Vinophile Rarität
Güldener Schluck Glückseligkeit: Vinsmoselle keltert „Vin de paille“ aus der 2023er-Lese
Dienstagmorgen, 8.30 Uhr: Wir fahren entlang der Luxemburger Mosel, die kahlen Weinberge sind in einen milchigen Nebelschleier gehüllt. Unser Ziel: die „Caves de Wellenstein“ der Domaines Vinsmoselle. Hier wird ein „Vin de paille“, also ein Strohwein, frisch gekeltert und das Tageblatt ist exklusiv dabei.
Ein „Vin de paille“ ist eine ausgesprochene Rarität im Portfolio der Genossenschaftskellerei Foto: Herbert Becker
Wir werden empfangen vom Technischen Direktor Bernd Karl, Kellermeister Matthias Lambert sowie Marketing-Managerin Michèle Hentzen. Am 26. September, erklärt Matthias Lambert, wurde das exklusive Lesegut zum Trocknen eingelagert. Ein Mindestmostgewicht von 80° Oechsle ist Voraussetzung für ein gutes Resultat. Mindestens zwei Monate müssen die Beeren, die jetzt Rosinen gleichen, getrocknet werden. Sie lagern in speziell angefertigten Kunststoffboxen mit Lochmuster. Die Boxen stehen während dieser Zeit in einem wohltemperierten Raum und durch die ständige Luftzufuhr per Ventilatoren wird den Trauben das Wasser entzogen.
Sowohl die Lese als auch das komplette Herstellungsverfahren gestaltet sich hierbei sehr aufwändig. Die Winzer achten bei der Ernte im Besonderen darauf, dass nur absolut gesundes Lesegut in die Boxen kommt und in die Kellerei geliefert wird.
Bei der handverlesenen Arbeit wird penibel darauf Wert gelegt, dass keine Beeren, die schon einen Fäulnisgrad haben oder überreif erscheinen, mit in die Charge geraten. Derlei Exemplare würden gleich die Fliegen anlocken und somit eine ganze Box in kürzester Zeit unbrauchbar machen.
Die Mostwaage zeigt 199° Oechsle
1.400 kg Rieslingtrauben haben die Genossenschaftswinzer für die exklusive Pressung eingeliefert. In den Vorjahren presste die Kellerei auch Strohweine aus Gewürztraminer oder Auxerrois, das war in diesem Jahr nicht möglich. Der passionierte Liebhaber dieses ausgesprochenen Dessertweines nimmt jedoch auch gerne die Königin der Reben.
Zwei Kellereimitarbeiter füllen dann die Trauben in die moderne Kelteranlage, mit Spannung und erwartungsvoll wartet man auf die finale Anzeige der Mostwaage.
Stolzes Ergebnis: Die Mostwaage zeigte 199° Oechsle nach der Pressung Foto: Herbert Becker
Damit man eine ungefähre Vorstellung von dem hat, was im kommenden Sommer in die 0,375-Liter-Flaschen gefüllt wird, öffnet Bernd Karl eine Flasche aus dem Jahrgang 2020 zur Verkostung. Goldgelb zeigt sich das edle Nass im Glas und entzückt Zunge und Gaumen mit einem ausgewogenen Süße-Säure-Spiel. Konzentrierte Frucht umschmeichelt die Zunge, die Nase nimmt Aromen von Zitrusfrüchten, Passionsfrucht und kandierter Ananas wahr. Köstlich!
Der entscheidende Moment wird um exakt 10.24 Uhr auf der elektronischen Mostwaage angezeigt: 199° Oechsle. Die Protagonisten sind begeistert. Die Mitarbeiter füllen je eine Mostprobe für das eigene Labor sowie für das Weinbauinstitut in Remich in kleine Flaschen und offerieren einen ersten Schluck des süßen Mostes. 200 Liter, das bedeutet ca. 600 Flaschen, ergibt die Pressung und der geneigte Weinfreund sollte sein Kleinod nach dem Kauf im nächsten Sommer gerne ein oder zwei Jahre in der Flasche weiter reifen lassen, um die perfekte Geschmacksharmonie zu erreichen.
Bis dahin kann man in den Shops der Domaines aber noch die Jahrgänge 2018, 2020 oder 2021 für die bevorstehenden Festtage erwerben.