Fokus statt Dauerstress

IGP-Sport kann hyperaktiven Hunden zur inneren Ruhe verhelfen

Während viele Halter versuchen, die Hyperaktivität ihres Hundes durch rein körperliche Auslastung zu bändigen, zeigt der strukturierte Gebrauchshundesport, dass wahre Ruhe erst durch mentale Führung und gezielte Trieblenkung entsteht. Der erfahrene Hundetrainer und internationale IGP-Richter Jos Patrissi erläutert dem Tageblatt, wie Disziplin und eine klare Aufgabenstellung selbst aus nervösen Energiebündeln fokussierte, ausgeglichene Partner machen.

Jos Patrissi, IGP-Trainer, mit seiner sechsjährigen Malinois-Hündin Prischka auf dem Hundesport-Übungsplatz in Gasperich

Oft reicht ein Blick: Jos Patrissi, IGP-Trainer und Präsident des Hundesport- und Dressurvereins Gasperich, auf dem Übungsplatz mit seiner sechsjährigen Malinois-Hündin Prischka Foto: Deborah Rimi

Tageblatt: Warum ist IGP weit mehr als nur Diensthundetraining?

Jos Patrissi: Die Internationale Gebrauchshundeprüfung (IGP) vereint Fährte (A), Unterordnung (B) und Schutzdienst (C). Als global anerkannter Sport basiert sie auf Präzision, mentaler Stabilität und Teamarbeit. Während Diensthunde auf Einsatzszenarien vorbereitet werden, liegt der Fokus im IGP-Sport auf der exakten, harmonischen Ausführung und einer perfekten Triebkontrolle unter höchster Konzentration.

Warum ist IGP gerade für hyperaktive Hunde oft die Rettung?

Hyperaktivität entspringt oft mentaler Unterforderung. Der Sport bietet einen festen Rahmen und schult gezielt die Impulskontrolle. Der Halter lernt, seinen Vierbeiner verlässlich zu führen, was dem Tier jederzeit die nötige Sicherheit gibt. Statt bloßem Auspowern setzen wir auf die bewusste Kanalisierung von Energie und Fokus.

Wie bringt man einem leicht ablenkbaren Hund bei, in dieser dynamischen Sportart den Fokus zu behalten?

Durch ein präzises Bestätigungssystem erfährt der Vierbeiner, dass sich die Aufmerksamkeit auf den Halter lohnt. Dieses verlässliche Regelwerk bietet nervösen Hunden einen mentalen „Anker“. Wer auf dem Platz trainiert, Reizen standzuhalten, bleibt auch im Alltag fokussiert und lässt sich durch äußere Einflüsse nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Genau diesen Gehorsam im exakten Zusammenspiel von Fußarbeit und Apport schult die Abteilung B.

Prischka konzentriert beim Apportierholz-Lauf im Hundetraining mit Fokus und Freude

Prischka zeigt beim Lauf mit dem Apportierholz höchste Konzentration Foto: Deborah Rimi

Ein großes Problem ist das fehlende „Aus-Signal“ im Gehirn. Wie trainiert man den Wechsel von Hochspannung zur Entspannung?

Das ist der Kern der Triebkontrolle. Der Hund lernt, zwischen intensiver Arbeitskonzentration und echter Freizeit zu unterscheiden. Selbst wenn er in der Übung äußerlich ruhig verharrt, bleibt er mental hochaufmerksam. Nach der Einheit folgt das bewusste Herunterfahren – ein essenzieller Lerneffekt für Vierbeiner, die von sich aus kaum zur Ruhe finden.

Warum sorgt konzentrierte Fährtenarbeit für eine tiefere Zufriedenheit als ein klassisches Apportierspiel?

Ein Ballspiel schüttet pures Adrenalin aus; der Hund fährt hoch, aber mental kaum runter. In der Fährte muss er mit tiefer Nase über lange Zeit konzentriert und eigenständig eine Spur verfolgen. Diese enorme kognitive Anstrengung ermüdet den Geist nachhaltig und sorgt für echte innere Ausgeglichenheit. In der Ruhe der Suche liegt hier die Kraft.

Da sich Unsicherheit oder Nervosität des Halters unmittelbar auf den Vierbeiner übertragen, ist emotionale Stabilität der Schlüssel. Ein souveräner Mensch schafft einen stabilen Hund – im Sport wie im Alltag.

Außenstehende assoziieren den Schutzdienst oft mit Aggression. Wie trägt gerade Abteilung C zur inneren Stabilität des Hundes bei?

Im Schutzdienst steht kontrollierte Triebarbeit im Mittelpunkt. Sporthunde arbeiten nicht aus Aggression, sondern rein über den Beutetrieb – das Ziel ist immer der Schutzärmel des Helfers, nie der Mensch. Der Hund lernt, in absoluten Hochstress-Situationen ansprechbar zu bleiben und Kommandos sofort auszuführen. Diese präzise Trieblenkung schafft eine enorme innere Festigkeit und Souveränität, die weit über den Platz hinausgeht.

Inwiefern muss sich der Mensch ändern, damit sein Hund zum ruhenden Pol wird?

IGP erfordert enorme Selbstbeherrschung. Da sich Unsicherheit oder Nervosität des Halters unmittelbar auf den Vierbeiner übertragen, ist emotionale Stabilität der Schlüssel. Ein souveräner Mensch schafft einen stabilen Hund – im Sport wie im Alltag. Durch diese gemeinsame Arbeit wächst das gegenseitige Verständnis und die Bindung festigt sich zu einer harmonischen Partnerschaft auf Augenhöhe.

Für welche Rassen ist IGP geeignet?

IGP ist anspruchsvoll und daher nicht für jeden Hund geeignet. Die Weltorganisation der Kynologie FCI („Fédération cynologique internationale“) legt fest, welche Rassen prüfungsberechtigt sind; Charakterfestigkeit und Gesundheit sind dabei Grundvoraussetzung. Aggressives Verhalten führt zum Ausschluss. Ist ein Vierbeiner jedoch lediglich aufgrund mangelnder Führung schwer zu bändigen, bietet das Training oft den entscheidenden Schritt zu echter Kontrolle und Harmonie.

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