„Vampire sind facettenreiche Figuren“

Isabelle Huppert über ihren neuen Film „Die Blutgräfin“ – und ihre Karriere

Sie kommt mit dem TGV aus Paris, zur Begeisterung der SNCF-Schaffner. Isabelle Huppert, die beste Schauspielerin Frankreichs, vielleicht sogar der Welt, ist in der Stadt. Am Abend wird ihr neuer Film „Die Blutgräfin“ das Luxembourg City Film Festival beschließen, Huppert selbst wird mit dem Talent Award ausgezeichnet. Am Mittag aber bleiben zehn Minuten für ein Gespräch mit dem Tageblatt.

Fast fünf Jahrzehnte Schauspielkunst und eine nahezu makellose Rollenbiografie: Isabelle Huppert

Fast fünf Jahrzehnte Schauspielkunst und eine nahezu makellose Rollenbiografie: Isabelle Huppert Foto: AFP

Tageblatt: Gibt es einen bestimmten Vampirfilm oder eine Vampirfigur aus der Filmgeschichte, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Isabelle Huppert: Ich bin keine große Expertin, was Vampirfilme angeht. Was aber, glaube ich, nicht so schlecht war, weil ich mich diesem Film so mit einer gewissen Naivität genähert habe. Ich hatte keine Muster im Kopf. Einen Vampirfilm zu machen, das schürt natürlich Erwartungen in den Köpfen der Leute.

In der Filmgeschichte gibt es zwei wichtige Vampirtraditionen: Nosferatu und Dracula. Nosferatu ist der personifizierte Tod, er bringt Ratten und die Pest in die Stadt. Dracula hingegen hat mehr erotische Elemente, er ist ein Verführer. Wo sehen Sie die Gräfin Báthory in dieser Tradition?

„Die Blutgräfin“ navigiert zwischen diesen beiden Bildern. Der Ton des Films ist sicherlich eher barock. Es ist keine Komödie, aber es gibt bestimmte Überzeichnungen und Übertreibungen. Der Film ist theatral. Ganz sicher nicht gruselig.

Zur Person

Isabelle Huppert, geboren am 16. März 1953 in Paris, zählt zu den berühmtesten Schauspielern des französischen Kinos. Sie hält den Rekord mit insgesamt 16 César-Nominierungen und wurde zweimal in Cannes ausgezeichnet. Die New York Times hat sie auf Platz zwei der besten Schauspieler des 21. Jahrhunderts gewählt. Huppert hat nicht nur mit den bekanntesten Regisseuren ihrer Heimat gedreht (Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, François Ozon), sondern auch in Europa, den USA und Asien. Ihre außergewöhnliche Rollenauswahl und ihre ununterbrochene Arbeit über beinahe fünf Jahrzehnte sucht weltweit ihresgleichen. Zu den vielen Höhepunkten ihrer Karriere zählen unter anderem „Heaven’s Gate“ (1980, Michael Cimino), „La Cérémonie“ (1995, Claude Chabrol), „La Pianiste“ (2001, Michael Haneke) und „Elle“ (2016, Paul Verhoeven).

Es gibt aber düstere Elemente, etwa die Szene, in der Sie in Wien ankommen und mit Ihrer Kutsche an der Pestsäule vorbeifahren. Das lässt einen schon schaudern.

Das stimmt. Aber das Ziel ist nicht, die Leute zu erschrecken. Da hat Ulrike Ottinger eine andere Herangehensweise gewählt. Das gibt dem Film seine Persönlichkeit.

Liegt in der Balance zwischen Eros und Thanatos der Reiz, eine Vampirgräfin zu spielen?

Ja, Vampire sind facettenreiche Figuren. Das gibt einem als Schauspielerin viel Freiheit. Leute schauen die Gräfin auf eine bestimmte Weise an, obwohl sie nie wirklich angsteinflößend ist. Aber dennoch gibt es diese andere Welt. Die Art und Weise, wie Wien gezeigt wird, ist morbide. Man kann die Anwesenheit des Todes spüren, die ganze Zeit. Deshalb wollte Ulrike Ottinger den Film unbedingt in Wien drehen.

