Theater
Im Labyrinth der Identitäten: „Alias Anastasius“ im Kapuzinertheater
Mit „Alias Anastasius“ kommt eine ausgefallene Inszenierung des Berliner Ensembles (BE) von Regisseurin Fritzi Wartenberg nach Luxemburg, aufrüttelnd und witzig. Der Bühnentext ist inspiriert von Angela Steideles Roman „In Männerkleidern“.
Hände hoch: „Alias Anastasius“ von Matter*Verse mit dem Luxemburger Max Gindorff (r.) ist diese Woche im Kapuzinertheater zu sehen Foto: Moritz Haase
Diese Geschichte ist wahr. Sie beginnt nicht chronologisch. Sie beginnt da, wo sie enden wird: mit dem Ende Catharina Margaretha Lincks. Nach einer regelrechten Odyssee, die in Fritzi Wartenbergs fulminanter Inszenierung „Alias Anastasius“ auf eine gute Stunde gestrafft ist, wird sie/er verurteilt. Und dies von einem Richter, der schnarrende Geräusche von sich gibt. Aufgebracht ist er, ist das Volk angesichts dieses einzigartigen, „unmoralischen“ Betrugsfalls, hat Linck es doch gewagt, sich als Mann zu verkleiden und sich unter einem Männernamen mit Frauen einzulassen.
Kreatives Stück von Matter*Verse
Das auf kreative Weise geschriebene Stück des Autor:innen-Duos Matter*Verse (Marie Lucienne Verse und Selma Matter) ist inspiriert von Angela Steideles historischem Roman „In Männerkleidern“. Catharina Margaretha Linck, alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, war die letzte „als Frau gelesene“ Person, die in Europa wegen Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde. Geboren 1687, lebte Linck zwischen den Geschlechtern mäandernd unter dem Argwohn und den Augen der Gesellschaft eine Zeit lang als Soldat, später in einer Ehe mit Catharina Margaretha Mühlhahn in Halberstadt, um am Ende doch als Frau wegen „Sodomie“ zum Tode verurteilt und hingerichtet zu werden. Im Jahr 1721 wurde Linck auf dem Fischmarkt in Halberstadt mit dem Schwert geköpft, besagen historische Quellen.

Erhielt 2024 den Helene-Weige-Theaterpreis und überzeugt in „Alias Anastasius“: Max Gindorff (r.) Foto: Moritz Haase
Der nonbinären Person aus dem 17. Jahrhundert nähert sich Fritzi Wartenbergs Inszenierung, die in der Nachwuchsreihe „WORX“ des Berliner Ensembles (BE) entstanden ist, zunächst behutsam, doch schnell nimmt die Inszenierung Fahrt auf und die Zuschauer:innen werden hineingezogen in einen Strudel. Ihr/sein ungeheuerlicher Lebensweg erinnert an einen Schelmenroman: Mehrfach soll sie/er die Identität gewechselt haben. Nach einer Kindheit im Waisenhaus soll sie sich eine Weile als Anastasius Lagrantinus Rosenstengel mal als Prophet, mal als Musketier im Spanischen Erbfolgekrieg, mal Hunger leidend durch Europa wandernd durchgeschlagen haben.
Catharina/Anastasius lebte in einer Zeit, in der es noch keinerlei Begriffe zur Bestimmung von von der Norm abweichenden Geschlechtsmustern gab. So wurde sie/er schlicht als „Frau in Männerkleidern“ wahrgenommen und als solche von der Gesellschaft stigmatisiert.
Helene-Weigel-Theaterpreis für Wartenberg und Gindorff
„Alias Anastasius“ ist nach „The Writer“ (2022) die zweite Regiearbeit der Österreicherin Fritzi Wartenberg. Ihre Regiearbeiten fallen nicht nur wegen ihrer entstaubten, zeitgemäßen Interpretationen aus dem Rahmen, sondern wirken zudem stets wie kollaborativ-partizipative Produktionen – keine Spur vom autoritären Gebaren gestriger männlicher Regie-Größen. 2023 erhielt sie den Helene-Weigel-Theaterpreis, 2025 den Kurt-Hübner-Regiepreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste der Stadt Bensheim, der seit 1991 an junge Regisseur:innen vergeben wird.
