Luxemburger Familie berichtet

Das Leben mit Transkindern stellt vor enorme Herausforderungen

Es ist ein misslungener Urlaub am Meer, der den Stein ins Rollen bringt. Sarahs* (46) Kind will auf gar keinen Fall ins Wasser und Schwimmen, zieht sich komplett ins Zimmer zurück und will am liebsten gar nichts mehr tun. Etwas stimmt nicht, obwohl die Zeichen schon immer da waren.

„Coming-outs“ wie diese lösen eine Lawine an Konsequenzen aus. Beratungsstellen helfen Betroffenen und ihren Familien. 

„Coming-outs“ wie diese lösen eine Lawine an Konsequenzen aus. Beratungsstellen helfen Betroffenen und ihren Familien.  Collage: Tageblatt/Louis Elsen

Jungen als bevorzugte Spielkameraden, BMX-Fahrradfahren, Skateboard, Fußball und Puppen, die eher zerpflückt werden, anstatt mit ihnen – typisch Mädchen – zu spielen. „Wir Eltern haben das zwar registriert, aber nicht weiter darüber nachgedacht“, sagt Sarah*.

Nach dem Urlaub fällt der entscheidende Satz. „Mama, ich bin kein Mädchen, sondern ein Junge.“ Die vorher gemachten Beobachtungen fügen sich wie Puzzleteile zu einem Ganzen. „Diese Kinder sagen in dem Moment, wie sie sich fühlen und wissen sehr genau, was sie sind und was nicht“, ist Sarah* damals wie heute überzeugt.

Lieber einen glücklichen Sohn als eine unglückliche Tochter: Sarah* hat ein Transgenderkind

Lieber einen glücklichen Sohn als eine unglückliche Tochter: Sarah* hat ein Transgenderkind Foto: Editpress/Alain Rischard

Später wird der Gang in die Umkleidekabine oder auf die Toilette zum „No-Go“ für Sarahs Kind. Es fühlt sich keiner zugehörig. Zeitweise geht es so weit, dass es nichts mehr trinkt, um nicht auf die Toilette zu müssen. Transgender ist ein Tabu und entspricht nicht den gesellschaftlichen Normen. Um Diskriminierungen zu vermeiden, will Sarah* ihren richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen.

Pubertät als Bedrohungsszenario

Ihr Kind ist zu dem Zeitpunkt zehn Jahre alt und noch nicht in der Pubertät. „Die Pubertät ist für einen Großteil dieser Kinder das Bedrohungsszenario schlechthin“, sagt Dr. Erik Schneider. „Der Körper geht in eine Richtung, von der ganz klar ist, das ist nicht die richtige.“ Der ausgebildete Facharzt für Psychotherapie und Psychiatrie mit einem Abschluss von der Freien Universität Berlin ist Mitbegründer der ASBL Intersex & Transgender Luxembourg (ITGL), eine Anlaufstelle für Transgender-, Intersex- und abinäre -Personen.

Dorthin findet auch Sarah* mit ihrer Familie auf der Suche nach Informationen, Beratung und Orientierung. Der 2013 gegründete Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben von Betroffenen zu erleichtern. In Sarahs* Familie läuft es vorbildlich. So wie es in allen betroffenen Familien sein sollte. Nachdem die Nachricht raus ist, akzeptieren es alle – vom Geschwisterkind bis zur 90-jährigen Ur-Oma.

Dr. Erik Schneider, Mitbegründer der Anlaufstelle „Intersex & Transgender Luxembourg“ (ITGL)

Dr. Erik Schneider, Mitbegründer der Anlaufstelle „Intersex & Transgender Luxembourg“ (ITGL) Privat

Sogar der neue Name ist kein Problem. Schon bald kommt angesichts der bevorstehenden Pubertät das Thema Hormonblocker auf den Tisch. Die Medikamente stoppen die Pubertät, setzen sie aus, sind aber für die Eltern eine schwere Entscheidung. „Das Kind ist minderjährig, der Körper ist gesund, aber die Seele tut weh“, sagt Sarah*. Das wollen sie und ihr Mann sich damals nicht länger mitansehen. „Uns war ein glücklicher Junge lieber als eine unglückliche Tochter“, sagt sie.

