Schifflingen hat einen neuen Bürgermeister
Carlo Feiereisen über Herausforderungen und Herzensangelegenheiten
Ein neuer Bürgermeister für Schifflingen. Dort herrscht seit 2023 eine große Koalition von LSAP und CSV mit paritätischer Besetzung des Schöffenrats. Carlo Feiereisen (LSAP) hat am 1. August nun Paul Weimerskirch (CSV) abgelöst – wie im Koalitionsabkommen abgemacht. Ein Gespräch über politische Leidenschaft, lokale Herausforderungen und seine Vision für die kommunale Zukunft.
Carlo Feiereisen: „Jeder, der sich in der Kommunalpolitik engagiert und an Wahlen teilnimmt, dürfte zum Ziel haben, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen“ Foto: Editpress/Alain Rischard
Tageblatt: Der Mann, der 2023 bei den Gemeindewahlen mit 2.495 Stimmen das beste persönliche Ergebnis aller Kandidaten erzielte, wartet bereits vor dem Rathaus: Bürgermeister Carlo Feiereisen. Ist er am Ziel angekommen?
Carlo Feiereisen: Jeder, der sich in der Kommunalpolitik engagiert und an Wahlen teilnimmt, dürfte zum Ziel haben, Verantwortung in der Gemeinde zu übernehmen. Nun bin ich Bürgermeister und weiß, dass ich als solcher mitunter auch gerne auf einer Liste bei Nationalwahlen gesehen werde. Schifflingen hätte es auch verdient, mit seinem Bürgermeister in der Chamber vertreten zu sein. Mein Fokus liegt zurzeit aber natürlich auf der Kommunalpolitik.
Aufgrund des Resultates Ihrer Partei und Ihrem persönlichen hätten Sie aber auch bereits 2023 Bürgermeister werden können?
Das stimmt, aber LSAP und CSV haben bei den Koalitionsverhandlungen damals abgemacht, dass die CSV noch zwei Jahre den Bürgermeister stelle und die LSAP die anderen vier.
Nun sind Sie Bürgermeister Ihrer Heimatstadt. Was ist das für ein Gefühl?
Glück, Zufriedenheit, Ehre, aber auch das Bewusstsein einer großen Verantwortung, vor allem für das Gemeindepersonal.
Wie war die Übergabe mit Paul Weimerskirch? Gab es einen symbolischen Moment oder einfach ein Handshake?
Alles griff bestens ineinander, absolut korrekt und unaufgeregt. Gefeiert wird demnächst noch.
Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger – und was fortführen?
Jeder hat seinen Stil, seine Art und Weise, mit Sachen umzugehen. Ich hatte das große Glück, Roland Schreiner (LSAP) lange Jahre bei der Ausführung seines Amtes zu beobachten und ich konnte Paul Weimerskirch über die Schulter schauen. Ein neuer Bürgermeister bedeutet nicht, dass alles anders gemacht wird.
Was ist der größte Unterschied zwischen Ihnen und Paul Weimerskirch?
Natürlich die Partei (er lacht) und das Alter. Aber ansonsten möchte ich nicht von Unterschied sprechen. Ich hoffe, in den Diensten der Gemeinde etwas von Pauls Einsatz zu haben. Ich möchte Entscheidungen möglichst schnell in der Gruppe treffen. Probleme im Keim ersticken, nicht auf die lange Bank schieben, sondern sie angehen, solange sie noch klein sind.
Wann und warum hat Politik in Ihrem Leben begonnen, eine Rolle zu spielen?
Ich war als Jugendlicher sehr aktiv in verschiedenen Vereinen, der Feuerwehr zum Beispiel oder in Sportclubs oder dem Briefmarkenclub. Ich habe damals nie verstanden, warum Schifflingen kein Jugendhaus hat. Knackpunkt für mein politisches Engagement war, als die damalige Bürgermeisterin Nelly Stein (CSV) abwinkte. Deshalb habe ich mich engagiert und bin zur LSAP gegangen. Heute haben wir ein Jugendhaus.
Wer hat Sie inspiriert? Gab/gibt es ein Vorbild?
Mit dem ehemaligen Bürgermeister Roland Schreiner tausche ich mich auch heute immer noch gerne aus. Seine Meinung ist mir wichtig. Andere Namen sind Romain Rehlinger oder Raymond Hopp.
Was sind Ihre konkreten Schwerpunkte für die kommenden vier Jahre bis zu den nächsten Kommunalwahlen und vielleicht darüber hinaus?
Es gibt deren eine ganze Reihe. Der ganze edukative Bereich zum Beispiel. Wir brauchen neue Schulen, die Europaschule zum Beispiel, mehr Plätze in den Maisons relais. Dann haben wir Defizite bei den Sport- und Kulturinfrastrukturen. Allgemein geht es um den Bau von Wohnungen. Dann soll aber auch das Zentrum von Schifflingen schöner werden, mit Shared Space und Neugestaltung des Grande-Duchesse-Charlotte-Platzes. Unser neues Parkhaus in Schifflingen bietet uns recht bald neue Möglichkeiten, um uns der Verschönerung der Ortschaft zu widmen. Das Projekt Metzeschmelz ist natürlich auch sehr wichtig. Es wird einiges verändern, eine Fahrradpiste durch das neue Viertel von Schifflingen nach Esch wird kommen, die Anbindung an den öffentlichen Transport wird besser werden … und vieles mehr.