Catharina wird von Via Jikeli gespielt, die Entwicklung hin zu Anastasius veranschaulicht eindrücklich Max Gindorff. Der Luxemburger Schauspieler, geboren 1994 in Beles, hat am Max-Reinhardt-Seminar in Wien Schauspiel studiert und ist nach Stationen am Münchner Residenztheater und am Burgtheater in Wien seit der Spielzeit 2023/24 am Berliner Ensemble engagiert, wo er 2024 ebenfalls den Helene-Weigel-Preis erhielt. Auf der Leinwand war er unter anderem in Loïc Tansons feministischen Western „Leif a Séil“ (2023) und in der Serie „Capitani“ zu sehen.
In der gewitzten Inszenierung Wartenbergs werden Daten und Berichte einordnend eingestreut, satirische Gesangseinlagen lockern das Stück auf. Doch insgesamt tragen beide Schauspieler:innen durch ihre starke Präsenz und ihr nuanciertes Spiel den Abend.
Durch ein flauschiges Dickicht – wie auf Wolken
Bereits das Bühnenbild (Ausstattung: Rosa Wallbrecher) lässt einen staunen. Der kleine Raum der ursprünglichen Werkbühne im BE wie auch der Text von Matter*Verse bieten viel Raum für Durchlässiges! Flauschig und elastisch wie die genderfluiden Held:innen des Stücks schieben sich Gindorff und Jikeli durch das teppichartige Dickicht und wandeln mitunter wie auf Wolken. Eine Reihe von Spiegeln reflektieren zudem die Silhouetten, verdoppeln sie und erzeugen so ein Labyrinth der Identitätsfacetten.
Diesen Raum wissen die beiden Darsteller:innen zu nutzen. So ändern sie leichtfüßig die Rollen, sind mal Catherina, mal Anastasius, mimen vordergründig herrisch stampfend heteronormative Figuren, um diese Männerbilder gleich wieder witzig-überdreht zu durchbrechen.
Zum Stück
„Alias Anastasius“ von Matter*Verse. Regie: Fritzi Wartenberg. Dramaturgie: Clara Topic-Matutin. Mit: Max Gindorff, Via Jikeli. Ausstattung: Rosa Wallbrecher; Musik: Fabian Kuss; Licht: Leonard Nickel. Mit: Max Gindorff, Via Jikeli. Eine Produktion des Berliner Ensemble. Am 24. und 25. März, um 19.30 Uhr im Kapuzinertheater. Dauer: 1h15 (keine Pause).
Überaus komisch und anrührend zugleich, wenn Via Jikeli in selbstgefällig männlicher Manier herumkrakeelt und Gindorff mit der Pistole fuchtelnd in einem Saufgelage wie das Stereotyp eines „echten Kerls“ für die Armee rekrutiert, während Gindorff im geblümten Sommerkleid, schlotternd vor Panik, seine Identität könnte auffliegen, Wasser schwitzt. Als Anastasius schließlich als „Frau“ entlarvt wird, wird Gindorff sein „fucking Blumenkleid“ wieder anziehen ... Vor Gericht wird er Ausreden stottern. Die Details, die der Richter hören will, treiben ihr/ihm die Schamesröte ins Gesicht.
„Alias Anastasius“ interpretiert die historische Figur ironisch, verspielt – aber vor allem facettenhaft. In der bemerkenswerten Inszenierung transportiert sich die Engstirnigkeit der Gesellschaft, wie die Einengung der Verhältnisse. Es wird die Einsamkeit deutlich, die Anastasius zwischen allen Stühlen wohl durchlebt hat – zwischen den Geschlechtern mäandernd, in ständiger Angst, aufzufliegen.