Als „Phase“ identifiziert

Inzwischen sind 13 Jahre vergangen und ihr Sohn lebt als junger Student im Ausland. „Er macht seinen Weg“, sagt seine Mutter, obwohl viel Aufwand hinter ihr liegt. Am schlimmsten hat Sarah* die in ihren Augen teilweise „entwürdigenden“ Gespräche mit Psychiatern empfunden. Die Entscheidung, Hormonblocker zu geben, führt die meisten Familien immer noch ins Ausland. Danach erst beginnen die eigentlichen Hormongaben.

Einfach war es nicht. Reaktionen wie „das ist nur eine Phase“ kennt Sarah* aus Gesprächen mit anderen betroffenen Eltern. Ihre Antwort darauf ist einfach. „Die Eltern haben eine Phase, nicht die Kinder“, sagt sie. „Sie trauern um das Kind, das sie mit einem bestimmten Geschlecht bekommen haben, und das dann ein anderes anstrebt.“ Transgenderkinder mögen ihren Körper oft nicht. Es ist für sie der falsche.

Aus dem Familienfotoalbum: Hier sind Sarahs* Kinder 12 und 6 Jahre alt. 

Aus dem Familienfotoalbum: Hier sind Sarahs* Kinder 12 und 6 Jahre alt.  Foto: Editpress/Alain Rischard

Eventuelle Zweifel an den Hormonblockern lösen sich in Sarahs* Fall schnell auf. Ihrem Kind geht es in ihren Worten während der Zeit „prächtig“. „Er musste nicht eine Pubertät durchleben, die nicht die seine ist“, sagt sie. „Diese ,Pausentaste‘ war eine Erleichterung.“ So argumentiert auch ITGL-Koordinator und Facharzt Schneider, der aus vielen Gesprächen die Unsicherheiten kennt.

Hormonblocker sind eine Pausentaste

„Die Frage, tue ich das Richtige, kann den Eltern erst in der Zukunft beantwortet werden“, sagt er. Außerdem ist der bürokratische Aufwand hoch. Sarah* hat einen dicken Aktenordner mit den ganzen Formularen, Dokumenten und Anträgen. Sie hatte Glück. Ihr Kind besucht die weiterführende Schule schon als Junge mit neuem Namen. Bei vielen läuft es nicht so glatt.

Mobbing und Ausgrenzung vor allem im Schulumfeld sind oft dann ein Problem, wenn das Transsein bekannt ist. „Ich empfehle Eltern immer, in der entsprechenden Schule nach den Inklusions- und Diskriminierungskonzepten zu fragen“, sagt Schneider. Wird gut damit umgegangen, haben die Betroffenen ein leichteres Leben.

Aber auch die Eltern haben eine Aufgabe. „Sie sollten ihre Kinder befähigen, mit Diskriminierung umzugehen“, sagt der Experte. Selbstbewusste Antworten und ein Freundeskreis, der für das Transgenderkind eintritt, helfen enorm. „Viele haben kein Verständnis“, weiß auch Sarah* und begegnet gleichzeitig einem Irrglauben. „Es gibt es mehr Transgenderkinder, als allgemein angenommen.“

* Der Name wurde von der Redaktion geändert. 

Intersex und Transgender Luxemburg (ITGL)

Die ASBL widmet sich der Verbesserung der Lebenssituation von Transgender-, Intersex- und Abinären -Personen und ist eine Anlaufstelle für Betroffene und deren Familien. Allerdings ist die ASBL seit geraumer Zeit auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, um Betroffene und ihre Familien in einem geschützten Raum treffen zu können. ITGL.lu, itgl.contact@gmail.com

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