Düdelingen
Die Hoffnungsgeber: Wie ein Sozialarbeiter Jugendliche zurück ins Leben holt
Sie haben die Schule abgebrochen, keinen Ausbildungsplatz gefunden oder wissen nicht, wie es weitergeht. In Düdelingen sucht ein Sozialarbeiter genau diese Jugendlichen auf – und versucht, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.
Xavier Millim und Tess Malano arbeiten im Jugendhaus Düdelingen Foto: Editpress/Julien Garroy
Das Jugendhaus in Düdelingen lebt. Ruhig ist es selten. In der Küche im Erdgeschoss stehen Jugendliche um eine Schüssel und diskutieren, was als Nächstes in den Kuchenteig kommt. Ein Stockwerk darüber wird laut geredet und gelacht. Das Interview wandert durch das Haus: erst ganz nach oben ins Büro, dann in die Küche und schließlich wieder ins Dachgeschoss. Immer wieder knarzen die Holzstufen, immer wieder wird Platz für irgendwelche Aktivitäten gebraucht. Jeder Raum ist in Benutzung. Überall passiert etwas.
Xavier Millim spricht Jugendliche direkt im öffentlichen Raum an und begleitet sie bei den nächsten Schritten Foto: Editpress/Julien Garroy
Mitten drin sitzt Xavier Millim. Er trägt weite Jeans und einen Kapuzenpullover, unter dem Ärmel lugt ein Tattoo hervor. Der 29-Jährige wirkt eher wie ein älterer Bruder anstatt wie ein klassischer Sozialarbeiter – er passt zu den Graffiti an den Wänden des alten Gebäudes. Doch seine ruhige, fast vorsichtige Art verrät ihn. Wenn er spricht, macht er immer wieder Pausen, sucht nach den richtigen Worten. „Wenn ich Jugendliche auf der Straße anspreche, mache ich das möglichst offen, ohne sie sofort einzuordnen oder ihnen vorzuwerfen, dass sie nicht in der Schule sind.“
Aufsuchende Sozialarbeit
Xavier ist im sogenannten Outreach tätig – einem Angebot, das Schulabbrechern und anderen inaktiven Jugendlichen helfen soll, ihren Weg zurück ins Leben zu finden. Doch anders als bei den üblichen Angeboten, geht der Sozialarbeiter auf sie zu, sucht nach ihnen auf der Straße. „Ich stelle mich einfach vor, sage, wer ich bin, dass ich vom Jugendhaus komme und welche Angebote es hier gibt. Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, man sei da, um mit ihnen zu schimpfen oder ihnen zu sagen, dass sie wieder in die Schule gehen müssen.“
Man darf ihnen nicht das Gefühl geben, man sei da, um mit ihnen zu schimpfen oder ihnen zu sagen, dass sie wieder in die Schule gehen müssen
Xavier Millim
Outreach-Sozialarbeiter
Im Kern geht es darum, Vertrauen aufzubauen und Motivation zurückzugeben. Viele von ihnen seien von den Hilfsangeboten überfordert und wüssten nicht, an wen sie sich wenden können. „Ich sehe mich deshalb als jemanden, der Brücken zwischen ihnen und den verschiedenen Diensten baut.“
Wenn ein Jugendlicher psychologische Hilfe benötigt, findet Xavier das im Gespräch heraus und schaut gemeinsam mit ihm, welche Schritte notwendig sind, um einen Psychologen zu finden. Dasselbe gilt im schulischen Bereich. „Ich suche ihnen keine neue Schule, sondern begleite sie zu den Diensten, bei denen sie die notwendige Unterstützung bekommen.“ Die Arbeit wird ihnen nicht abgenommen, sie werden dabei unterstützt.
„Outreach Youth Work“
Das Angebot hat seinen Ursprung in einem Pilotprojekt: „Outreach Youth Work“ wurde 2016 vom Bildungsministerium mit Unterstützung des Europäischen Sozialfonds eingeführt, um aufsuchende Jugendarbeit gezielt zu stärken.
Heute ist der Ansatz in mehreren Gemeinden und in unterschiedlicher Form verankert – auch in Düdelingen, wo die Kommune den Dienst nach dem Auslaufen des Pilotprojekts übernommen und weiterfinanziert hat.
Jugendhaus als Treffpunkt
Tess Malano hat das Outreach-Angebot in Düdelingen mitaufgebaut und im Jugendhaus verankert Foto: Editpress/Julien Garroy
Viele junge Menschen scheitern nämlich nicht an großen Hürden, sondern schon an kleinen Schritten: einen Termin vereinbaren, irgendwo anrufen, Informationen einordnen. Das betreffe nicht nur Schule oder Arbeit, sondern alle möglichen Aspekte des Lebens, wie Tess Malano, Leiterin des Düdelinger Jugendhauses, weiß. „Wenn eine junge Person mir sagt: Ich mag Sport, aber ich habe Angst, mich irgendwo einzuschreiben. Dann bin ich da und ich begleite ihn. Damit tun wir niemandem weh. Wir helfen ihnen und stärken sie“, erklärt Tess. Die 33-Jährige war an der Integration des Outreach-Programmes in das Jugendhaus beteiligt. „Für uns ist es ein großer Gewinn, einen Erzieher zu haben, der hinausgehen kann – ich kann nicht konstant eine Person freistellen, um einen Jugendlichen zu begleiten“, sagt Tess.
Wenn ein junger Mensch für seinen Outreach-Termin zum Jugendhaus kommt, ist er sofort Teil der Struktur. „Nach dem Termin kann er noch eine Runde Playstation spielen, mit uns kochen oder einfach nur abschalten.“ Denn auch bei einer inaktiven jungen Person passiere sehr viel im Kopf. „Sie benötigen auch eine Auszeit von schwierigen Themen“, sagt Tess.
