„Den ale Cercle“ in Luxemburg-Stadt

Glanz, Genuss und Geschichte: Das verschwundene Herz der place d’Armes

Die Geschichte des Cercle-Cité wird meist vom heutigen Gebäude aus beschrieben – dabei gerät der Vorgängerbau leicht in Vergessenheit. Dieses Gebäude jedoch, das zwischen 1830 und 1902 das Gesicht der place d‘Armes prägte, erzählt ein ebenso bewegtes Kapitel Luxemburger Stadtgeschichte.

Historische Schwarzweißaufnahme der Plëss im Jahr 1895 mit traditioneller Architektur und Umgebung

Die „Plëss“ im Jahr 1895 Foto: © Inconnu_1895_01_0229 / Photothèque de la Ville de Luxembourg

Seinen Ursprung hat der „Cercle“ im Jahr 1826 mit der Gründung des Cercle littéraire. Nur wenige Jahre später, 1830, erwerben einflussreiche Stadtvertreter mehrere Häuser zwischen der rue Genistre und der rue du Curé und lassen dort unter der Leitung des Stadtarchitekten Dagobert Chauchet ein neues Gebäude errichten. Der Zeitpunkt ist heikel: Der Grundstein wird am 28. Juni 1830, kurz vor Ausbruch der Belgischen Revolution, gelegt. Entsprechend den Satzungen des Cercle littéraire fällt das Projekt ambitioniert aus – mit großen Sälen, zwei Stockwerken und weitläufigen Kellern.

Doch die politischen Umbrüche und finanzielle Probleme setzen dem Verein rasch zu. Der Cercle littéraire löst sich auf, das Gebäude wird vermietet. Ab 1850 nutzt die Stadt erste Räume für Musikunterricht und Veranstaltungen.

Ein Wendepunkt folgt 1855: Die Stadt Luxemburg erwirbt das Gebäude und entwickelt es zu einem vielseitigen Ort zwischen Bildung, Unterhaltung und Gastronomie.

Werbeplakat für Konzert im Faber-Restaurant 1897 mit Veranstaltungsdatum und musikalischer Atmosphäre

Werbeplakat für ein Konzert im Faber-Restaurant 1897 Foto: © Quelle unbekannt / photothèque de la Ville de Luxembourg

„Gréitchen“ in der Männerwelt

Nach dem Abzug der preußischen Garnison 1867 beginnt eine neue Phase: Marguerite Faber mietet das Haus für zehn Jahre und eröffnet hier ihr „Restaurant Faber“, liebevoll „Beim Gréitchen“ genannt. Mit unternehmerischem Geschick macht sie das Haus zu einer festen Größe im städtischen Leben. Nach ihrem Tode 1884 übernimmt ihr Neffe Jean Lentz das Unternehmen und erweitert das Gebäude um ein weiteres Stockwerk.

Unter seiner Leitung entwickelt sich das Haus zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt. Der Cercle musical richtet sich hier ein; Lentz lässt den Veranstaltungssaal mit Gold tünchen. Es wird Luxemburgs eigentlicher Konzertsaal mit hohem internationalem anspruchsvollem Programm. Doch die Zeit des alten Gebäudes ist begrenzt: 1901 verkauft Lentz es an die Stadt zurück, wenig später wird es abgerissen.

Warum die Stadt den „Cercle“ niederriss

Der Cercle-Neubau der Stadtverwaltung entspricht einer Notwendigkeit. Das Stadthaus beherbergt die Gemäldesammlung und erweist sich als zu klein für die Stadtverwaltung. Die Handwerkerschule benötigt die gesamte Fläche der ehemaligen Artilleriekasernen. Die Stadt muss das Areal freigeben. Für die geplante Musikschule muss die Stadt Räumlichkeiten vorsehen. Die Stadt braucht weiterhin ein Ballhaus. Die Regierung überlässt der Stadt die ehemalige Hauptwache der Festung, welche an den Cercle-Bau grenzte.1902 fällt die Entscheidung: Die alten Gebäude weichen, die place d’Armes soll ein modernes, urbanes Gesicht erhalten.

