Zweiter Weltkrieg
Auch Luxemburgs Frauen leisteten Widerstand – doch ihre Geschichten sind fast vergessen
Die Schicksale der Luxemburger Widerständlerinnen zu dokumentieren und weiterzuerzählen – das ist zur Lebensaufgabe von Dr. Kathrin Mess geworden. Ein Interview über eine gesellschaftliche Gedächtnislücke und die Erlebnisse der Luxemburgerinnen in den Konzentrationslagern.
Weihnachtskarte für Luxemburger Mitgefangene, gezeichnet von Lily Unden, Buntstift auf ausrangiertem Büropapier, 1944 im KZ Ravensbrück Foto: Musée National de la Résistance et des Droits Humains Esch-sur-Alzette/Dr. Kathrin Mess
Zur Person
Foto: Dr. Kathrin Mess
Dr. Kathrin Mess studierte Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2006 promovierte sie mit einer Arbeit über das Tagebuch der Luxemburger Resistenzlerin Yvonne Useldinger, die das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hat. Seitdem widmet sich die Wissenschaftlerin intensiv der Erforschung des Schicksals Luxemburger Frauen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie setzt sich als Mitgründerin des Vereins „Amicale Frae vu Lëtzebuerg am II. Weltkrich“ gegen das Vergessen ein. Darüber hinaus engagiert sie sich an der Luxemburger Erwachsenenschule ENAD. Dr. Mess hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter das 2022 erschienene Werk „Hier kommst du nie mehr raus“, in dem sie die Geschichte von Widerstandskämpferinnen in Luxemburg erzählt.
Tageblatt: Sie widmen sich seit Jahren der Recherche über Luxemburger Frauen im Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Woher kommt die Verbindung zu Luxemburg?
Dr. Kathrin Mess: Die Verbindung entstand eher zufällig. Ich habe an der Humboldt-Universität studiert und an einem Seminar zu unveröffentlichten Zeitzeugentexten aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück teilgenommen. Bei Recherchen in der Gedenkstätte entdeckte ich unter anderem das unveröffentlichte Tagebuch von Yvonne Useldinger. Aufgrund meiner Studienschwerpunkte wurde ich gefragt, ob ich es editieren könnte. Im Tagebuch werden viele Luxemburger Frauen genannt, über die sonst kaum etwas bekannt ist oder die in Ravensbrück beziehungsweise kurz nach der Befreiung starben. Ich wollte diesen Frauen ein Gesicht geben und ihre Biografien erforschen. So entwickelte sich alles Schritt für Schritt – vor allem, nachdem ich Yvonne Useldinger selbst getroffen hatte. Später interviewte ich sieben Luxemburger Frauen, die im KZ inhaftiert gewesen waren. Daraus wuchs der Wunsch, eine umfassende Darstellung ihrer Lebensgeschichten zu schreiben.
Aufgrund Ihrer jahrelangen Recherche hatten Sie vermutlich viel Material?
Ja, sehr viel: Tagebücher, Interviews und Archivmaterial. Ich habe im Bundesarchiv in Berlin recherchiert und war in Auschwitz, Bergen-Belsen und Ravensbrück. Eigentlich könnte ich einen zweiten Teil schreiben. Nach der Buchveröffentlichung entstanden viele Kontakte zu Familien ehemaliger Häftlinge. Besonders wichtig waren für mich Fotos. Mein Anspruch ist, die Frauen nicht als entmenschlichte Nummern zu zeigen, sondern als Menschen mit Gesicht und Geschichte.
Persönlich signierte Ausgaben des Buches kann man per Mail an igsl@email.de bestellen Foto: Dr. Kathrin Mess
Viele sahen ihr Handeln gar nicht als Widerstand, sondern als selbstverständliche Hilfe für Menschen in Not
Dr. Kathrin Mess
Historikerin
Wie viele Frauen waren denn in der luxemburgischen Résistance?
Das ist schwer zu sagen, weil man den Begriff Résistance zunächst definieren muss. Ich würde ihn relativ weit fassen: Résistance umfasst für mich Handlungen, die dazu beitrugen, das NS-Regime in Luxemburg zu bekämpfen. Offiziell wurden über 700 Frauen vom „Conseil national de la Résistance“ ausgezeichnet. Ich schätze aber, dass mehr als 1.000 Frauen aktiv beteiligt waren. Viele sahen ihr Handeln gar nicht als Widerstand, sondern als selbstverständliche Hilfe für Menschen in Not.
Unterscheidet sich der Widerstand von Frauen von dem der Männer?
Für mich nicht. Oft wurde behauptet, Frauenwiderstand sei weniger bedeutend gewesen, weil er meist nicht bewaffnet war. Doch Frauen leisteten zentrale und lebensgefährliche Beiträge: Sie schmuggelten Waffen, fälschten Dokumente, arbeiteten als Kundschafterinnen, organisierten Verstecke und versorgten Verfolgte. Viele Luxemburgerinnen waren außerdem als „Passeurinnen“ tätig, weil sie sich in Grenzregionen gut auskannten. Dabei half ihnen auch ihre Mehrsprachigkeit.