Zurück zur Schule
Das hat auch Matteo* gemerkt. Der 21-Jährige hat die Schule auf 9e abgebrochen und danach viel Zeit zu Hause verbracht, wie er dem Tageblatt erzählt. Während des Interviews wirkt er höflich, fast formell – wie bei einem Vorstellungsgespräch. „Ich habe viele Jahre verloren, in denen ich etwas Besseres hätte machen können“, weiß er jetzt. „Man ist nicht in einer guten Situation, man überlegt viel über sein Leben und fragt sich, was daraus wird.“ Dann hat er seinen Weg in das Düdelinger Jugendhaus gefunden. „Tess und Xavier haben mir viel geholfen – wie man mit dem Chef spricht, wie man einen Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben macht. Das konnte ich alles nicht alleine.“
Sein Ziel ist es, wieder die Schulbank zu drücken. Warum er die Schule abgebrochen hat, weiß er selbst nicht so genau. Vergangenes Jahr war er jedenfalls noch eingeschrieben. „Ich habe nicht wirklich aktiv entschieden, aufzuhören. Ich war einfach schon lange nicht mehr in der Schule. Ich glaube, es lag daran, dass ich eine Ausbildung hätte suchen müssen, aber ich habe keine gefunden.“
Damit ist Matteo kein Einzelfall. Für Jugendliche sei es oft schwierig, einen passenden Betrieb zu finden. „Die größte Gruppe, die ich begleite, sind Jugendliche, die ein DAP machen müssen“, sagt Xavier. Viele von ihnen würden aufhören, weil sie die Motivation bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle verloren haben. Andere kämpfen seit zwei oder drei Jahren mit schulischen Schwierigkeiten und sind im Rückstand. „Irgendwann geht es dann einfach nicht mehr und sie verlassen die Schule“, sagt Xavier.
Das Jugendhaus in Düdelingen ist Anlaufstelle und Treffpunkt für viele junge Menschen Foto: Editpress/Julien Garroy
„Einen besseren Weg“
So erging es auch Noah*. Der jetzt 21-Jährige hat mit 16 mit der Schule aufgehört. „Weil ich keine Lust mehr hatte“, gibt er zu. „Außerdem hatte ich nicht das richtige Niveau für das, was ich machen wollte.“ Dann kam Xavier ins Spiel. Noah absolvierte einen freiwilligen Dienst über den SNJ und ging anschließend an die École nationale pour adultes (ENAD), um schulisch wieder aufzuholen.
Doch auch er hat Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden. Er habe zwar Angebote bekommen, aber viele davon seien im Norden gewesen – ohne Führerschein schwer zu erreichen. „Wenn man keine Erfahrung oder keinen Abschluss hat, ist es hier im Land sehr schwer, eine Arbeit zu finden oder überhaupt eine Chance zu bekommen.“
Noah würde am liebsten im sozialen Bereich mit Kindern arbeiten, damit sie nicht mit den gleichen Problemen wie er zu kämpfen haben. „Ich will ihnen einen besseren Weg zeigen.“
Dass es sich dabei um keine Einzelfälle handelt, zeigen auch die Zahlen. Xavier hat 2025 21 Jugendliche begleitet, 19 von ihnen konnten so weit unterstützt werden, dass sie aktuell keine Hilfe mehr benötigen. In insgesamt 33 Gesprächen ging es um Schule, Ausbildung, Arbeit, Wohnen, Familie oder auch Drogenprobleme.
Wenn man keine Erfahrung oder keinen Abschluss hat, ist es hier im Land sehr schwer, eine Chance zu bekommen
Noah
Die Jugend von heute
Matteo und Noah gehen im Gespräch offen mit ihren Fehlern um. Sie wollen arbeiten, ihren Weg finden. Doch nicht alle Jugendlichen sind so reflektiert, weiß auch Tess Malano. „Wir müssen Verantwortungsbewusstsein viel stärker fördern“, sagt sie. Das System vermittle jungen Menschen, dass sie alles können und dürfen – gleichzeitig steige damit aber auch der Druck.
Zugleich sei es falsch, Jugendliche pauschal zu schützen oder sie ausschließlich als Opfer zu sehen. „Es stimmt natürlich, dass Erwachsene Jugendliche zum Teil vorverurteilen und diskriminieren“, sagt Tess. „Aber es ist auch nicht so, dass Jugendliche nichts falsch machen.“
Dass dieser Weg nicht immer geradlinig verläuft, erlebt auch Xavier Millim immer wieder. „Wir hatten junge Menschen, die anfänglich in der Kriminalität waren, im Drogenmilieu unterwegs waren oder sogar im Gefängnis saßen“, sagt er. Heute könne man bei einigen Entwicklungen beobachten, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wären. Die Arbeit beschreibt Xavier als erfüllend, aber auch fordernd. Sie verlange Offenheit und Flexibilität – gerade im Umgang mit Jugendlichen, die oft mit Disziplin und Motivation kämpfen. „Für mich ist deshalb extrem wichtig, junge Menschen nie aufzugeben.“
In der Küche des Jugendhauses ist es inzwischen etwas ruhiger geworden. Die Backzeit ist vorbei, die Jugendlichen sitzen zusammen und probieren das Ergebnis.
Für mich ist deshalb extrem wichtig, junge Menschen nie aufzugeben
Xavier Millim
Outreach-Sozialarbeiter
*Beide Jugendlichen wollten ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.