Alain spannt den Bogen
Anne-Sophie Mutter enttäuscht, das LPO und die Solistes Européens glänzen
Am Sonntagabend gastierte das London Philharmonic Orchestra unter der Leitung seiner ersten Gastdirigentin Karina Canellakis in der Philharmonie. Auf dem Programm dieses Tourneekonzertes standen Jean Sibelius Pohjolas Tochter, das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky und die 7. Symphonie von Ludwig van Beethoven. Eine Tag später präsentierten die Solistes Européens Luxembourg einen packenden Kammermusikabend mit Werken von Mozart, Mahler und Brahms.
Die Dirigentin Karina Canellakis brachte Sibelius’ nicht immer eingängige Musik zum Atmen Foto: Inês Rebelo de Andrade
Alain Steffens Klassik-Rubrik im Tageblatt Bild: Tageblatt
Dass das Konzert des LPO einen bitteren Nachgeschmack hinterließ, lag an der Solistin Anne-Sophie Mutter, die sich an diesem Abend in keiner sonderlich guten Verfassung befand und darüber hinaus durch ihren divenhaften Aufritt verärgerte. Dabei hatte alles sehr gut angefangen.
Goldene Himbeere für Anne-Sophie Mutter
Der volle, dunkele Klang des Londoner Orchesters passte exakt zu Sibelius’ Tondichtung, die in allererster Linie von Stimmungen und Klangfarben lebt. Die Dirigentin Karina Canellakis brachte dann auch Sibelius’ nicht immer eingängige Musik zum Atmen und erwies sich als eine kluge Gestalterin dieser finnischen Klanglandschaften. Die Musik hatte Corpus und beeindruckte immer wieder durch das wunderbar stimmige Dirigat von Canellakis. Mit dem Erscheinen von Anne-Sophie Mutter kippte dann die Stimmung.
Die Violinistin machte keinen Hehl daraus, dass sie der Star des Abends ist. Kein Wunder also, dass sie divengleich die ganze Bühne für sich beanspruchte und wohl bewusst Orchester und Dirigentin zu simplen Begleitern degradierte. Auf einmal schlug Canellakis nur den Takt und das LPO spielte wie auf Eiern und schien auch keine große Lust zu haben, Mutter einen schönen Klangteppich auszulegen. Das schien die Violinistin aber kaum zu stören. Doch da sie nun so vor einem quasi unsichtbaren Orchester spielte und somit alle Aufmerksamkeit auf sich konzentrierte, wurden ihr mangelhaftes Spiel und ihre schlichtweg schlechte Interpretation doppelt deutlich hörbar.

Die Violinistin Anne-Sophie Mutter, hier im Jahr 2021, nahm in Luxemburg viel Raum ein Foto: Quincena Musical, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
Ich habe Anne-Sophie Mutter in den letzten 30 Jahren sehr oft gehört und immer war ich von ihrer stupenden Spieltechnik, ihrem reinen, kristallklaren Klang und ihren überzeugenden (wenn auch selten sensationellen) Interpretationen begeistert. Dieses Mal aber schlichen sich viele falsche Noten und schlecht improvisierte Passagen ein, der Spielablauf besaß keine Konsequenz und wechselte zwischen unerträglicher Larmoyanz und einer absurden Schnelligkeit, die mit Virtuosität und spielerischer Eleganz überhaupt nichts zu tun hatte. Der langsame, von Mutter dahingesäuselte 2. Satz erinnerte mehr an die Filmmusik von Doktor Schiwago als an Tschaikowski selbst. Doch während Maurice Jarre für seinen Soundtrack 1966 den Oscar erhielt, muss man Anne-Sophie Mutter für diese schlechte Leistung den Negativ-Preis Goldene Himbeere verleihen.
Positive Wende
Egal, der Saal war voll, das Publikum johlte und fast jeder freute sich. Als Zugabe spielten Mutter und das LPO den langsamen zweiten Satz „Song“ aus „Tango, Song and Dance“ (2001) von André Previn. Nach der Pause fand das Konzert dann wieder in die rechte Spur zurück. Die Musiker waren präsent, die Dirigentin engagiert. Wohl erlebte man eine typische Tourneeaufführung, die allerdings war gut geölt und von Karina Canellakis bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Und darin lag dann auch ihre Stärke; diese 7. Symphonie von Beethoven lebte durch ein präzise austariertes Spiel und eine konsequente Auslegung und relativ objektive Leseart.
Alles passte, jede Melodie, jeder Akzent, jede Dynamik fügte sich in ein kraftvolles, pulsierendes Orchesterspiel. Die Leistung des LPO war makellos, vor allem der dunkeltimbrierte Gesamtklang und die markanten, aber nie übertriebenen Akzente sowie ein natürlich vorwärtsdrängender Puls gefielen und ließen dieses Konzert dann noch recht positiv ausklingen, wenngleich das Geklatsche des Publikums zwischen den Sätzen wieder einmal störte.
Dynamische Kammermusik vom Besten
Hochkonzentriert und sehr diszipliniert ging es dagegen bei dem Kammerkonzert der Solistes Européens zu. Hier spielten Joseph Moog, Klavier, Vlad Stanculeasa, Violine, Rumen Cvetkov, Bratsche, und Anik Schwall, Cello, Klavierquartette von W.A. Mozart, Gustav Mahler und Johannes Brahms. Bereits bei Mozarts „Klavierquartett Nr. 1 KV 478“ überraschten die vier Musiker mit einem packenden, stark akzentuierten und dynamischen Spiel, das Mozarts Musik sehr guttat. Die vier Musiker sind kein festes Ensemble, demnach besitzen sie jetzt keinen typischen, eigenen Klang oder Stil. Das störte aber nicht, zumal hier der Improvisationscharakter stärker zur Geltung kam und ein sehr direktes, unmittelbares Spiel nicht nur Mozart, sondern dem ganzen Konzert einen leicht jazzigen Charakter verlieh.

Joseph Moog, Vlad Stanculeasa, Rumen Cvetkov und Anik Schwall überraschten mit einem dynamischen Spiel Foto: Michal Stolorz
Es ist erstaunlich, dass Mahlers frühes Klavierquartett nicht öfters aufgeführt wird. Denn dieses kurze, einsätzige Werk, das Mahler im Alter von 16 Jahren komponierte, besticht einerseits durch melodiöse Schönheit, andererseits durch eine bereits beachtenswerte Behandlung der vier Stimmen. Allerdings lässt sich aus diesem Quartett nur wenig auf den späteren Mahler beziehen. Die vier Musiker gingen auch hier recht forsch zur Seite und unterstrichen den Brahms-Charakter dieses Frühwerks. Einen quasi symphonischen Klang erlebte das Publikum nach der Pause mit Johannes Brahms wundervollem 3. Klavierquartett, das mit vollem Engagement gespielt wurde.
Das Zusammenspiel der vier Musiker erwies sich als optimal, wenngleich man sich von Anik Schwall weniger Vibrato und mehr Klangpräsenz gewünscht hätte. In dem vorwärtsstürmenden Spiel ihrer drei Kollegen war sie nämlich der ruhende Pol, der immer wieder zu intimistischen und lyrisch anmutenden Momenten einlud. Leider war ihr schönes, rundes Spiel etwas zu leise und wurde zu oft von ihren munter drauflosstürmenden Partnern überspielt. Trotzdem: ein wunderbares Konzert mit hundertprozentigem Engagement, großer Musikalität und einem tollen Programm. Moog, Stanculeasa, Cvetkov und Schwall sind darüber hinaus ein tolles Team und sie sollten sich überlegen, zu einem festen Ensemble zusammenzukommen.