61. Kunstbiennale Venedig 2026
Die Kunst der leisen Töne
Krach und Debatten rund um die Teilnahme Russlands und Israels überschatten den Auftakt der 61. Kunstbiennale. Doch wer durch den Rauch der Bengalos blickt, kann eine Kunstschau entdecken, die vor allem in unscheinbaren Momenten unglaublich berührt.
Sturmhauben, Blumenkränze und nackte Haut: Das russische Kollektiv Pussy Riot und die ukrainischen Aktivistinnen von Femen vor dem russischen Pavillon Foto: AFP
Der Origami-Hirsch baumelt von einem Kran, knapp einen Meter schwebt er über der Ladefläche eines Lastwagens, wie eingefroren in der Zeit. Vier dicke, rote Riemen halten den Hirsch in der Luft. Was aussieht wie gefaltetes Papier, ist massiver Beton. Der Origami-Hirsch ist eine Statue, gefertigt 2019 von der ukrainischen Künstlerin Zhanna Kadyrova. Bis 2024 stand die Skulptur in der ostukrainischen Stadt Pokrowsk. Dann kam die Front. Und der Hirsch musste – wie die Bewohner von Pokrowsk – fliehen.
Mehr als 3.000 Kilometer hat er zurückgelegt ins venezianische Exil, über Land und über Wasser, bis hier hin, in den Eingangsbereich der Giardini, den Gärten der Kunstbiennale von Venedig. Dort hängt er nun buchstäblich in der Luft. Zwischen den Welten. Filigran wie gefaltetes Papier, robust wie Beton. Zwischen Krieg und Frieden, Sicherheit und Bedrohung. „Security Guarantees“ heißt der ukrainische Beitrag auf der Biennale, Sicherheitsgarantien, wie passend. Die Front hat der Hirsch hinter sich gelassen, doch der Feind, er steht in den Gärten von Venedig nur ein paar Meter weiter den Kiesweg hoch.