Haptwuecht Festumzug am Paradeplatz Zürich im Jahr 1900 mit historischen Trachten und Festwagen

Die „Haaptwuecht“ am Paradeplatz 1900 Foto: © Fischer_Batty_1900_01_0326 / photothèque de la Ville de Luxembourg

Bester Tipp im Reiseführer

Bis dahin aber pulsiert im „Cercle“ das Leben. Das Restaurant Faber ist weit mehr als ein gastronomischer Betrieb: Es ist Treffpunkt für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Hier speisen Stammgäste, tagen Aktionäre, treffen sich Vereine. Die Küche genießt einen ausgezeichneten Ruf, die Weinkarte ist breit, das Publikum international. Das Haus wird in den Reiseführern von Joanna (Hachette) und J.P. Biermann (Guide à travers les beautés pittoresques de la ville de Luxembourg) lobend erwähnt.

Luxemburgs Konzerthaus

Gleichzeitig ist das Haus ein Ort für alle. Bälle, Konzerte, Tanzkurse und Ausstellungen ziehen ein breites Publikum an und machen den „Cercle“ zu einem beliebten Treffpunkt der Luxemburger Bevölkerung.

Vor allem aber prägt er das kulturelle Leben der Stadt. Konzerte, Opern und Uraufführungen stehen auf dem Programm, lokale und internationale Künstler geben sich die Klinke in die Hand.

Zur Zeit der Festung, im Dezember 1851, gab Elodie Vaillant, Preisträgerin des Pariser Konservatoriums, ein Vokal- und Instrumentalkonzert im großen Saal des ehemaligen Cercle littéraire. 1854 präsentierten dort – noch zu Zeiten des Cercle littéraire – der Cercle musical und die Société philharmonique das Stabat Mater von Rossini sowie das Lied von der Glocke von Romberg.

Kurz vor dem Erwerb des Gebäudes durch die Stadt führte die Turngesellschaft GYM am 15. Februar 1855 die Komödie „De Scholtschein“ von Edmond de la Fontaine, genannt Dicks, auf, der 1848 Mitbegründer dieser Gesellschaft gewesen war. Bis 1863 feierten weitere Stücke von Dicks – darunter „De Koseng“, „d’Mumm Sèss“, „De Ramplassang“ und „d’Kirmesgäscht“ – im alten Cercle ihre Uraufführung.

Im März 1862 wurde im Cercle der Gesangverein Harmonie gegründet, der dort über mehrere Jahre hinweg ein anspruchsvolles Programm bot. Am 25. April 1863 spielte Clara Schumann-Wieck, die Witwe des Komponisten Robert Schumann, für die Gesangsgesellschaft Sang a Klang unter der Leitung von Laurent Menager, Professor an der Musikschule. 1866 wurde die Oper „Die doppelte Belagerung von Luxemburg“ von Jean Antoine Zinnen, Direktor der Luxemburger Musikschule und Komponist der „Hémecht“, im „Cercle“ aufgeführt.

Als Marguerite Faber den Saal 1868 übernahm, war bereits beschlossen, die ehemalige Kapuzinerkirche in ein Stadttheater umzuwandeln. Diese Nutzung wurde durch den Abzug der preußischen Garnison ermöglicht, da das Gebäude zuvor als Mehldepot gedient hatte. Der Staat überließ es der Stadt und der provisorisch eingerichtete Saal konnte am 15. Februar 1869 in Anwesenheit von Prinz Heinrich eingeweiht werden.

