens: Bevor sie sich endgültig trennen, tauschen sie ihre Jacken.
„Neo-beat-noir-comedy“
Jim Jarmusch hat seinen Film, gedreht in Schwarz-Weiß, als „neo-beat-noir-comedy“ charakterisiert. In seinen Anfangsjahren war er noch gezwungen, ohne festes Budget zu drehen. Die Dreharbeiten musste er oft unterbrechen, um Geld zu beschaffen. Jarmusch machte daraus eine dramaturgische Tugend, war aber von Anfang an auf starke Schauspieler angewiesen. Im Falle von „Down by Law“ waren dies der wie aufgedreht wirkende Benigni, der coole Lurie und der eigenbrötlerische Waits.
Daraus wurde eine schreiend komische Mischung: Roberto ist unschuldig wie ein Kind, unbekümmert und aufrichtig wie ein Narr und naiv in einer gänzlich fremden Welt. Im Gegensatz zu Jack und Zack, den eigentlichen Verlierern im System, scheint er jedoch „alles im Griff“ zu haben. Selbst in den Sümpfen beherrscht er die Kunst des Inszenierens, als er dem geflohenen Trio ein Kaninchen grillt, und im Labyrinth der Sumpflandschaft, in der sie mit dem Boot im Kreis rudern, stellt er das ruhende Zentrum dar.
Während Jack und Zack in ihrer Muttersprache die Kommunikation misslingt, bringt Roberto in der ihm so fremden Sprache alles stets auf den Punkt, zum Beispiel die Enge im Gefängnis: „Not enough room to swing a cat.“ Enge herrscht in vielerlei Hinsicht, sowohl bei Innen- als auch bei Außenaufnahmen in New Orleans und den Sümpfen Louisianas. Die Kamera des Niederländers Robby Müller bleibt zumeist statisch. Auf Großaufnahmen wird weitgehend verzichtet, auf Zwischenschnitte gänzlich, und lange Einstellungen enden mit starken Abblenden.
Der Film beginnt mit einem Leichenwagen. Kamerafahrten, begleitet von Waits’ Song „Jockey full of Bourbon“ und brodelnden Trommeln, werfen einen nostalgischen Blick auf die marode Szenerie und typische Architektur der Stadt, die der Schriftsteller William S. Burroughs einmal als „totes Museum“ bezeichnete. Die Parallelfahrt entlang der Straßen und Flussufern, Veranden und Balkons erzeugt zusammen mit der Musik eine traumschwere und poetische Atmosphäre. Nicht zufällig begeistert sich Roberto für die Gedichte von Walt Whitman und zitiert aus dessen „Leaves of Grass“. Unter den Figuren, die stets in ihrer Welt gefangen bleiben, gelingt am Ende wohl nur Roberto der eigentliche Ausbruch.
It’s a sad and beautiful world
Roberto/Bob
„It’s a sad and beautiful world“ lautet das Fazit einer märchenhaften Schwarz-Weiß-Komödie mit einer simplen, nicht sehr originellen Geschichte in einer desolaten Welt. Anfangs erweckt der in drei Teile gegliederte Film noch den Eindruck eines Film Noir, denn der erste in den Straßen des verfallenen New Orleans lässt aufgrund von Szenerie und Figuren ganz darauf schließen, ebenso der Mittelteil im Gefängnis und der Morast der Sumpflandschaft im dritten.
Schwarz-Weiß ist wie ein Gedicht, überflüssige Worte gibt es nicht
Robby Müller
Kameramann
Auch später verwendet der Regisseur Schwarz-Weiß als Stilmittel, in „Dead Man“ (1995). Dazu ließ sich Kameramann Robby Müller, der zuerst nicht in Schwarz-Weiß drehen wollte, vom Regisseur überzeugen: „Schwarz-Weiß ist wie ein Gedicht, überflüssige Worte gibt es nicht. Oft wird im Farbfilm Information vermittelt, die für die Geschichte unwichtig ist.“ Schließlich gab er zu, dass „Down by Law“ in Farbe nicht funktioniert hätte. Dies hätte von den Figuren abgelenkt und den Film zerstört, der in den USA ambivalent, in Deutschland und Frankreich aber teils begeistert aufgenommen wurde.

Jim Jarmusch Foto: IMDb
Nach dem Erstlingswerk „Permanent Vacation“ (1980) und dem Roadmovie „Stranger Than Paradise“ (1984) ist der Film für Jarmusch der Durchbruch über die Independent-Szene hinaus. Stets hat der aus Ohio stammende Filmemacher, der zuerst Dichter werden wollte, nach Paris ging, bevor er in New York bei Nicholas Ray Film studierte, Neues ausprobiert: seien es Episodenfilme wie seine ersten beiden Farbfilme „Mystery Train“ (1989) und „Night on Earth“ (1991) oder Western wie „Dead Man“, eine Musikdoku („Year oft he Horse“, 1997) oder ein Gangsterfilm („Ghost Dog“, 1999), vom tragikomischen Roadmovie wie „Broken Flowers“ (2005), dem Thriller „The Limits of Control“ (2009) nach einem Essay-Titel von Burroughs, dem romantischen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ (2013) bis hin zur Horrorkomödie und Zombiefilm-Hommage „The Dead Don’t Die“ (2019).
Jedes Mal durchbricht Jarmusch das Muster eines Genres und verändert es in einem „höchst poetischen Spiel“, wie der Filmkritiker Georg Seeßlen angesichts von „The Limit of Control“ schrieb. Dies gilt nicht zuletzt für seinen jüngsten Streifen, die Tragikomödie „Father Mother Sister Brother“ (2025), für den er in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde – aber auch für den vom Autor dieser Zeilen als einer der schönsten Filme der vergangenen zehn Jahre betrachteten „Paterson“, der vom Leben eines Busfahrers und seiner Frau handelt: eine Liebeserklärung ans Schreiben, eine Hommage an die Poesie. Seine Helden oder Anti-Helden sind Träumer. Sie wirken verloren, aber ganz verloren sind sie nie.