L’histoire du temps présent
Die Industriestadt Esch im Wandel: Vom urbanen zum grünen und sozialen Esch (1918-1960er Jahre)
Denis Scuto behandelt in seiner Artikelserie die historische Entwicklung der Industriestadt Esch/Alzette im Südwesten des Großherzogtums Luxemburg, der Minette-(Eisenerz)-Region, von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute.
Josef Stübben, Stadtbauplan für Esch a. d. Alzette, Plan in vier Teilen, 1925 Quelle: Städtischer Entwicklungsdienst der Stadt Esch
Die Stadt Esch drohte nach dem Ersten Weltkrieg im Würgegriff der Industrie zu ersticken: Die drei Hüttenwerke und ihre Nebenanlagen nahmen eine Fläche von 260 ha ein, doppelt so viel wie der Rest der Stadt (125 ha). Diese Einkreisung durch die Hütten im Süden, Osten und Westen und zwei Schlackenhalden im Süden wurde noch verstärkt durch die Anlage von zwei Schlackenhalden in den Nachbargemeinden im Norden, eine auf dem Bann von Ehleringen, die andere auf dem Bann von Monnerich, sowie durch die Zementfabrik auf dem Gebiet von Schifflingen, ohne die Eisenbahnlinien und die zahlreichen Eisenerzgruben im Süden zu vergessen.
Nun setzte aber eine bedeutende politische Umwälzung ein: In Esch/Alzette führten die ersten Kommunalwahlen mit allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen im Oktober 1920 zu einer fast vollständigen Erneuerung der lokalen politischen Elite zugunsten der sozialistischen Partei und der klerikalen (katholischen) Partei der Rechten. Der sozialistische Eisenbahner Victor Wilhelm (1886-1967) war von 1920 bis 1934 Abgeordneter und Bürgermeister der Stadt, ab 1924 in einer Koalition mit der Rechtspartei. Ihm folgte nach einem kurzen Interim des Kaufmanns Jules Heisten (Rechtspartei) der sozialistische Lehrer und Direktor des Escher Tageblatts Hubert Clément von 1935 bis 1940.
Wohnungsbau, Schulen, neues Krankenhaus
Das Programm dieser neuen Elite war ein soziales Programm. Die Stadtverwaltung wurde neben den Stahlunternehmen, den Bauunternehmern und der Société nationale des habitations à bon marché (Staat, Gemeinden und Stahlunternehmer) zu einem Hauptakteur im Wohnungsbau, aber auch bei der Infrastruktur im Gesundheitswesen (neues Krankenhaus in Zusammenarbeit mit Arbed/Terres rouges, das 1930 eingeweiht wurde) und in der Schule (neue Grund- und Sekundarschulen).
Die Gemeindeverantwortlichen wollten einerseits die Stadtentwicklung einer aufstrebenden Industriestadt kontrollieren und sich gleichzeitig um die Lebensqualität der vor allem aus der Arbeiterschaft stammenden Bevölkerung kümmern. Andererseits musste die Stadt, umgeben von umweltbelastenden Industrieanlagen und verwaist von ihrer großen „grünen Insel“ (Distriktskommissar Pierre Braun 1909),1) dem Escher Bösch, der durch den Bau der Adolf-Emil-Hütte fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde, die Mittel haben, um sich zu lüften. Oder wie es die Verantwortlichen des Bauamts 1924 vor dem Gemeinderat ausdrückten: „Bei einer eventuellen Erweiterung des Stadtgebietes soll den Grünanlagen ein besonderes Interesse zugewandt werden, denn die Frei- und Grünflächen können als die ,Lungen‘ einer modernen Stadt bezeichnet werden.“2)
Aus diesem Grund beauftragten die Gemeindeverantwortlichen den bedeutenden deutschen Stadtplaner Josef Stübben (1845-1936), ehemaliger Stadtbaumeister von Aachen und Köln, mit der Ausarbeitung eines allgemeinen Erweiterungsplans, der das Fünffache der bebauten Fläche (ohne Industrie) der damaligen Stadt betragen sollte.3) Stübben, der seine Vorstellungen weithin publiziert hatte, war in Luxemburg bereits bekannt, da er Anfang des 20. Jahrhunderts die Pläne für die Bebauung des Plateaus Bourbon, des Limpertsberg und Bonneweg in Luxemburg-Stadt entwickelt hatte.4) Insgesamt erstellte Stübben fast hundert Erweiterungspläne, vor allem für deutsche und belgische Städte, aber auch in Italien, Österreich, der Schweiz, Spanien und Schweden. Obwohl es rechtlich nur ein orientierendes Dokument darstellte, leiteten die Grundzüge des Stübben-Plans jedoch die Stadtplanung in Esch-sur-Alzette bis in die 1960er Jahre hinein und wurden wieder seit den 1980er Jahren bedeutsam.
