Nachruf
Die Doppelbödigkeit der Spione
Warum der Spionagethriller in der englischen Literatur eine so ausgeprägte Rolle spiele, wurde der Meister des Genres, David Cornwell alias John le Carré, im März diesen Jahres gefragt. Das müsse wohl an der latenten Scheinheiligkeit seiner englischen Landsleute liegen, antwortete der Autor legendärer Romane wie „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und „Dame, König, As, Spion“ wie aus der Pistole geschossen und amüsierte damit sein Publikum in der deutschen Botschaft am Londoner Belgrave Square. Hinzu komme sicher das imperiale Erbe, mit dem eine gewisse Weltläufigkeit einhergeht.
Der britische Schriftsteller John le Carré ist tot Foto: Christian Charisius/dpa
Jahre zuvor hatte le Carré, der am Samstag im Alter von 89 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung verstarb, in einem BBC-Interview bei den Briten einen „konspirativen Wesenszug“ ausgemacht. Gepaart mit ihrem ausgeprägten Patriotismus sei diese Eigenschaft verantwortlich dafür, dass den Geheimdiensten auf der Insel ein selbstverständliches Vertrauen entgegengebracht werde. „Da lässt der Hausbesitzer mal rasch zwei Agenten vom Obergeschoss aus die Umgebung observieren – Hauptsache, sie bringen das Kinderzimmer nicht durcheinander.“