Warum ist das Thema Frauen in der luxemburgischen Résistance nicht so präsent?
Lange Zeit wurde darüber wenig gesprochen, auch weil in der Nachkriegszeit oft niemand die Geschichten der Rückkehrerinnen hören wollte. Für viele wirkten diese Erzählungen wie ein stiller Vorwurf. Hinzu kam eine konservative, katholisch geprägte Gesellschaft, in der Frauen kaum öffentlich Gehör fanden. Viele wollten das Erlebte außerdem vergessen und in ein normales Leben zurückkehren. Tragisch ist, dass ihre Erfahrungen kaum dokumentiert wurden. Die wenigen Frauen, die dazu noch in der Lage waren, habe ich selbst interviewt.
Bleibt also eine Art Gedächtnislücke?
Ja, in gewisser Weise schon.
Was haben die Luxemburger Frauen im KZ erlebt?
Viele Luxemburgerinnen waren im KZ bemerkenswert gut vernetzt – untereinander, aber auch mit Frauen anderer Nationalitäten. Lily Unden schrieb zum Beispiel über 200 Briefe für französische Mithäftlinge, die nur auf Deutsch schreiben durften. Der Zusammenhalt war groß. Unden sorgte auch dafür, dass neu ankommende Luxemburgerinnen möglichst in bessere Arbeitskommandos kamen, etwa in die Schneiderei. Das konnte überlebenswichtig sein.
In einer Umgebung, in der Menschen täglich starben, waren solche Gesten Ausdruck von Hoffnung, Menschlichkeit und Solidarität
Dr. Kathrin Mess
Historikerin
Wie viele Luxemburger Frauen überlebten die Konzentrationslager nicht?
Auch hier sind die Zahlen nicht ganz eindeutig. Insgesamt waren etwa 200 Luxemburger Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Rund ein Drittel von ihnen überlebte nicht – darunter auch Frauen, die kurz nach der Befreiung an den Folgen der Haft starben.
Gibt es persönliche Geschichten, die Sie besonders berührt haben?
Ja, sehr viele. Eine besonders eindrückliche Geschichte betrifft Yvonne Useldinger. Sie bekam während ihrer Haft in Trier ein Kind, das sie bald abgeben musste. Ihre Mutter zog das Kind auf. Später erhielt sie in Ravensbrück für wenige Momente ein Foto ihrer Tochter, das sie aber nicht behalten durfte. Die Mitgefangene Lily Unden zeichnete es sofort detailgetreu ab, damit sie wenigstens eine Kopie behalten konnte.
Fernande Useldinger, gezeichnet von Lily Unden, Bleistift auf ausrangiertem Büropapier, 1944 im KZ Ravensbrück Bild: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück
Welche Rolle spielten solche kleinen Gesten im Lageralltag?
Eine große. Lily Unden fertigte zum Beispiel kleine Weihnachtskarten für andere Luxemburgerinnen an. In einer Umgebung, in der Menschen täglich starben, waren solche Gesten Ausdruck von Hoffnung, Menschlichkeit und Solidarität.
Gab es auch Gruppen von Frauen, die weniger Unterstützung erfuhren?
Ja, besonders Frauen, die als „asozial“ stigmatisiert wurden. Sie kamen oft aus bitterarmen Verhältnissen, hatten keine Ausbildung und keine familiäre Unterstützung. Sie wurden nicht nur im Lager, sondern auch nach 1945 weiter ausgegrenzt. Ihre Geschichten sind bis heute wenig erforscht – das ist ein Thema, dem ich mich künftig stärker widmen möchte.
Woran arbeiten Sie aktuell?
Ein besonders spannendes Projekt dreht sich um die Luxemburgerin Helene Hirtz, die im KZ Ravensbrück Rezepte sammelte. Sie tauschte sich mit anderen Frauen über Gerichte aus und schrieb diese später auf – ein erstaunlicher Akt kulturellen Widerstands. Nach dem Krieg eröffnete sie ein Restaurant und wurde später sogar eine der ersten Sterneköchinnen Luxemburgs. Gemeinsam mit ihrem ehemaligen Chefkoch Antonio Pretti arbeite ich nun daran, diese Rezepte mit Schülern von der ENAP und dem Ausbilder Tom Marson nachzukochen und in einem Buch zu dokumentieren.
Was erwartet das Publikum bei Ihrem Vortrag am Donnerstagabend?
Ich zeichne ein Panorama der Luxemburger Gesellschaft von 1933 bis in die Gegenwart. Es geht nicht nur um die Zeit des Widerstands, sondern auch um das Leben der Frauen danach: Wie wurden sie aufgenommen? Welche Spuren haben ihre Erfahrungen hinterlassen? Und was sollten wir heute aus ihrer Geschichte lernen?
Die Gemeinde Sanem organisiert einen Vortrag von Dr. Kathrin Mess zum Thema „Luxemburger Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime“. Die Veranstaltung findet am 16. April um 19.00 Uhr in der rue de France 10 in Beles statt. Der Vortrag wird auf Deutsch gehalten, eine französische Übersetzung ist auf Anfrage möglich. Anmeldungen sind per E-Mail an service.secd@suessem.lu möglich.