Müssen Sie mit einer Figur auf einer persönlichen Ebene eine Verbindung aufbauen können, um sie verkörpern zu können?

Nein. Und noch weniger bei einer Figur wie dieser. Der Ton ist nicht sehr natürlich. Ich habe von Beginn an diese theatrale Richtung gewählt. Vielleicht, um jede Psychologisierung zu vermeiden, jede Sentimentalität. Es ist schon fast „Overacting“. Das war gar keine Diskussion, sondern eine instinktive Entscheidung von mir. Vielleicht auch wegen der Kostüme oder wegen des zeitlosen Settings des Films. Und auch die anderen haben sich für diese Art von Übertreibung im Spiel entschieden.

Sie haben in Ihrer Karriere in vielen Genrefilmen gespielt. Machen Sie als Schauspielerin einen Unterschied zwischen Genre und Arthouse?

Ich weiß, was sie meinen. Aber ich glaube nicht, dass das die Art und Weise bestimmt, wie ich spiele. Natürlich nähert man sich unterschiedlichen Atmosphären unterschiedlich an. Ich versuche, Filme so unterschiedlich wie möglich zu gestalten. Aber Genre ist eine künstlerische Entscheidung, die dem Regisseur gehört; sie hat nicht wirklich Einfluss auf das Schauspiel.

Sie haben mit vielen berühmten männlichen Regisseuren zusammengearbeitet, die als Autorenfilmer eine eigene „vision du monde“ haben: Godard, Chabrol, Cimino, Haneke. Führt eine Autorenfilmerin wie Ulrike Ottinger anders Regie? Oder ist es weniger eine Frage des Geschlechts als vielmehr der Persönlichkeit?

Das ist eine Frage, auf die es mir schwerfällt, eine Antwort zu finden. Frauen und Männer führen Regie auf so unterschiedliche Weise, wie es eben Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Aber was ich sicherlich nicht sagen kann: Ja, die Regisseurin ist eine Frau, das macht alles so viel einfacher. Im Kern geht es darum, ob man ein wahrer Filmemacher ist, unabhängig davon, ob Mann oder Frau. Für mich macht das keinen drastischen Unterschied.

Isabelle Huppert (l.) mit ihrer Schauspielkollegin Emmanuelle Béart bei der Preisverleihung. Zusammen standen sie u.a. 2002 in François Ozons „8 femmes“ vor der Kamera.

Isabelle Huppert (l.) mit ihrer Schauspielkollegin Emmanuelle Béart bei der Preisverleihung. Zusammen standen sie u.a. 2002 in François Ozons „8 femmes“ vor der Kamera. Foto: Margaux Gatti, Luxembourg City Film Festival

Wie lief die konkrete Zusammenarbeit mit Ulrike Ottinger und dem deutschsprachigen Cast? War der Dreh so mehrsprachig wie der fertige Film?

Das ist exakt die große Frage, die ich mir vor der Arbeit an diesem Film gestellt habe. Ich habe Ulrike gefragt: Was ist mit der Sprache? Wie wird es klingen, wenn ich als Französin von so vielen deutschsprachigen Schauspielern umgeben bin? Wie wird das funktionieren? Und sie hat eine gute Lösung gefunden. Die Leute denken, ich spreche so viele Sprachen, aber tatsächlich spreche ich nur ein paar Sätze Deutsch und Birgit und Lars (Minichmayr und Eidinger, Anm. d. Red.) sprechen manchmal Französisch. Das reicht, um dem Film dieses schöne Gefühl der Mehrsprachigkeit zu geben – ohne dass das zur Last wird. Es definiert die Musik des Films, löst die Idee von Grenzen auf. An einem bestimmten Punkt vergisst man, wer Franzose ist und wer Deutscher.

Unsere Zeit ist leider um. Noch eine schnelle Frage zum Schluss: Was ist der letzte großartige Film, den Sie gesehen haben?

„One Battle after Another“. Ich wünsche ihnen viel Glück bei den Oscars am Sonntag (Anm. d. Red.: Das hat sich ausgezahlt, „One Battle“ gewann einen Tag nach dem Interview sechs Oscars, unter anderem für den besten Film).

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