Werbeplakat zur Wiedereröffnung des Faber-Restaurants mit modernem Design und einladender Botschaft

Werbeplakat zur Wiedereröffnung des Faber-Restaurants Foto: © Quelle unbekannt / photothèque de la Ville de Luxembourg

1875 wurde auf der place d’Armes der erste Musikpavillon errichtet, der es Amateurorchestern erlaubte, öffentlich und kostenlos aufzutreten. Fortan diente der große Saal im „Cercle“ vor allem für hochwertige instrumentale und vokale Konzerte. Wie in großen Konzertsälen im Ausland wurden während der Aufführungen die Türen geschlossen. Die Klaviere wurden entweder bei Guillaume Somps, der auch Noten verlegte, oder bei Jean Kleber gemietet.

Die von verschiedenen Musikgesellschaften – wie dem Cercle musical, der Société de musique, der Société philharmonique, der großherzoglichen Fanfare Concordia oder der Harmonie – organisierten Konzertabende brachten zahlreiche internationale Künstler nach Luxemburg: Musiker des kaiserlichen Hofes von Wien, Solisten aus Italien, Vertreter des Berliner Konservatoriums, der Oper Köln, des Hoftheaters Kassel, des Hofes von Baden-Württemberg sowie der Konservatorien von Gent, Brüssel, Lüttich und Paris. Diese Veranstaltungen unterstreichen den internationalen Charakter des damaligen Luxemburg.

Hauptwache im neuen Viertel Neihollerech als zentrales Denkmal im öffentlichen Park seit 2019 geschützt

Die seit 2019 geschützte Hauptwache wird Zierde eines neuen öffentlichen Parks im neuen Viertel Neihollerech Foto: © Rolph

Dicksereien und Co.

Die Abonnementskonzerte mit etwa 15 Aufführungen pro Saison waren ein großer Erfolg. Sie gingen auf eine Initiative der Militärmusik unter der Leitung von Gustave Kahnt (1848–1923) sowie Edmond Patzké (1844–1903) zurück. Kahnt komponierte Märsche, vertonte Gedichte sowie Lieder zahlreicher Operetten und Theaterstücke von Dicks und Michel Lentz. Patzké wurde 1896 aus Wien nach Luxemburg berufen, um die Militärmusik neu zu organisieren, und wurde Dirigent der großherzoglichen Hofmusik. Er komponierte zahlreiche Tänze und Märsche, darunter Salut à Luxembourg.

In diesem Umfeld fanden im alten „Cercle“ auch Versammlungen und Benefizkonzerte zur Errichtung von Denkmälern für Michel Lentz, Edmond de la Fontaine und Jean-Antoine Zinnen statt. Ebenso tagte dort der Adolphe-Verband (heute UGDA). Die Gesangsgesellschaft „Union dramatique“ widmete dort kurz nach dem Tod von Michel Lentz einen ganzen Abend seinem Werk und präsentierte außerdem die Uraufführung der Komödie Mononk Phlëpp von Alexis Brasseur und Batty Weber.

Konzertabende wurden zudem auf Initiative von Jean Lentz oder des Luxemburger Klavierprofessors und Preisträgers des Konservatoriums von Lüttich, Albert Berrens, organisiert.

Gemeinsam mit dem Musikpavillon auf der place dArmes entsteht eine neue kulturelle Ordnung: populäre Konzerte im Freien, klassische Aufführungen im „Cercle“, Unterhaltung in den Brasserien und Theater im Stadttheater. Ein Modell, das Luxemburgs Kulturleben nachhaltig prägen sollte.

Cercle-Cité Kulturzentrum in Luxemburg-Stadt bei Tageslicht mit moderner Architektur und historischem Flair

Das Cercle-Cité heute Foto: © Rolph

Kurzbibliographie

Archives de la ville de Luxembourg, N°680, association du cercle littéraire 1825-1847.

Archives nationales du Luxembourg, Travaux Publics N°20.

Autorenlexikon.lu

Bürger- und Beamtenzeitung, Hollerich: 1899, N°147, N°140; 1900, N° 147; 1903, N°35.