Wie wollen Sie das Thema bezahlbares Wohnen in Schifflingen angehen?
Das ist ein großes Thema. Wir arbeiten an einer Reihe Projekten, um erschwinglichen Wohnraum zu schaffen. Mit rund 100 eigenen Sozialwohnungen, die wir permanent instandhalten, stehen wir nicht schlecht da. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und wissen, dass wir noch mehr machen müssen.
Stichwort Klimaschutz?
Wir machen und wollen auch in Zukunft mehr machen. Wir wurden zweimal mit dem „Energy Award Gold“ ausgezeichnet und einmal mit Silber im Rahmen von „Drëpsi“ für die Reduzierung des Wasserverbrauchs. Wir wollen in naher Zukunft zum Beispiel auch mehr auf Wärmepumpen umstellen.
Gibt es ein Herzensprojekt, das Sie unbedingt umsetzen wollen?
Wie gesagt, ganz wichtig ist die Schaffung von mehr und modernem Schulraum sowie Maison-relais-Plätzen. Sehr am Herzen liegt mir dann die Umgestaltung der Cité Emile Mayrisch, den ehemaligen Koloniehäusern der Arbed. Dort wollen wir endlich modernisieren, die Häuser hängen zum Beispiel immer noch nicht an der Kanalisation.
Wie sehen Sie die Rolle der Vereine, im Rahmen der lokalen Identität und des sozialen Zusammenlebens?
Ohne Vereine ist eine Ortschaft tot. Wir haben Glück, in Schifflingen noch viele aktive und recht gut funktionierende Vereine zu haben. Wir unterstützen sie deshalb auch gerne. Verbesserungen sind natürlich immer möglich. Vom neuen Sportkoordinator, der im Oktober in der Gemeinde beginnt, erwarten wir in dem Sinne zum Beispiel, dass er als Anlaufstelle die Interessen und Möglichkeiten aller Beteiligten zusammenführt.
Welchen Führungsstil wollen Sie in Zukunft pflegen?
(Er lacht) Sicherlich keinen autoritären, aber einen entschlossenen.
Wie wichtig ist Ihnen Bürgernähe?
Die Nähe zu den Bürgern ist das A und O. Wenn sie mir nicht wichtig wäre, hätte ich nichts auf dem Posten hier verloren.
Was bedeutet es für Sie, in einer Koalition mit der CSV zu regieren?
Angenehm, nicht anstrengend. Es ist ein Partner, den wir kennen und schätzen und mit Marc Spautz haben wir einen langjährigen, erfahrenen Politiker.
Der Verschleiß scheint groß bei Bürgermeistern. Wie bringen Sie Familie, Politik und Amt unter einen Hut?
Ich versuche, mich einzuteilen. Meine Familie soll nicht zu kurz kommen. Ich möchte mir Freiräume erhalten, weil die brauche ich, um Energie tanken zu können.
Was sagen Ihre Kinder dazu, dass der Papa nun Bürgermeister ist?
(Er lacht) Die sind mächtig stolz.
Was tun Sie, wenn Sie den Schreibtisch hinter sich lassen, wenn Sie abschalten wollen. Musik, Garten, Sport?
Ich treibe ein wenig Sport und gehe gerne in die Sauna nach Esch. Dort habe ich meine Ruhe. Ansonsten bin ich gerne mit Freunden und Familie unterwegs.
Gibt es einen Ort in Schifflingen, der für Sie besonders ist?
Einige, aber den Wald oben beim Leichtathletik-Terrain mag ich ganz besonders.
Zum Schluss noch ein Blick nach vorne: Was möchten Sie am Ende Ihrer Amtszeit sagen können?
Dass ich die Ziele, die ich mir setzte, erreicht habe und mir nicht vorwerfen muss, mich nicht genug eingesetzt zu haben.
Die Minetter Plateau-Landschaft, die sich hinter dem Stade Jean Jacoby auftut, ist dem neuen Bürgermeister ans Herz gewachsen Foto: Editpress-Archiv/Tania Feller
Carlo Feiereisen
Carlo Feiereisen (47) wurde am 20. Dezember 1977 in Esch-Alzette geboren. Seit 1999 ist er Mitglied der LSAP. Von 2012 bis 2023 war er Präsident der lokalen Sektion. Bis heute ist er Mitglied der Parteileitung. 2005 zog er erstmals in den Gemeinderat ein und wurde als Drittgewählter sofort Schöffe. Die LSAP unter Bürgermeister Roland Schreiner hielt damals die absolute Mehrheit. Von Beruf ist Carlo Feiereisen „infirmier anesthésiste“. Seit 2023 vertritt er den OGBL in der Personaldelegation des Chem, eine Aufgabe, der er auch künftig einige Stunden pro Woche widmen will.
Meine Familie soll nicht zu kurz kommen
Carlo Feiereisen
Bürgermeister