Der Stübben-Plan
Stellen wir einige wesentliche Elemente des Stübben-Plans von 1924-1925 und seine Bedeutung für Esch/Alzette vor.
Wie die grauen Teile des Plans zeigen, machen die Industriegebiete (Hüttenwerke, Bergwerke, Schlackenhalden, Zementfabrik, Eisenbahn) den weitaus größten Teil des Stadtbildes von 1924 aus. Stübben schlug vor, diese großen Industrieareale durch Grünflächen, Baumalleen und luftige Bebauung auszugleichen.5) Antoinette Lorang schreibt: „Den kompakten, großflächigen grauen Zonen, die die Stadt einrahmen, stehen grüne Lungen gegenüber, die über das gesamte Erweiterungsgebiet verteilt sind, sowie Wohnsiedlungen mit geringer Dichte.“6)
Zum Park Galgenberg (A) und der Grünfläche des Friedhofs Sankt Josef (B) sollten neue „Lungen“ hinzukommen: 1. Die Überreste des Escher Bösches sollten entlang der Belvaler Hütte zu einem kleinen Park entwickelt werden (C). 2. Eine grüne Achse (D) verwandelte den Raum um den Dipbach in einen öffentlichen Park, eine Promenade, die die Stadt von Ost nach West durchquert, von der Hütte Arbed Esch bis zur Hütte Belval. 3. Ein Pendant zum Stadtpark Galgenberg wurde an der nördlichen Stadtgrenze durch die Gestaltung des Lankhelzerböschs (E) geplant. Neben diesen drei neuen Parks plante Stübben weitere grüne Inseln: 4. ein Netz von Wegen („Parkways“) für Fußgänger und Radfahrer (F) mit einer Länge von 6 km, die teilweise von Bäumen gesäumt sind, sollte angelegt werden. Der Erweiterungsplan sah somit neben mehreren Hauptverkehrsachsen und einer Ringstraße ein dichtes Netz von Nebenstraßen und Wegen für Fußgänger und Radfahrer vor. 5. Zahlreiche Spiel-, Sport- und Begegnungsplätze (Spielwiese, Sportwiese, Volkswiese) würden sich in oder neben den Wohnsiedlungen befinden (G). 6. Kleine Parks und Grünflächen (H) waren in der Nähe und um das neue Stadtbad, die Schulen, die großen Plätze, das Berwart-Schloss und das neue Krankenhaus herumgeplant. 7. Der neue Friedhof von Lallingen (I) würde ebenfalls als Park angelegt. Alte und neue Grünflächen würden somit mit 71 ha 16% des gesamten städtischen Raums von Esch (450 ha) bilden.
Nach dem Krieg verfolgte man Stübbens Leitbild aufgelockerter Siedlungen im Viertel Lallingen – wenn auch unter anderen Bauformen –, die den Norden Eschs zu einer Wohnstadt machen sollten.
