Editorial
Die Rolle der Fiktion im kollektiven Gedächtnis: Verstummende Zeugen
Foto: Editpress/Julien Garroy
Am Montag war es 75 Jahre her, dass das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde. Während der Gedenkfeier am 27. Januar in Esch kam es zu einer Strompanne, sodass man die Redner kaum verstehen konnte. Dieses ungewollte Verstummen kann man traurigerweise auch symbolisch auslegen. Denn was uns dieses Datum vor allem zu bedenken geben sollte, ist, dass die Anzahl der Shoah-Überlebenden immer geringer wird – und sich die Frage des kollektiven Gedächtnisses in einer Zeit ohne Zeitzeugen dringlich stellt. Der grassierende Antisemitismus hat nicht auf den Tod des letzten Zeitzeugen gewartet, um sich vielerorts wieder zu manifestieren. Es ist demnach zu befürchten, dass sich die Situation nach dem Ableben des letzten Überlebenden verschlimmert, da Holocaust-Leugnern wie David Irving zwar noch Fakten, aber keine Aussagen lebender Menschen mehr entgegengesetzt werden und in einer Welt, in der die Wahrheit der Geschichte immer mehr von einer undifferenzierten Textmenge (insbesondere im Internet) ertränkt wird, Fakten und Archive alleine zumindest bei den Massen nicht mehr als aussagekräftig genug gelten werden.