Bech
„Eine Sauerei“ – Einwohner reden über politischen Machtkampf im Ort
Ein kleines Dorf sorgt für Aufruhr: Der Gemeinderat entmachtet die Bürgermeisterin mithilfe eines Überläufers. Wie haben die Einwohner das Ganze erlebt?
Das Rathaus in Bech – hier kam es im Dezember zum Eklat Foto: Editpress/Julien Garroy
Bech im Osten Luxemburgs ist ein typisches kleines Dorf: ländlich und verschlafen. Trotzdem hat die gleichnamige Gemeinde in den vergangenen Wochen Aufsehen erregt. Nachdem Emile Bohnenberger, Gemeinderat der Mehrheitsliste, zusammen mit den vier Oppositionsräten gegen das Budget gestimmt hatte, kam es Ende Dezember zu einem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen Jill Goeres, jüngste Bürgermeisterin des Landes. Doch was sagen die Einwohner dazu?
Conny (76) sagt: „Ich finde das eine große Sauerei.“ Dass die Opposition ans Ruder will, kann er nachvollziehen. „Ich kann ihnen nichts verdenken.“ Conny zufolge habe Schöffe Norbert Classen gewusst, dass er sein Amt als Schöffe weiterführen darf, und stünde auch auf der Seite der Gegner Jill Goeres’. Norbert Classen war bereits unter Bürgermeisterin Jill Goeres Schöffe in der Gemeinde. Abweichler Emile Bohnenberger sei nicht mit Jill Goeres klargekommen: „Deshalb ist er übergelaufen.“ Bürgermeisterin Goeres sei ein Vereinsmensch, die Opposition dagegen nie bei den Vereinen präsent gewesen. „Die Opposition war nie da – das stimmt auch.“ Er habe nie das Gefühl gehabt, dass die Bürgermeisterin zu jung und unerfahren für das Amt sei. Auch ihre Schwangerschaft habe niemanden gestört. „Das war gar kein Gesprächsthema.“
Conny (76) findet den Umgang mit Jill Goeres „eine Sauerei“
Großstadtpolitik im Dorf
Laut einer Einwohnerin, die nicht namentlich genannt werden will, haben die Opposition und die Mehrheit „sich einfach nicht vertragen.“ Die Kommunikation untereinander habe gefehlt. Über Jill Goeres und Schöffin Nathalie Wohlfart sagt sie: „Sie haben ihr Bestes gegeben. Sie mussten sich auch erst mal einarbeiten.“ Laut ihr sind „die Dorfbewohner nicht zufrieden mit der Situation“.
Ein Mann, der ebenfalls anonym bleiben will, erinnert daran, dass es bei den Wahlen kaum mehr Kandidaten als Sitze im Gemeinderat gab. Hätten die Wähler ihre Stimmen ausgenutzt, hätten sie „praktisch jeden gewählt.“ Deshalb hätten sich viele Wähler auf fünf oder sechs Stimmen beschränkt, um sicherzustellen, dass nur die eigenen Wunschkandidaten einen Sitz bekommen. „Jills Wahlprogramm war von allen Kandidaten mit am saubersten und besten geschrieben.“ Dadurch, dass die meisten ohnehin nur wenige Stimmen abgegeben haben, sei es keine Überraschung für ihn, dass „sou e fäint Kand wéi d’Jill“ erfolgreich abschnitt. „Per se bekam sie am Ende die meisten Stimmen, weil keiner gegen sie sein konnte.“ Der Schöffenrat habe Jill Goeres unterstützt, auch weil „die anderen nicht wirklich Bürgermeister werden wollten.“ Norbert Classen hätte eigentlich nicht mehr mit in die Wahlen gehen wollen. Jill Goeres habe ihn allerdings umgestimmt. „Sie hat ihn gepusht“, sagt der Mann.
Jetzt wird einer Bürgermeister, den man kaum gesehen hat
Ein Einwohner von Bech
Ihr Alter habe man der Bürgermeisterin nicht angemerkt: „Sie ist erst Anfang 20 und deutlicher reifer im Kopf, als manch anderer.“ Das Ganze sei nur aufgrund persönlicher Differenzen entstanden. „Sie waren ja nicht gegen den Haushalt, sie wollten nur ihr Amt.“ Er findet es traurig, dass ein Gemeinderat mit nur neun Mitgliedern überhaupt eine Opposition hatte.
Laut dem Einwohner hätte man eigentlich auch Neuwahlen abhalten können: „Die Letztgewählten entscheiden nun, und die Erstgewählten haben nichts mehr zu sagen. Das ist paradox.“ Die Bürgermeisterin war immer engagiert, auf jedem „Dëppefest“ dabei. Die Opposition sei dagegen selten präsent gewesen – manche kenne quasi keiner. „Und die wollen nun Großstadtpolitik im Dorf machen.“ Es sei schade, dass jemand wie Jill Goeres, die sich viel Mühe gab, nun nicht mehr im Amt ist. An ihrer Stelle werde jemand Bürgermeister, den im Dorf wenige kennen.
Wie geht es nun weiter?
Der Gemeinderat soll in einer nicht öffentlichen Sitzung am Montag einen neuen Schöffenrat wählen. Das ist nötig, damit die Gemeinde handlungsfähig bleibt, wie der Syvicol dem Tageblatt bestätigte. Weil mit Goeres und Wohlfart zwei Gemeinderäte ausscheiden, kommt es zu Nachwahlen für die freien Posten. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Laut Syvicol wird dieser vom Innenminister festgelegt.
„Ich erwarte mir einen Vorschlag für einen neuen Schöffenrat“, so Jill Goeres am Telefon zum Tageblatt. Sie glaubt, die Wahl sei in wenigen Minuten vorbei. Die Abstimmung sehe sie nicht als ihren letzten Gemeinderat. Das war bereits beim Misstrauensvotum. „Das war ein ganz bewegender Moment. Ich wäre gerne Bürgermeisterin geblieben.“ Die Arbeit habe ihr viel Spaß bereitet. Laut Max Pesch, Teil der Opposition, habe die neue Mehrheit versucht, mit so vielen aus dem Gemeinderat wie möglich zu sprechen. „Wir wollen von diesem fünf gegen vier weg, das meinen wir ernst.“ Er erhofft sich, dass der Gemeinderat am Montag einen kompetenten Schöffenrat wählt.