Im „Roten Esch“ – mit kommunistischem (Widerstandskämpfer und Arbed-Belval-Angestellter Arthur Useldinger, 1946-1949) und sozialistischen Bürgermeistern (Chefredakteur des Tageblatts Michel Rasquin, 1949-1951; LAV-Gewerkschaftspräsident Antoine Krier, 1951-1965; Bierlieferant Jules Schreiner, 1965-1969) – waren die Jahre 1945 bis in die 1960er Jahre stark sozial geprägt, was sich unter anderem im massiven Wohnungsbau manifestierte, der in Fortsetzung der während der Zwischenkriegszeit unternommenen Anstrengungen weitergeführt wurde und sich teilweise weiter am Stübben-Plan orientierte. Akteure im Bauwesen waren die Stadt, die Arbed, die Société nationale des habitations à bon marché und Privatinitiativen. Ganze Viertel entstanden in Raemerich (mit Unterstützung der Arbed gebaute Arbeiterhäuser), in Brouch (Arbed und SNHBM), in Lallingen, Lankelz und Wobrécken (Stadt, Arbed sowie ein neuer europäischer Akteur, die EGKS). Die Gemeinde baute weitere Sozialwohnungen an der Route d’Ehlerange und errichtete die Cité Verte. Die Bilanz zum 50. Jubiläum der Stadt sprach für sich: Die bebaute Fläche in Esch hatte sich von 105 Hektar im Jahr 1906 auf 420 Hektar im Jahr 1956 erhöht.7) Von 12.781 Einwohnern im Jahr 1906 war die Bevölkerung auf 29.345 im Jahr 1956 angewachsen. Der Bau der Cité du Cinquantenaire im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten der Stadt Esch markierte den Startpunkt für die vollständige Urbanisierung der Viertel Lallingen und Wobrécken.
Nach den 1960er Jahren ließ die Intensität des Wohnungsbaus stark nach. Eine Erhebung aus dem Jahr 2001 über die Baujahre hat ergeben, dass 64% aller Gebäude in Esch/Alzette in der Zwischenkriegszeit und von 1945 bis 1960 sowie 16% vor 1919 gebaut wurden. Von 1960 bis 2000 wurden lediglich 20% der Gebäude in Esch errichtet.
1) Der Distriktskommissar Pierre Braun empörte sich 1909 über die bevorstehende Zerstörung des Escher Bösch zum Bau der Gelsenkirchener Adolf-Emil-Hütte in einem Brief an den Luxemburger Minister des Inneren: „L’on doit constater avec amertume que 70 hectares qui formaient pour ainsi dire un îlot de verdure dans cette région peu pittoresque disparaîtront sous la cognée des bûcherons.” Zitiert bei Jérôme Quiqueret: Tout devait disparaître – Histoire d’un double meurtre commis à Esch-sur-Alzette à la fin de l’été de 1910, Mersch, capybarabooks 2022, S. 50.
2) Stadt Esch a. d. Alzette, Kurzgefasster Sitzungsbericht über die Stadtratssitzungen, N° 7, Sitzung vom Samstag, den 27. September 1924, S. 107.
3) Oliver Karnau, Hermann Josef Stübben. Städtebau 1876-1930, Braunschweig/Wiesbaden, Friedrich Viege & Sohn Verlag, 1996.
4) Antoinette Lorang, Plateau Bourbon und Avenue de Liberté. Späthistorische Architektur in Luxemburg, Luxembourg, Publications de la Section historique de l’Institut grand-ducal de Luxembourg, vol. 103, 1995.
5) Josef Stübben, Stadtbauplan für Esch a. d. Alzette im Grossherzogtum Luxemburg, in: Stadtbaukunst alter und neuer Zeit 7 (1927), S. 127-130.
6) Antoinette Lorang, Une vision pour la ville industrielle. Le plan d’aménagement de Joseph Stübben, in: Magazine. Le périodique du Fonds Belval, 4, 2007, S. 38-51.
7) Esch-sur-Alzette, Livre du Cinquantenaire de la Ville, 1906-1956, Esch-sur-Alzette, 1956.