1.000 Autofans, Polizei machtlos
Illegales Tuning-Treffen in Wittlich: Auch Luxemburger nahmen teil
Mehr als 1.000 Autofans samt mehreren 100 Autos haben sich in der Nacht zum Sonntag auf einem Firmengelände in Wittlich versammelt. Die Polizei stand dem Mob machtlos gegenüber.
Bei dem Tuningtreffen kletterten Autofans auch auf die Trucks und das Gebäude auf dem Gelände der Spedition Foto: Trierischer Volksfreund
Feuerwerksraketen, brennende und rauchende Bengalos, dazwischen Autos mit jaulenden Motoren und quietschenden Reifen: In der Nacht auf Sonntag haben sich weit mehr als 1.000 Tuningfans im Wittlicher Gewerbegebiet getroffen. Als die Polizei anrückte, attackierten Vermummte die Beamten. Der Mob hinterließ ein Feld der Verwüstung. Das berichtet der Trierische Volksfreund am Sonntag.
Feld der Verwüstung
Offenbar war nach ersten Erkenntnissen der Polizei ein Großteil der Teilnehmer aus Belgien und Frankreich angereist. Und: „Es waren auch Luxemburger Fahrzeuge da“, wie ein Sprecher der Trierer Polizei am Montagmittag gegenüber dem Tageblatt erklärt. Ob Luxemburger auch an illegalen Aktivitäten teilgenommen hätten, sei aber noch unklar.
Die Polizei habe ein Hinweisportal online geschaltet, auf das Zeugen bereits Videos hochgeladen haben, sagt der Polizeisprecher. Unter anderem könnten Auto-Kennzeichen, die dort sichtbar sind, dann „Ermittlungsansätze“ sein. „Die Polizeien in Europa arbeiten zusammen.“
Vermummte attackieren laut Einsatzbericht die Polizei
Die Szene hatte sich offenbar heimlich zu dem Treffen auf dem Betriebsgelände einer Logistikfirma verabredet. Als am späten Abend laut Polizei wohl zwischen 200 und 400 Autos, teils im Konvoi, auf Wittlich zusteuerten, wurde die Polizei aufmerksam. Gegen 23 Uhr sammelte sich die Szene schließlich auf dem großen Firmengelände.
Als die Wittlicher Polizei mit Verstärkung der Bereitschaftspolizei anrückte, seien etliche vermummte Personen derart aggressiv den Beamten gegenübergetreten, dass der Polizeiführer den Rückzug anordnete. Im offiziellen Pressebericht spricht die Polizei davon, „attackiert“ worden zu sein. Aus Polizeikreisen heißt es, dass die Einsatzkräfte gegenüber den Szeneanhängern „in vierstelliger Zahl“ dermaßen in Unterzahl waren, dass der Einsatz abgebrochen werden musste, um Gefahren für die Polizisten zu verhindern und um das Geschehen nicht eskalieren zu lassen.
Im Hintergrund zog die Polizei anschließend weitere verfügbare Kräfte zusammen. Einheiten der Bereitschaftspolizei wurden teilweise von mehr als 100 Kilometer entfernt liegenden anderen Einsatzorten abgezogen.
Autos schlittern unmittelbar an Zuschauern vorbei
Zwischenzeitlich entfaltete das Szene-Treffen sein volles Ausmaß. Videos zeigen, wie Autos mit teils auffälligen Anbauteilen in unmittelbarer Nähe an den dichten Zuschauerreihen vorbeidriften. Im Sekundentakt schießen Feuerwerksraketen in die Höhe, explodieren und lassen Funken über die vom Motorenlärm beschallte Szenerie regnen. Aus dem Publikum – größtenteils schwarz gekleidete Männer – strecken Hunderte ihre Handys in die Höhe, um das Spektakel zu filmen.
Laut Polizei zerstörten die Szeneanhänger unter anderem Lampen, die das Gelände normalerweise beleuchten, zündeten Mülleimer an, beschädigten Fahrzeuge der Firma und auch die Schrankenanlage eines Nachbarbetriebs. Menschen seien über das Dach des Firmengebäudes und abgestellte Lkw gelaufen.
Nach Informationen des Trierischen Volksfreunds brachen Unbekannte auch zwei Linienbusse auf, die in der Nähe geparkt waren, um an die Feuerlöscher in den Bussen zu kommen – vermutlich, um in Brand geratene Reifen zu löschen.
Polizei wartet Ende des Tuningtreffens ab
Die Polizei beobachtete die Szene per Drohne aus der Luft und machte Fotos und Videos für die weiteren Ermittlungen. Auch ein Polizeihubschrauber war im Einsatz. Aus Polizeikreisen heißt es allerdings, dass der Hubschrauber nur bedingt direkt über dem Gelände fliegen konnte. Befürchtet wurde, dass aus dem Publikum Laser eingesetzt werden könnten mit dem Ziel, den Piloten zu blenden.
Ebenfalls aus Sicherheitsgründen entschied sich die Polizei dagegen, das Treffen aufzulösen, und wartete stattdessen das Ende der Veranstaltung ab. Gegen drei Uhr in der Nacht zum Sonntag war es so weit. An den Ausfallstraßen erwartete die Polizei die Abreisenden. Von den mehreren 100 Autos und den wohl mehr als tausend Teilnehmern wurden laut Polizeibericht „70 Personen und Fahrzeuge“ kontrolliert. Zwei Autos wurden sichergestellt.
Laut Polizei verliefen die Auflösung des Treffens und die Abreise zügig – vermehrt auch über die A 60 in Richtung Belgien und Nord-Luxemburg. Zu Verkehrsunfällen ist es nach Angaben der Polizei im Umfeld des Treffens nicht gekommen. Auch von Verletzten ist nichts bekannt.
Polizei setzt Drohne und Hubschrauber ein
Zurück ließ die Tuningszene ein verwüstetes Firmengelände: Dutzende schwarze Reifenspuren auf dem Asphalt, unzählige leere Getränkeflaschen und Dosen, Pizzakartons, Essensreste, Unmengen von Überresten der abgeschossenen Feuerwerkskörper und andere Hinterlassenschaften. In Hecken und Büschen zurückgelassene Reifen, teilweise zerfetzt und zerfleddert. Auch ein offenbar nicht mehr fahrbereites Auto hat die Szene laut Polizei einfach stehen lassen.
Am frühen Sonntagmorgen nahm die Wittlicher Kriminalpolizei die Spurensicherung auf. Markante Reifenspuren, eventuell Fingerabdrücke, Reste von in Deutschland möglicherweise nicht erlaubten Feuerwerkskörpern wurden gesichert. „Aufwendig, kleinteilig und schwierig“ seien nicht nur die Spurensicherung, sondern vermutlich auch die weiteren Ermittlungen, heißt es aus Polizeikreisen.
Ob die nächtlichen Drohnenvideos, die Ergebnisse der 70 Personen- und Fahrzeugkontrollen und das Material, das die Polizei sonst noch für ihre Ermittlungen zusammenträgt, tatsächlich zu den konkret Verantwortlichen für die Sachbeschädigungen, den Hausfriedensbruch, die möglichen Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und das aggressive Auftreten gegenüber der Polizei führen werden, ist ungewiss.