Kunstprojekt „La Capsule“ auf der Leinwand
Ein Film wie ein Atemzug – und die Künstlerin Nora Wagner am Limit
Vier Monate zu Fuß durch Luxemburg, eine Ausstellung in Saarbrücken – und jetzt ein Film. Mit dem experimentellen Dokumentarfilm zu ihrem Langzeitprojekt „La Capsule“, gezeigt im Rahmen des diesjährigen Luxembourg City Film Festival, verschiebt Nora Wagner ihre Arbeit ein weiteres Mal: weg von der Installation, hinein ins bewegte Bild. Was bleibt, ist der Kern ihres Ansatzes – Kollektivität, Reibung, Offenheit.
Sie schrieb das Drehbuch für „Les 100 pas“ und zog das Projekt „La Capsule“ durch: die luxemburgische Künstlerin Nora Wagner Foto: Editpress/Julien Garroy
„Es ist ein poetischer Roadmovie“, sagt Nora Wagner. „Aber auch ein politischer.“ Und vor allem: ein persönlicher. Am vergangenen Samstag präsentierte Wagner ihren Roadmovie „Les 100 pas“ – einen experimentellen Dokumentarfilm, der die Erfahrungen der vergangenen Jahre verdichtet, ohne sie zu glätten.
Der Film basiert auf „La Capsule“: Damit hat die luxemburgische Künstlerin ein Projekt realisiert, das sich zwischen Performance, Film und sozialem Experiment bewegt. Die Idee? Kunst aus dem institutionellen Raum holen, sie in Bewegung setzen und gemeinsam mit anderen neu denken.
Zwischen Fragment und Flow
Der experimentelle Dokumentarfilm „Les 100 pas“ folgt keiner klassischen Dramaturgie. Stattdessen entwickelt er einen eigenen Rhythmus, getragen von Bewegung, Stimmen und Landschaften. Zwei Künstler*innen durchqueren zu Fuß Wälder, Dörfer und Zwischenräume, sammeln Geschichten und Perspektiven. „Ich wollte nicht mit einer festen Vision starten“, sagt Wagner. „Ich wollte den Leuten nichts aufzwingen, sondern schauen, was entsteht.“
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Geflecht aus Stimmen, Bildern und Erfahrungen. Zwischen idyllischen Aufnahmen von Wäldern und Wegen tauchen Gedanken auf – ihre eigenen, die ihrer Mitreisenden, die der Menschen, denen sie unterwegs begegnen. Eine Künstlerin spricht über das Bedürfnis, sich von gesellschaftlichen Normen zu lösen. Jugendliche erzählen von Gewalt, von Brüchen in ihren Biografien, von dem Versuch, trotzdem etwas Positives festzuhalten.

Wenn die verschiedensten Eindrücke sich vermischen: „La Capsule“ ist ein wahres Kunstexperiment Foto: Editpress/Julien Garroy
Es geht um die Welt, die sich zunehmend entfremdet anfühlt, und um die Frage, wie man in ihr und mit ihr lebt. Wie viel Natur ist noch da – und wie viel davon geht verloren? Welche Räume bleiben für individuelle Erfahrungen, für Verletzlichkeit, für Widerstand? Und nicht zuletzt: Was bedeutet es, heute überhaupt noch selbstbestimmt zu leben?
Der Film bleibt dabei nicht in einer Tonlage. Er erlaubt sich Brüche. Auf ruhige Naturbilder folgen verstörende Szenen: ein erlegtes Reh, eine Baustelle mitten im Wald, Maschinenlärm. Dazwischen wieder Outtakes, kleine Pannen, Lachen, Momente hinter den Kulissen. Immer wieder intime Gespräche, spontane Begegnungen, performative Momente. Eine Gruppe junger Frauen spricht über sexualisierte Gewalt – ehrlich, direkt, ohne Inszenierung. Es sind Geschichten, die hängen bleiben, gerade weil sie nicht dramatisiert werden.
Trotz der Sprünge wirkt das Ganze nie beliebig. Die Montage folgt keinem klassischen Spannungsbogen. Stattdessen entsteht Bedeutung durch Reibung: Bild gegen Ton, Natur gegen Eingriff, Intimität gegen Öffentlichkeit. Das funktioniert überraschend gut. Gerade weil der Film sich erlaubt, Brüche stehen zu lassen. „Ein Film bedeutet immer Entscheidungen treffen“, sagt Wagner. „Nicht alles kann bleiben.“
Momente wirken manchmal unfertig, beinahe roh. Doch genau darin liegt eine Qualität: Die Zuschauer*innen werden nicht geführt, sondern eingeladen, selbst Verbindungen zu ziehen.
