Kulturpolitik
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle vor der Ablösung
Nach dem Eklat auf den Berliner Filmfestspielen ist die Chefin des Festivals ihren Job offenbar los.
Nach nur zwei Jahren verliert die 56-jährige Amerikanerin ihren Posten als Intendantin vorzeitig Foto: dpa7Christoph Soeder
Bisher meldet es nur die Bild-Zeitung und alle anderen Medien, die dazu schreiben, zitieren aktuell nur den Springer-Verlag. Aber im politischen Berlin pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Heute findet eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Berliner Filmfestspiele statt, einberufen vom deutschen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU). Einziger Tagesordnungspunkt: die Ablösung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. So weit die harten Fakten, die zu Redaktionsschluss feststehen.
Es ist eine Nachricht, die das kulturpolitische Berlin erschüttert: Nach nur zwei Jahren verliert die 56-jährige Amerikanerin ihren Posten als Intendantin vorzeitig. Äußerer Anlass dafür ist ein Foto, dass sie zusammen mit einem syrischen Filmteam, der Palästina-Flagge und mehren Trägern der Kuffya (des Palästinenserhalstuchs) zeigt.
Woanders wäre dies eine Lappalie, in Deutschland aber berührt es den Kern des staatlichen Selbstverständnisses. Denn die Bundesrepublik erkennt im Gegensatz zu manchen anderen Palästina, einen „Staat“ ohne klares Staatsgebiet, Staatsvolk und demokratisch gewählte Repräsentanten, nicht an. Die Kuffya gilt manchen, nicht nur in Israel und unabhängig von ihrer komplizierteren Kulturgeschichte, auch als Symbol antijüdischen Terrors.
Schwächer denn je
Dass das in Deutschland nicht toleriert wird, hat gute Gründe: Die Deutschen, die Europa ab 1939 mit Weltkrieg und Besatzungsterror überzogen, Juden überall vertrieben und 6 Millionen von ihnen in deutschen Vernichtungslagern ermordet haben, haben zu Israel und Juden einen besonderen, sensibleren Bezug, der sich von allen anderen Nationen unterscheidet.
Deswegen war das Foto zumindest eine Instinktlosigkeit der als Festivalleiterin unerfahrenen Tuttle, die sich mit anderen Filmteams nicht mit Flaggen oder politischen Symbolen hat fotografieren lassen.
Und doch war dies nur der letzte Anlass einer Kündigung: Letztlich hat Tuttle nicht geliefert, wofür sie geholt worden war: Sie sollte den Wettbewerb und das Programm verbessern, das Festival wieder näher an die Konkurrenz von Cannes und Venedig heranführen; sie sollte nicht zuletzt US-Stars und Einkäufer wieder an die Spree holen. Das ist ihr nicht gelungen, die diesjährige Berlinale-Ausgabe war schwächer denn je. Auch das sind harte Fakten – und sie zählen noch mehr.