Courrier du Grand-Duché de Luxembourg, Luxembourg, 1851, N°103

DOSTERT, Paul Norbert Le Gallais 1860-1934. In: 400 Joer Kolléisch, Band II, Luxembourg, 2003.

ENGELHARDT, Friedrich Wilhelm, Geschichte der Stadt und Festung Luxemburg, Luxembourg, 1850.

FRIEDRICH, Evy, Changement de décor, in Revue, 24 avril 1964, N° 17 Luxembourg, 1964, p.39.

GILBERT, Pierre, Luxembourg, la ville et ses architectes, Luxembourg, 1986.

JOURDAIN, Guy, Histoire du conservatoire, in 100e anniversaire conservatoire de musique de la Ville de Luxembourg, 2006.

KOLTZ, J(ean)-P(ierre), Baugeschichte der Stadt und Festung Luxemburg, t 2. Luxembourg, 1946.

L‘Avenir du Grand-Duché de Luxembourg, Luxembourg: 1869, N° 38, Luxembourg, 1869.

L‘Indépendance luxembourgeoise, Luxembourg: 1874, N°30; 1876, N°140/141; 1880, N° 337; 1881,N° 225, N° 252, N°328, N°347; 1882, N° 86; 1882, N°353; 1883, N°336/337; 1884, N°4, N°139/140 N° 328/329, N°335/336; 1885, N°36, N° 119; 1886, N°277; 1891, N° 187; 1893, N°325; 1894, N°18, N° 35/36; N° 164; N°35/36; 1895 N°23, N°43/44, N°287 1896, N° 63, N°37; 1897, N°84, N°49, N°278; 1898, N° 11, N° 94, N° 191, N°307, N°333; 1900, N°236,; 1901 N° 126.

Luxemburger Land in Wort und Bild, Luxembourg 1895, N°3.

Luxemburger Wort, Luxembourg, 1885, N° 33, N° 93; 1888, N° 347; 1889, N° 194/195; 1891, N°80/81, N° 254, N° 307, 1892, N° 6, 1893, N°289, 1895, N° 74; 1896, N°105, 1901, 1953, N°184; N° 105; 1974 N° 127.

Luxemburger Zeitung, Luxembourg: 1872, N° 302; 1882 N° 145; 1889, N°95; 1892, N° 14, N°156/157 N° 74; 1894, N°358/359; 1895, N°340; 1898, N°196 N°56, N°336; 1897, N°335; 1900, N°5; N°6/7; 1940, N° 52.

MAY, Guy, Le Cercle, un haut-lieu de la vie musicale, in Ons Stad, N° 96, Luxembourg, 2011.

NEY, Marc, Les élections dans la ville de Luxembourg depuis la loi communale du 24 février 1843, in Hémecht, N°2 Luxembourg, 2000.

Obermoselzeitung,Grevenmacher: 1891, N° 70, 1893, N° 3, N° 30, N° 81; 1895, N° 34; 1901, N° 39; 1936, N° 108.

Ons Stad, N° 96, Luxembourg, 2011, p. 2-61.

PHILIPPART, Robert L., L‘ancien corps de garde prussien, un jalon sur le chemin de la souveraineté, Luxembourg, in Revue technique luxembourgeoise, N° 3, Luxembourg, 2016.

IDEM, Luxembourg, Hôtels, Cafés, restaurants de la Belle Epoque, Luxembourg. 2018.

IDEM, Luxembourg, de l‘historicisme au modernisme, de la ville forteresse à la capitale nationale, Luxembourg, 2006,

RUPPRECHT, Alphonse, Logements militaires à Luxembourg pendant la période 1794 à 1814 in Ons Hémecht N° 9-10, Luxembourg, 1923.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Biodiversität

Winzige Helden unserer Natur: Warum Insekten unverzichtbar sind

Jugendpolitik

Die zwei neuen Jugenddelegierten bei den Vereinten Nationen