Der Wald als Struktur
Strukturell wird der Wald zum zentralen Ort. Obwohl ein Teil des Materials auch im urbanen Raum oder in Innenräumen entstanden ist, entscheidet sich Wagner im Schnitt dafür, alles in eine gemeinsame Welt zu verlagern. „Der Wald ist unsere Welt geworden. Er trägt das Ganze“, erklärt sie. „Ein Raum, in dem sich Individuen und Gruppen mit sich selbst auseinandersetzen.“ Der Wald ist ein System, das die Episoden verbindet, die Sprünge erdet.
Der Weg vom Rohmaterial zum Film war alles andere als geradlinig. Aus rund 50 Stunden Material entstand ein 90-minütiger Film. Eine Verdichtung, die Entscheidungen verlangte – und Konflikte. Zunächst arbeitet sie mit einem Editor zusammen, bricht diesen Prozess jedoch später ab. „Ich war nicht mehr einverstanden mit der Richtung.“ Eine Entscheidung aus Not – und Überzeugung. „Ich dachte, es fehlt der weibliche Blick auf das Ganze, und ich begann, eine Editorin zu suchen. Doch nach mehreren Gesprächen stellte sich heraus, dass ich den Film selbst zu Ende bringen musste.“
Wagner folgt diesem Impuls, geht nach Marseille und arbeitet im unabhängigen Produktionsort Polygone étoilé. Zwei Wochen bleiben ihr. Sie lernt ein neues Schnittprogramm, strukturiert das Material neu, passt den Ton an. „Es hat mir an Poesie gefehlt“, erklärt Wagner. Der bestehende Schnitt bleibt als Skelett – aber die finale Form trägt klar ihre Handschrift.
Parallel dazu entsteht die Musik in enger Zusammenarbeit mit dem Luxemburger Komponisten Pascal Schumacher. Im Zentrum steht die Marimba, ein Holzklangkörper, dessen warme Resonanz sich organisch in die Bildwelt einfügt. „Er hat gespielt, ich saß daneben und habe reagiert“, beschreibt Wagner den Prozess. Später werden elektronische Elemente ergänzt, um Kontraste zu schaffen.
Nach der Rückkehr folgt der Bruch – im wörtlichen Sinn
Während der Film Form annimmt, setzt der Körper Grenzen. Kurz nach der Rückkehr erleidet Wagner nacheinander Ermüdungsbrüche in beiden Fußgelenken – erst ein Unfall beim Tanzen, dann ein zweiter Sturz in Norwegen. Bis heute ist sie in Behandlung. „Mein Körper war einfach überlastet. Ich habe mir im Grunde beide Beine gebrochen.“ Es folgen drei Monate im Rollstuhl und ein halbes Jahr auf Krücken. Die Arbeit geht dennoch weiter – verlangsamt, angepasst, improvisiert. „Ich war jedoch nicht in der Lage, direkt weiterzuarbeiten. Ich brauchte eine Pause.“
Mein Körper war einfach überlastet. Ich habe mir im Grunde beide Beine gebrochen.
Nora Wagner
Künstlerin
Mit dieser Erfahrung verschieben sich auch ihre Gedanken. „Ich habe mich gefragt, wie viel ich bereit bin, für meine Kunst zu opfern“, sagt sie. Der Anspruch des Projekts war immer auch politisch. „Und dann sieht man, wie wenig andere bereit sind zu geben – und selbst zerreißt man sich dafür.“ Eine klare Antwort findet sie nicht. „Ich bin noch zu keinem Schluss gekommen.“
Beim ersten internen Screening mit dem Team wird deutlich, dass der Film seine Wirkung entfaltet. „Alle haben sich respektiert gefühlt“, sagt Wagner. Besonders bemerkenswert ist die Reaktion der Jugendlichen, die am Projekt beteiligt waren: Viele von ihnen hatten zuvor noch nie einen experimentellen Dokumentarfilm gesehen – und waren dennoch unmittelbar angesprochen. „Sie waren komplett drin und meinten einfach: ‚Mega Film‘.“ Für Wagner ist genau das zentral: „Mir war wichtig, etwas Zugängliches zu schaffen – auch wenn die Form nicht klassisch ist.“
Und nun?
Nora Wagner ist inzwischen in Mexiko. Ohne festen Wohnsitz, ohne klaren Plan. „Ich habe seit zehn Jahren keine Pause gemacht“, sagt sie. „Jetzt merke ich einfach, wie erschöpft ich bin.“ Ein neuer Film ist denkbar, erste Gespräche laufen. Gleichzeitig beschreibt sie eine Form der Blockade. „Mit allem, was gerade in der Welt passiert, fällt es mir schwer, einfach weiterzumachen.“
„La Capsule“ endet damit nicht wirklich. Der Film ist weniger Abschluss als Übergang – ein Verdichten von Erfahrungen, die noch nachwirken. Oder, wie Wagner es selbst formuliert: „Ich wusste nie genau, wo ich ankommen will. Und vielleicht ist genau das das Ergebnis.“
Weitere Vorführungen von „Les 100 pas“ sind bereits geplant – unter anderem in der Kulturfabrik und im Rahmen verschiedener Initiativen.